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Preview: Haltungsturnen - Klopfzeichen aus der Wirklichkeit

Haltungsturnen



Niveau sieht nur von unten aus wie Arroganz.



Updated: 2016-12-01T23:31:18.307+01:00

 



Dankbar

2016-11-17T17:20:41.757+01:00

Es gehört zu den schönen Dingen am Älterwerden, dass deine Kinder keine Kinder mehr sind sondern Erwachsene werden. Zumindest die älteren deiner Kinder. Die jüngeren werden Jugendliche. Das ist anders schön. Ja wirklich, irgendwie, so im Nachhinein, wenn ich an die jetzt erwachsenen denke, als sie jugendlich waren.
(image)
Symbolbild: gelingende Erziehung
Und nach und nach zeigen sich die Früchte dessen, was du versucht hast all die Jahre. Obwohl alle mit erzogen haben an deinen Kindern.

Nach und nach zeigt sich, ob die Herzensbildung zumindest in Ansätzen erfolgreich war, die du versucht hast. Oder die Liebe zur Bildung, zum Lesen, zu Wesen.

Nach und nach zeigt sich, ob hinter der Rebellin auch dein Sohn, deine Tochter schlummerte und nun doch noch erwacht.

Es ist merkwürdig, deine Kinder groß werden zu sehen. Meistens fällt dir gar nicht auf, wie merkwürdig es ist, denn es passiert ja nicht, es mäandert so vor sich hin. Es ist nicht plötzlich da. Selbst wenn du dir irgendwann die Augen reibst und dich fragt, wann sich dieser Mensch so verändert hat, dass du auf einmal stolz bist. Und dankbar.

Obwohl – dankbar war ich eigentlich immer. Oder zumindest immer wieder. Denn nichts lässt einen so lebendig sein und so unanfällig für die Blasen, in denen einige deiner Freundinnen zappelt, wie Kinder. Und Jugendliche. Und Erwachsene. Die du begleitet hast.

Du hast immer gedacht, dass du versagst. Du hast Nächte durchgeweint vor Zorn und Verzweiflung. Und andere durchgewacht vor Sorge. Du hast geschlafen wie ein Stein vor Erschöpfung. Du bist hochgeschreckt beim kleinsten Geräusch. Die ersten Monate bist du aufgestanden, um nachzugucken, ob das Kind noch lebt, mitten in der Nacht. Später war es anders und doch immer auch gleich.

Und dann zieht dein erwachsenes Kind bei deinen Großeltern, seinen Urgroßeltern ein. Um sich um sie zu kümmern und für sie da zu sein. Und du merkst, dass alles wunderbar geworden ist.

(Zwei unserer vier Kinder sind nun erwachsen. Und ungefähr so geworden. Wirklich. Ich kann da nicht viel für. Aber es ist toll und ich bin so dankbar, dass ich manchmal Tränen in den Augen habe, wenn ich davon erzähle. Es gibt nichts Schöneres auf der Welt als viele Kinder zu haben, die so unterschiedlich sind wie es nur geht. Und doch alle auch ähnlich und Teil von uns. Ich liebe euch.)

(und ansonsten könnte man auch dieses lesen – über Kindererziehung in diesen Zeiten. Irgendwie bin ich froh, dass es andere Zeiten waren, als wir unsere groß machten.)



Blockchain-Kommunikation

2016-10-28T14:13:53.339+02:00

Der nächste Level im Content MarketingVerglichen mit dem, wo Kommunikation über die letzten Jahre schon war, ist Content Marketing eigentlich ein Rückschritt gewesen. Was mindestens zum Teil auch erklärt, warum es solche Begeisterung unter Kommunikatorinnen und Kommunikatoren ausgelöst hat: versprach Content Marketing doch eine Rückkehr zum Wasserfallprinzip in der Kommunikation; zur vermeintlichen (wenn auch nur scheinbaren) Kontrollierbarkeit von Kommunikation.Im Grunde war Content Marketing für einige Zeit eine gute Antwort auf die Frage, wie klassische „Reklame“ unter den Bedingungen aussehen kann, die der massive Medienwandel geschaffen hat, der vor etwa zehn Jahren stattfand.Allerdings hat sich seit diesem Wandel die Welt ja weitergedreht, hat der (weitere) technologische Wandel auch vor der Medien- und Kommunikationslandschaft nicht halt gemacht. Stichworte sind unter anderem die Inflation der Daten – schon rein mengenmäßig –, die beginnende künstliche Intelligenz oder auch die Verknüpfung von immer mehr Datenpunkten und Geräten, die wir unter dem gleichzeitig über- und unterschätzten Thema Internet of Things diskutieren. Und als aktuelles „heißer-Scheiß“-Thema eben die Blockchain.Und während Medien unter dem Stichwort „Homeless Media“ eine Antwort auf diese Veränderungen suchen (sehr gut, radikal und bisher auch ziemlich überzeugend setzt dies in Deutschland vor allem „Funk“, der neue Jugend“kanal“ von ARD und ZDF um), müssen sich Kommunikatorinnen, vor allem aber Agenturen, meines Erachtens endlich mit den Möglichkeiten beschäftigen, die sich konzeptionell aus eben dieser Blockchain ergeben – auch wenn das zurzeit noch vor allem Entwicklerinnen aus Start-up- und Fintech-Umfeldern umtreibt, die aber nicht weniger als die nächste große Revolution im Internet bedeutet.Was ist eine Blockchain?Einmal nur als Kommunikator auf die Blockchain geguckt und nicht unter technischen Gesichtspunkten, geht es bei einer Blockchain darum, dass Einzelteile („Blocks“) fest und untrennbar (und am Ende quasi nicht oder kaum manipulierbar) zu einer Kette („Chain“) verbunden sind. Im Fintech-Bereich ist die Blockchain darum so spannend, weil sie Transaktionen nachvollziehbar macht und auch Kleinstbeträge sinnvoll abbilden kann, weil Vertrauen in die Richtigkeit eines Blocks aus der Kette entsteht und nicht daraus, dass eine Institution für die Richtigkeit garantiert. Es ist die recht radikale Anwendung der Ideen von Open Source – offener, nachvollziehbarer, transparenter Quellen – auf alle anderen Bereiche, in denen außer bei Software ebenfalls Vertrauen in die Richtigkeit, Vollständigkeit und Nicht-Korrumpierbarkeit wichtig ist.Was bedeutet das Konzept Blockchain für die Kommunikation?Die Frage, wie eigentlich Themen gesetzt und Geschichten erzählt werden können, ohne dass sie von Anfang an durchgeplant sind und nach einem Drehbuch abgearbeitet werden können, ist eine, die moderne Kommunikation seit langer Zeit umtreibt. Wir nennen das PR. Oder neudeutsch Influencer Relations (oder, wenn wir nicht so direkt aus der PR kommen: Influencer Marketing). Der Gedanke einer Blockchain bringt nun noch einen weiteren Aspekt in diese Fragestellung: Wie können wir eine Geschichte erzählen, ein Thema setzen, ein Gespräch oder eine Bewegung abbilden, wenn die einzelnen Teile eine wirkliche, vielleicht sogar nicht-lineare Kette bilden? Wie kann aus dieser Verbindung Vertrauen entstehen, ohne dass wir jedes Einzelteil kennen oder jede handelnde Person mögen oder ihr vertrauen? Wie kann die Blockchain selbst eine tragende Rolle spielen, sozusagen systemisch?Ohne eine Blockchain zu eng als Technologie zu verstehen, können wir an vielen Orten und in vielen Systemen bereits den Grundgedanken sehen: dass Vertrauen und Verlässlichkeit durch das System an sich entsteht, selbst, wenn wir einzelne in diesem System doof finden oder dumm oder unzuverlässig. Aber durch die feste Verknüpfung bekommen die Einzelteile einen Ort, werden vertrauenswürdig und ve[...]



Die Deplorablen*

2016-09-19T12:48:52.841+02:00

Das, was Menschen in meinem Umfeld zurzeit massiv umtreibt, ist die Frage, wie die Gesellschaft politisch gerade auseinander fällt. Mit der Landtagswahl in Mecklenburg und der Stadtwahl in Berlin ist die Ratlosigkeit bei fast allen, die ich kenne und schätze, groß: Ja, dass die Autoritären den Menschen ein Gehör verschaffen, die sich zuletzt (oder schon immer) aus dem politischen Diskurs raushielten oder verabschiedet hatten, ist das eine. Dass sie faktisch den gesamten Diskurs bestimmen, das andere. Dabei mal gar nicht auf die massive Dummheit der CSU geschielt, das überall in Europa gescheiterte Nachlaufspiel nachzuspielen.Das, was die Diskussion unter denen, die Anhängerinnen der Demokratie sind, so kurios macht, ist, dass jede aus ihrem eigenen Betätigungsfeld heraus eine vordergründig richtige Analyse anbieten kann. Letzte Woche saß ich mit Menschen aus Kirche, Diakonie, Politik und Medien zusammen beim Bischofsdinner – und fand es faszinierend, wie sicher sich die Chefs der Diakonie waren, dass der Aufstieg der autoritären Partei AfD in Deutschland seine Ursache im sozialen Auseinanderfallen der Gesellschaft und in der neoliberalen Wirtschaftspolitik hat. Und die Zahlen – dass Menschen, die AfD wählen, größtenteils eine niedrige formale Bildung haben und aus dem stammen, was man früher Arbeiterschicht genannt hat – sprechen an der einen Stelle auch dafür.(Weshalb, aber das nur am Rande, meines Erachtens Sahra Wagenknecht auch taktisch richtig liegt, wenn sie den Wettbewerb auch inhaltlich zwischen ihrer Partei und der AfD sucht. Selbst wenn ich sie dafür verachte: sie hat aus Sicht der Linken Recht. Was m.E. wiederum Teil des Problems ist, aber das ist eine andere Geschichte.)Ich habe mich in jener Veranstaltung dann dahingehend geäußert, wie ich auch hier schon das eine oder andere Mal schrieb - dass ich den Aufstieg der AfD eben eher unter dem Stichwort "autoritär" als unter dem "populistisch" sehe. Und dass einiges an den Zahlen, besonders krass in Österreich und den USA, wo ja ebenfalls autoritäre Nationalisten sehr erfolgreich sind gerade, dafür spricht, dass sie vor allem Männer ansprechen, die nicht klarkommen damit, dass die Welt sich zu ihren Ungunsten verändert: weil sie weiblicher und bunter geworden ist. Weil, verkürzt ausgedrückt, in diesem Land das biodeutsche Patriarchat sein Rückzugsgefecht führt.Und war überrascht, mit welcher Massivität mich mein Parteifreund und Präsident meiner Landessynode, Andreas Tietze, hinterher anging. Er scheint auch ein Anhänger der "Sozialthese" zu sein (so hab ich seine Kritik verstanden), meinte, die Zahlen für Mecklenburg gäben die Männer-Frauen-Analyse nicht her.Wer hat eigentlich Männern das Wahlrecht gegeben?Für Mecklenburg und Berlin habe ich mir genau die Frage darum noch einmal angeguckt, welche "Abgehängten" denn nun AfD wählen. Und um meine These und Schlussfolgerung gleich vorweg zu nehmen: Das ist dann eben so.Die werden "wir" auch nicht zurück gewinnen. Die historische Leistung von SPD und CDU, sie irgendwie mitzuvertreten und "einzuhausen", können (CDU) oder wollen (SPD) die beiden Parteien nicht mehr leisten, nur noch die Linke schafft das teilweise, was ich ihr trotz aller Kritik an ihr hoch anrechne. Politisch denke ich, wir werden damit leben müssen, dass die Deplorablen, also die, bei denen jedes Argument hoffnungslos scheitert und die sich - bewusst oder unbewusst - außerhalb eines demokratischen Konsenses bewegen, für die Zukunft dieser Gesellschaft verloren sind. Was individuell tragisch ist, ja. Aber nicht zu ändern. Wer sich nicht verändern will, wenn die Welt sich weiterdreht, wird eben zurück bleiben (das meine ich nicht sozial, das ist ein anderes Thema; aber politisch und von der Machtverteilung).Es ist nun mal nicht zu ändern und logisch, dass heterosexuelle, weiße Männer die Verlierer der Veränderungen sind, die unsere Gesellschaften durchmachen. Und das unabhängig von der sozialen Frage (weshalb es auch nicht ungewöhnlich ist[...]



Sehr geehrter Herr Höttges,

2016-09-06T10:24:42.299+02:00

ich bin im Prinzip ein großes Fan der Telekom, nachdem ich damals zu den ersten gehörte, die weg gingen - ich komme immer wieder. Das liegt vor allem an zwei Dingen: zum einen an der Stabilität der Services und dem eher konservativen Leistungsversprechen, das die Telekom jeweils gibt. Und zum anderen am Kundenservice.Tatsächlich habe ich auch in meinen aktuellen Fall am Kundenservice selbst nichts auszusetzen - die vielen, vielen Stunden, mit denen sich der Kundenservice mit großer Geduld mit mir um die Frage gekümmert hat, wie ich halbwegs akzeptables Internet auf dem Land bekomme, finde ich beeindruckend. Gemeinsam mit dem Kundenservice bin ich aber nun an eine Grenze gestoßen, die wahrscheinlich nur von Ihnen und Ihrer Kollegin und Ihren Kollegen im Vorstand gelöst werden kann.Dieses ist das Problem:Im Grunde haben Sie eine ganz gute Lösung für den ländlichen Raum entwickelt – das Hybridinternet, bei dem eine (digitale) Leitung mit LTE kombiniert wird zu einem Produkt, das allen Anforderungen an eine normale Internetnutzung genügt (wir wollen gar nichts Besonderes). Einzige Voraussetzung dafür ist, dass eine ganz, ganz kleine DSL-Leitung liegt und dass die mit Annex J ausgestattet ist, also ein IP-Anschluss ist.Und hier kommt unser Problem: von den beiden Leitungen, die in unseren Hof führen, ist eine kaputt (von einem Baum zerstört, wenn wir den Techniker, der das gemessen hat, richtig verstanden haben). Und die andere noch analog. Und weder die Planungsabteilung noch die Technikabteilung bei uns in Schleswig-Holstein scheinen die digital machen zu wollen. Wobei wir da immer wieder widersprüchliche Aussagen bekommen - mal heißt es, die Leitung sei zu lang (die Dämpfung zu groß - obwohl genau das ja mit Annex J "bekämpft" werden soll), mal heißt es, es sei im Verteiler kein Port mehr frei, um die die Annex J Karte zu stecken. Either way: wir bekommen keinen digitalen Anschluss.Uns ist dabei bewusst, dass unsere Leitung grenzwertig lang ist, weil die Telekom den letzten Verteiler in unserem Dorf beim intensiven Ausbau in unserer Region (wir sind nahe Eutin) ausgelassen hat und nicht plant, ihn einzubeziehen. Und uns ist bewusst, dass die Telekom zögert, eine lange Leitung IP-fähig zu machen, weil darunter die Verlässlichkeit und Qualität von Telefonie leiden könnte. So weit unser Verständnis.Nun haben wir aber echt viele Vorschläge gemacht. Von einer Flatrate für LTE (wir probieren gerade mit dem 30GB-LTE-Internet rum, aber das ist echt gar nichts. Nach zwei bis vier Tagen ist das verbraucht, obwohl wir den Kindern Video und 3D-Games gesperrt haben) bis hin zum Angebot, Ihnen rechtssicher zu versichern, dass wir nicht telefonieren werden (denn hey, wir wollen nur Internet, wer braucht heute schon noch Festnetz?). Alles ginge nicht, letzteres nicht, weil sich die Telekom an ihre AGB gebunden sieht.Wir sind echt keine Exoten, glaube ich. Ich arbeite hin und wieder von zu Hause, leite als Geschäftsführer eine Agentur. Meine Frau ist Lehrerin, nur noch zwei unserer vier Kinder sind zu Hause, die wollen zwar gerne das Internet so nutzen wie ihre Freundinnen und Freunde, sind aber bereit, auf ein normales Leben zu verzichten, wenn wir irgendwie halbwegs normales Internet bekämen. Aber selbst mit diesem Verzicht reicht das maximale LTE-Paket vorne und hinten nicht.Ja, es ist unsere eigene Entscheidung gewesen, aufs Land zu ziehen. Allerdings haben wir bei Ihnen vor dem Kauf des Hofes nachgefragt, welche Internetoptionen es konkret an dieser Adresse gibt - und uns wurde Hybrid fest zugesagt. Ob wir den Hof sonst gekauft hätten, bin ich mir nicht ganz sicher.Können Sie uns helfen, ein normales Leben zu führen? Und uns Internet geben, das uns nicht 8 EUR am Tag kostet?Herzlichen Dank und freundliche GrüßeWolfgang Lünenbürger-Reidenbach(PS: der Versuch, Ihnen dieses per E-Mail zuzuschicken, ist bisher gescheitert, das hätte ich sonst sehr gerne gemacht)[...]



Wir schaffen das

2016-08-31T09:32:09.921+02:00

Heute vor einem Jahr sagte die Bundeskanzlerin diesen Satz. Ob intuitiv oder gedrechselt? Ist mir nicht wichtig. Es ist ein großer Satz. Einer, der bleibt. Einer, der wahr ist. Einer, der vielen Menschen in meinem Umfeld wichtig ist — von denen nur wenige verdächtig sind, Angela Merkel vorher gemocht zu haben.

Für mich ist dieser Satz im letzten Herbst und Winter wichtig gewesen, auch persönlich wichtig; und bleibt es weiterhin. Wir waren in unserem Stadtdorf am Hamburger Rand gerade dabei, die Zivilgesellschaft zu organisieren für die bis dahin größte Unterkunft für Vertriebene. Da elektrisierte uns dieser Satz. 

Vielleicht ist es ähnlich wie für einen guten Freund damals die Ruckrede (die mir so gar nichts sagte, im Gegenteil). Er saß mit Freundinnen im Keller und machte einen Plan, der wenig später aufging und tatsächlich disruptiv war, eine gesamte Branche komplett veränderte. Sie hatten die Ruckrede an der Wand hängen und lasen sie jeden Morgen. 

Die Ruckrede ist wohl das Einzige, was von Herzog bleiben wird. Vielleicht ist es am Ende auch nur das (heute sehr große) Startup, das sie damals wesentlich motivierte. 

Wir schaffen das 
wird das sein, was von Merkel bleibt. Was viele motivierte. Zum Guten. Und zum Bösen. Eine Art defining moment für sowohl die Zivilgesellschaft als auch die autoritär-identitäre Massenbewegung, die dieses Wochenende einen weiteren Höhepunkt feiern wird. 

Tatsächlich finde ich diesen Satz so wunderbar, weil er die entscheidende politische Frage wie unter einer Lupe deutlicher macht: 
  • Wollen wir halbwegs optimistisch und mit Vernunft und unserem Kopf streiten um den richtigen Weg in die Zukunft, wollen wir also eine Demokratie – und glauben wir, dass Demokratie ein Weg ist, eine (gute) Zukunft zu schaffen? 
  • Oder wollen wir uns auf unsere Gefühle verlassen, wenn es darum geht, die empfundene Wirklichkeit zu beschreiben, wollen wir also eine autoritäre Alternative zur Demokratie – und glauben wir, dass die Zukunft ohnehin nicht gut ist?
Wir schaffen das
ist ein Satz, der für Vernunft, Streit und Demokratie steht. Dafür bin ich ein Jahr nach diesem Satz immer noch dankbar. 



Vom Recht und der Lust, sich ausbeuten zu lassen

2016-08-26T16:43:14.325+02:00

Da sehe ich Umfragen (oder ihrer Präsentation in Medien), dass irrwitzig viele Irre staatliche Bekleidungsvorschriften für Frauen befürworten. Und frage mich, ob die wirklich alle irre sind. Oder woran es liegt, dass in meinem kohlenstofflichen Umfeld niemand auf nur ein einziges Mal über Burkas oder Verbote oder so was gesprochen hat in den letzten Wochen. Nur online. In den Diskussionsdingend meiner Partei beispielsweise. Oder auf Twitter. Oder in einigen wenigen Blogs.Symbolbild für BadebekleidungIch finde es eigentlich schon irrwitzig genug, dass wir einige Bekloppte 2016 über eine Frage reden, die schon 1850 quasi niemanden mehr aufregte. Beispielsweise wie jemand baden geht. Siehe das Symbolbild (das allerdings wahrscheinlich von 1910 oder so ist).Finde ich es ok, wenn sich Frauen komplett unter Wäsche verstecken? Ja, denn es ist mir egal. Finde ich es ok, wenn sie das tun, weil sie "bescheiden" sind oder um Männer nicht zu reizen? Nein, ganz und gar nicht. Auch, nachdem ich das Stück von Aheda Zanetti im Guardian gelesen habe, der Burkini-Erfinderin, finde ich das nicht ok. Kann ich es akzeptieren, dass und warum sie es tun? Ja, selbstverständlich. Muss ich sogar.Das ist die Stimme, die mir so leise vorkommt in dieser bewusst von autoritär-konservativen Politikern vergifteten "Diskussion". Dass ich aus den unterschiedlichsten Gründen bestimmte Kleidung absurd und gesellschaftlich falsch und frauenfeindlich finden kann – und es zugleich noch absurder, noch falscher und noch frauenfeindlicher finde, wenn der Staat oder auch nur die misogyne Gesellschaft Vorschriften für oder Verbote von Kleidung meinen machen zu können.Wo bitte leben wir denn? Und in welcher Zeit? Meiner Mutter hat man versucht, zu kurze Röcke zu verbieten – und heutigen Frauen versucht man, zu lange Kleidung zu verbieten? Merkt ihr, ne?Ein Staat, der seinen Bewohnerinnen Kleidungsvorschriften macht, ist keine Demokratie. Sondern ein autoritärer Staat. Eine Partei, die das Verbot bestimmter Kleidung fordert, ist nicht demokratisch sondern autoritär. Und das widert mich an. Und ganz ehrlich: dabei ist mir egal, ob das gesunde Volksempfinden auf der Seite der Widerlinge steht.Ich denke, dass es wichtig ist, beides zu tun in der jetzigen Situation: Klar Stellung zu beziehen gegen die Versuche, die Demokratie durch ein autoritär-plebiszitäres Modell zu ersetzen. Genau das tun die Verächter der Demokratie in allen Parteien, die jetzt über ein Burkaverbot oder ein Burkini-Verbot faseln. Und zugleich klar Stellung zu beziehen gegen patriarchale, reaktionäre Gehirnwäsche, die Männer unter dem Deckmantel einer Religion ausüben.Mein Opa sagte damals, in den 80ern, als ich mit ihm über Entfremdung und Ausbeutung und Kapitalismus diskutierte, dass er sich, wenn das Ausbeutung sei, wie er als Arbeiter arbeite, gerne ausbeuten ließe. Das hat mich damals wahnsinnig gemacht, war aber eigentlich recht weise von ihm. Denn er hat die Ausbeutung nicht bestritten. Zanetti argumentiert in jenem Guardian-Text ähnlich wie mein Opa damals. Die Entfremdung durch die patriarchale Unterdrückung akzeptierend, lebt sie dennoch gerne. Das macht mich heute wahnsinnig, aber das muss ich akzeptieren. Nicht zustimmen, aber akzeptieren.Wer die "Frauenfrage" autoritär lösen will, springt ebenso zu kurz wie die, die Freiheit verteidigen, ohne die patriarchale Unterdrückung und Entfremdung in den Blick zu nehmen. Daran scheint mir die irrwitzige Auseinandersetzung zu kranken. Und für die Zwischentöne, die gleichzeitig für das Recht kämpfen, etwas zu tun, was sie an anderer Stelle bekämpfen, ist da kaum noch Platz. Das macht mich traurig.[...]



Zwischen Hoffnung und Angst

2016-08-11T17:48:15.524+02:00

Es ist nahezu verrückt. Jetzt, nach AfD, Österreich, Trump, Brexit, Türkei, den Text wieder zu lesen, den ich heute vor fünf Jahren in dieses Blog reinschrieb. Der sich heute liest wie direkt auf dem Weg zu den revolutionären, autoritären Bewegungen, die wir überall sehen und die überall in (ehemaligen) Demokratien unheimlich dicht an die knappe Mehrheit kommen.

Und heute, mit all dem, was in den letzten fünf Jahren passiert ist, diesen Text zu lesen und vor allem den Text, der ihn inspiriert hat, jenen fulminanten Essay von Seibt über die mutwillige Zerstörung der Politik durch die Konservativen und Rechten seit den 80ern, macht mir Angst und Mut zugleich.



Führung und Leben

2016-07-13T18:06:43.518+02:00

Nach dem (ja, finde ich) unsäglichen kress.de-Text über die mögliche Unmöglichkeit von Teilzeitführung in einer Redaktion (und der Bestätigung dieser an sich meines Erachtens abstrusen These durch den Verlag selbst, um den es ging) gibt es jetzt zwei hilfreiche Texte, die etwas Sachlichkeit in die Debatte bringen. Von der geschätzten Kollegin Nicola Wessinghage ebenfalls auf kress.de; und vom einzigen anderen bekennenden feministischen Unternehmensführer, Robert Franken, in seinem Blog.  Tatsächlich haben Nicola und Robert die Perspektive gerade gerückt – hin zum wie, weg vom ob.Oder, wie ich letzte Woche sagte,Das dümmste, was ich heute von einer anderen Agentur hörte, war, dass Karriere in Teilzeit dort nicht ermöglicht wird. Kopf -> Tisch— Wolfgang Lünenbürger (@luebue) July 6, 2016Womit wir bei Agenturen, Jobs, Führung und meiner eigenen Erfahrung wären.Alles ist in Teilzeit möglichAls ich in den 90ern ins Parlament meiner Kirche gewählt worden war, habe ich einmal versucht, eine Leitungsstelle (eine Pröpstin in dem Fall) mit einem Tandem zu besetzen. Wir haben mit einer Gruppe Feministinnen ein Tandem für eine Kandidatur zusammen zu stellen versucht und zugleich die Lücke im Gesetz ausfindig gemacht, die dieses ermöglichen würde. Seit dem, noch bevor ich selbst in die Berufstätigkeit startete, bin ich überzeugt, dass jede Aufgabe auch über Teilung des Jobs erledigt werden kann. Und in Teilzeit.Seit ich an Stellen angekommen bin, an denen ich das aktiv gestalten und mitbestimmen kann, versuche ich zu zeigen, dass das stimmt. Und bisher merke ich, dass es (1) im Prinzip tatsächlich stimmt und (2) trotzdem nicht klappt, ohne dass wir zerrissen werden zwischen Anspruch, Wirklichkeit und den verschiedenen Verantwortungen, die wir im Leben so übernehmen.Planung und BereitschaftEs ist ja eben kein Zufall, dass auf einer meiner Stationen die einzige Führungskraft jener Firma, die nach Mutterschutz und Elternzeit wieder in ihren bisherigen Job zurück kehren konnte, eine meiner Mitarbeiterinnen war – und wir es nicht nur vorher sehr genau besprochen und geplant hatten; sondern uns auch genau die Frage gestellt hatten, die Robert als zentral formuliert (wo ich ihm exakt zustimme):Wie stellst Du, lieber Arbeitgeber, sicher, dass ich meinen Job auch während meiner Zeit mit Baby so ausüben kann, dass meine Bedürfnisse nicht hinter den Deinen zurückstecken müssen?Wir haben damals die Aufgaben genau auf die zehn Stunden zugeschnitten, die meine Mitarbeiterin während der Elternzeit weiterarbeiten wollte. Und nach und nach die Stunden erhöht, wie es die Familiensituation zuließ. Das einzige, was sich nie änderte: sie blieb für genau die Menschen Vorgesetzte, für die sie es vorher war. Und war ihre Chefin, auch wenn sie wenig vor Ort war. Ging gut. Sehr gut sogar.Verantwortung und TeilzeitIch bin inzwischen ja, wie ihr wisst, verantwortlich für die Geschäftsführung einer Agentur in Deutschland, Cohn & Wolfe. Und mein Führungsteam hat neben mir zurzeit fünf Direktorinnen. Von denen arbeiten zwei in Vollzeit bei Cohn & Wolfe, eine hat mehrere Aufgaben in unseren Firmen und steht uns in Teilzeit zur Verfügung – und zwei arbeiten in Teilzeit, mit unterschiedlich vielen Stunden. Beide haben in Teilzeit Karriere gemacht übrigens. Und für ihre letzte Beförderung auf dieses Führungslevel, das Budget-, Kundinnen-, Profit- und Mitarbeiterinnenverantwortung umfasst, haben sie auch nicht ihre Stunden erhöht.Es wäre gelogen, zu sagen, bei uns liefe es optimal. Und es wäre ebenso gelogen, zu sagen, dass sie nur die Stunden arbeiten, für die sie bezahlt werden (das ist bei niemandem so, der oder die in einer Agentur Verantwortung trägt, aber das wissen wir Agenturleute). Aber was funktioniert, ist, dass wir es schaffen, unseren Teil dazu beizutragen, die Balance zwischen den versch[...]



#TeamGinaLisa

2016-06-28T17:23:00.681+02:00

Mich lässt der "Fall" Gina-Lisa Lohfink nicht los. Als wir vor drei Wochen einen Preis für Onlinekommunikation für unsere (Cohn & Wolfe) Kampagne #nurwennicheswill gewonnen haben, widmeten wir den Preis bewusst allen Frauen, die sich gegen Übergriffe wehren, obwohl sie nur selten Recht bekommen in diesem Land und obwohl sie von Behörden und Justiz sehr oft sehr schlecht behandelt werden.Danke. Wir sind total glücklich. Und widmen den Preis #TeamGinaLisa und allen Frauen, die sich trotz allem wehren. https://t.co/OlPRu3Cpkj— Wolfgang Wolfgangson (@luebue) June 8, 2016Für mich ist dies aus vor allem zwei Gründen so wichtig:Zum Einen, weil der Prozess gegen Frau Lohfink ein Thema nach vorne und in die größere Wahrnehmung holt, das mir wichtig ist – und in dem ich als Mann eine zuhörende Rolle übernehmen muss. Weshalb mich Richter Fischer so ankotzt, um es mal auf deutsch zu formulieren.Und zum Anderen, weil gerade die Person Lohfink in diesem Zusammenhang so interessant ist.Es bedrückt mich, wenn ich sehe, wie in meiner Generation (Mitte vierzig) und selbst noch in der Generation meiner älteren Kinder (um die zwanzig) Mackerverhalten und brutales Besitz- und Benutzdenken von Männern und Jungs Frauen gegenüber verbreitet ist. Das reicht vom ehemaligen Chef, der sich das Recht nimmt, junge Mitarbeiterinnen gegen ihren Willen anzufassen, über die Jungs, die ein Mädchen, das gerne Sex hat, als Matratze der Schule diffamieren, und emotionale Erpressung bis hin zu Vergewaltigung.Und es erschreckt mich, wie die Tatsache, dass nahezu alle Menschen, die ich kenne, Frau Lohfink unangenehm finden und schräg und ihre Art, mit Sex umzugehen, ablehnen, wie diese Tatsache bei allzu vielen einen Reflex auslöst, der im günstigsten Fall fragt, ob das wirklich alles so war, und im ungünstigsten auf ein "selbst Schuld" hinausläuft.Gerade weil mir Frau Lohfink unangenehm ist, ist der Prozess gegen sie so ein Fanal. Denn egal, ob jemand unter Drogen ist, betrunken oder nackt. Egal, ob eine schon mal Pornos gedreht hat oder ihren Körper vermarktet. Egal, ob eine schlau ist oder nicht, sich die Haare entfärbt oder Intimrasur betreibt. Alles egal – sie hat das Recht, nicht vergewaltigt zu werden. Punkt.  Dass ihr dann der Prozess gemacht wird, weil sie wollte, dass ihre Vergewaltiger betraft werden, ist krank.Wie bei so vielen anderen Dingen auch gibt es bei Vergewaltigung keine "Mitschuld" des Opfers. Ja, es kann sich vorwerfen, nicht früh genug nein gesagt zu haben vielleicht. Es kann sich selbst vorwerfen, mit einem Arschloch und Verbrecher getrunken oder gefeiert zu haben. Aber es kann sich nicht vorwerfen oder vorwerfen lassen, dass es vergewaltigt wurde.Es macht mich unendlich zornig, wenn ich sehe, was mit einer Frau (und Frau Lohfink steht hier nur stellvertretend für viele, viele tausend Frauen jedes Jahr, denen exakt das gleich passiert) gemacht wird, die sich traut, sich zumindest nachträglich gegen die Vergewaltigung zu wehren. Es irritiert mich zutiefst, wenn ich sehe, dass Menschen, Männer zumeist, die sich klar zu "Nein heißt Nein" bekennen, im Fall von Lohfink schwimmen und schwurbeln. Sich auf das Ablenkungsmanöver mit den K.O.-Tropfen oder eben nicht einlassen. Das Thema auf eine grundsätzliche Ebene ziehen. Allzu viele Fragen sehen, die ungeklärt seien. Ja, kann alles sein – aber eine Vergewaltigung bleibt eine Vergewaltigung. Und Sex gegen den Willen einer Person ist eine Vergewaltigung. Sex ohne aktive, explizite Zustimmung einer Person ist eine Vergewaltigung. Egal, welche Fragen sonst noch offen sind. Und wenn mir der Prozess gemacht wird, weil ich möchte, dass meine Vergewaltiger betraft werden, ist das krank (sagte ich das schon?).Das Leben ist nicht nur schwarz-weiß und es gibt unendlich viele Spielformen, die im Konsens auch Dinge ermöglichen, die mi[...]



Die Ernte der Disruptionspredigten

2016-06-24T14:04:59.832+02:00

Ich interessiere mich schon sehr lange für die Kontinuitäten in den Umbrüchen und Veränderungen. Kurz gesagt (und ja, etwas zu holzschnittartig) für das Leben, das weitergeht und sich für die allermeisten Menschen gar nicht so radikal und schon gar nicht so schnell verändert, wie es einerseits die Predigten des Untergangs und der Veränderung behaupten und wie es andererseits in der historischen Rückschau oft scheint. 2004 deutete ich dieses Thema das erste Mal hier im Blog an. Stichworte sind Werner Durth und Otto Baumgarten. Aber das nur am Rande.Vielleicht ist es aber diesem Interesse, das aus dem Studium in den frühen 90ern herrührt, geschuldet, dass ich immer gegen die Profetinnen* des Untergangs, der Wandels, der Disruption immun war. Dass ich meine gesamte berufliche Beschäftigung mit Social Media über beispielsweise eher die Dinge betont habe, die gleich bleiben in der PR, bei denen es nur um eine neue Arena aber nicht um ein neues Paradigma ging.Das aber nur vorab, um ein bisschen Kontext zu schaffen für das, was mich in den letzten Monaten so oder so umtreibt. Und wo ich Ursachen, nicht Anlässe für die krassen Bruchkanten in unseren (europäischen) Gesellschaften sehe.Diese Bruchkanten - nicht nur bei #Brexit - zwischen Alten und Nichtalten und zwischen ängstlichen Autoritären und Optimistinnen sind krass.— Wolfgang Lünenbürger (@luebue) June 24, 2016Das macht mich unruhig. Und mit diesem Text schließe ich an meine Überlegungen zu den Autoritären (wer dazu was wissen will, kurz dem Link folgen) an, versuche ich, die Gedanken dazu zu ordnen, wieso die ängstlichen Autoritären so stark geworden sind.DisruptionsrhetorikDenn ich bin mir recht sicher, dass die Disruptionsrhetorik, die auch viele Menschen in meiner Ecke des Internets, die ich sehr schätze, in der Feder führen, einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet hat. Dieser profetische Impetus, den ich im Grunde sogar verstehen kann, wenn es einfach nicht voran geht, wenn es mal wieder alles langsam zu langsam ist, wenn mal wieder die Falschen das Falsche beschließen. Die Idee, dass alles ganz anders sein oder werden muss und das auch bittesehr ganz ganz schnell, weil wir sonst alle sterben werden. Oder zumindest unsere Wirtschaft. Oder das Internetz.Die durchweg positive Sichtweise auf Disruption, die sich im Zuge der neoliberalen Revolution bis hinein in ehemals linke oder emanzipatorische Kreise durchgesetzt hat, ist ja ironischerweise im Kern ein totalitäres Konzept, das philosophisch auf Nietzsche und ökonomisch auf Schumpeter zurück geht, der ein recht radikaler Verteidiger des Kapitalismus war.Im Rahmen einer Wirtschaftsweise, die alle anderen gesellschaftlichen Ziele der Kapitalmaximierung unterordnet (also im Rahmen eines nicht durch gesellschaftliche Regeln, beispielsweise die Soziale Marktwirtschaft, begrenzten freien Kapitalismus), ist die Idee, dass Disruption durchweg gut ist, auch vernünftig. Absurd wird sie nur, wenn sie sich verselbstständigt, wenn sie gesellschaftlichen Fortschritt postuliert – oder wenn sie ein Ziel um ihrer selbst willen wird.Denn die Disruptionsrhetorik, die vor allem bei digitalen Pionieren oder Netzaktivistinnen gerne genutzt wird, hat in letzter Konsequenz vor allem das eine Ziel, das Disruption selbst ja auch hat: Die Akzeptanz für technokratische, eindimensionale, angeblich alternativlose und quasi vulgär-naturwissenschaftliche Behauptungen über die Zukunft zu schaffen.AlternativlosigkeitÄhnlich scheint es sich meiner Meinung nach mit der Rhetorik der Alternativlosigkeit zu verhalten. Hier noch etwas offensichtlicher in den Folgen, denn der Aufstand der ängstlichen Autoritären gegen die unpolitische Behauptung der Alternativlosigkeit führt als Partei ja gerade das Wort "Alternative" im Namen.Das Problem ist nur: sowohl die Disrupti[...]



Väter! Ihr seid gefragt!

2016-05-24T13:53:11.459+02:00

Mir gehen die Versteherinnen und Versteher der Leute, die überall auf der Welt autoritäre Bewegungen unterstützen, ohnehin auf die Nerven. Ob wir die – der Einfachheit wegen – Nazis nennen oder Idioten oder eben Autoritäre, das ist mir fast egal. Nicht egal ist mir, dass sie den Handlungsspielraum massiv einschränken, den eine Demokratie hat, weil es auf einmal keinen Wettstreit der Ideen unter nicht-autoritären Politikansätzen mehr gibt. Aber, an dem Rumreiten auf dem Wort "Autoritäre" merkt ihr es, diese Beschreibung dessen, was politisch nicht nur bei uns sondern eben auch in fast allen anderen Ländern mit ehemals bürgerlichen Demokratien passiert, leuchtet mir ein.Die Idee, das, was politisch gerade passiert, über eine autoritäre Haltung zu beschreiben, begegnete mir erstmals im Januar in einem sehr spannenden Artikel über Trump und den amerikanischen Wahlkampf. Dieser Link lohnt sich sehr, auch weil er sehr einfach beschreibt, wie ein autoritäres Weltbild, eine autoritäre Haltung erforscht und festgestellt werden kann. Das Spannende ist, dass in diesem Fall über vier Fragen, die alle mit Erziehung der eigenen Kinder zu tun haben, zwischen autoritär und weniger autoritär unterschieden wird. Dazu gleich mehr, weil ich denke, dass das richtig ist, so lange wir die Verantwortung für die Entwicklungen nicht komplett privatisieren. Diese Woche dann zwei weitere sehr lesenswerte TexteAnlass war jeweils Österreich, wo ja spannenderweise das Konzept auch von SPD und CDU, mit der autoritären Herausforderung umzugehen, so krachend gescheitert ist.Wer weiß, ob Olaf Scholz, den ich ja ohnehin für sehr problematisch halte, heute seinen meiner Meinung nach gefährlichen Text zum Umgang mit den deutschen Autoritären (naja, ist er ja selbst auch einer, also Autoritärer, darum wahrscheinlich auch dieses Problem) noch immer schreiben würde.Zum einen der erste Text, den ich in deutschen Medien wahrgenommen habe, der die Erfolge der rechten Bewegungen über das Thema der Autoritären beschreibt, Bernd Ulrich in der Zeit. Zum anderen ein interessantes Interview auf jetzt.de über das, was nun der Anlass für diesen Text hier bei mir im Blog ist – dass es so einen auffälligen Unterschied im Wahlverhalten von (jungen) Frauen und Männern gibt.Auch hier eine Anmerkung im Kleingedruckten: Den letzten Absatz, die letzte Antwort im Interview, sehe ich sehr anders. Denn die Hoffnung, dass sich autoritär-faschistische Parteien, einmal an der Macht, zivilisieren würden, halte ich für historisch widerlegt. Das war auch die Hoffnung des autoritären Bürgertums in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts.Was hat das mit uns zu tun?Alles. Denn ob unsere Jungs auf ihre Verunsicherung mit einer autoritären Haltung reagieren oder nicht, darauf haben wir die ersten zwanzig Jahre Einfluss. Und zwar ganz besonders wir Väter.Übrigens zeigen die letzten Wahlergebnisse überall, wie wichtig es ist, als Vater von Jungs Feminist zu sein. Nämlich.— Wolfgang Lünenbürger (@luebue) May 24, 2016Es ist ja nicht zu bestreiten, dass die Vorstellung, wie Leben und Zusammenleben sein soll, die in Schule und Kindergarten, in einem großen Teil der Medien, in der Rechtsprechung und Gesetzgebung transportiert wird, von der gesellschaftlichen Realität sehr stark abweicht. Interessanterweise sind wir in diesem Land in der Theorie ja sehr viel weiter auf dem Weg in eine gerechte und nicht-patriarchale Gesellschaft als in der Praxis. Und das gilt noch mehr in den Ländern, in denen die autoritären Bewegungen schon länger als bei uns sehr wirkmächtig sind und massive Zustimmung bei Wahlen erfahren, beispielsweise in Skandinavien, den Niederlanden und den USA.Mir leuchtet das Erklärungsmuster sehr ein, dass die autoritären Bewegungen ein gewaltsames Aufbä[...]



Zickig

2016-04-27T13:49:45.983+02:00

Als Vater von Jungen bin ich oft schnell dabei gewesen, zu sagen "sei doch kein Mädchen". Und das, obwohl ich, wie ihr ja wisst, in einer feministischen Umgebung aufgewachsen bin. Inzwischen weiß ich, wie sehr solche Worte das Rollenverständnis nicht nur prägen sondern auch spiegeln.Danke übrigens nochmal an @KaiDiekmann. Für NICHTS. pic.twitter.com/cEWVtxD1Vp— Pinkstinks.de (@pinkstinksde) April 27, 2016Ähnlich ist es mit Worten wie "zickig" oder "Zicke".Ja, es werden auch (ganz selten) Männer oder Jungen mit diesem Wort beschimpft. Aber meistens, so ist meine Erfahrung, um neben der eigentlichen Beschimpfung auch noch die Beleidigung "du Mädchen" mitzugeben.Jetzt, wo meine Tochter größer wird und die üblichen Dinge tut, die meine Söhne auch taten, als sie größer wurden, fällt es mir noch mehr auf. Am Ende der Grundschulzeit wurde deutlich: Was bei Jungs als "wild" akzeptiert wurde, galt bei ihr als "aggressiv". Wo Jungs "dominant" genannt wurden, hieß es über sie, sie sei "zickig". Heute wird, durchaus in einer im Prinzip ideologisch deutlich offener und feministischer geprägten Schulumgebung, misogyne Kakkscheiße immer noch als "Streit" verniedlicht – wenn sich die Tochter auch körperlich wehrt, wenn sie von einem Jungen als "fett" oder "hässlich" beschimpft wird.Da bin ich empfindlich. Und immer noch peinlich berührt, wenn dies von Lehrerinnen oder anderen Eltern nicht als Problem gesehen wird. Das aktuelle Problem ließ sich entschärfen, indem Secundus, ihr feministischer Bruder mit Punk-Attitüde, Quarta mal auf dem Schulhof der Kleinen besuchte. Aber irgendwie auch nicht so geil.Ich finde es eine gute Idee, das Wort "zickig" umzudeuten, es in einen anderen Kontext zu stellen. Aber so weit sind wir noch nicht. Und darum verwende ich es nicht mehr. "Herrisch" ist aktuell meine Lieblingsalternative, auch aus dem Grund, dass es so wunderbar pseudomännlich klingt.Sprache verändert Verhalten und Haltung.Das ist meine Erfahrung. Sprache ist – zumindest in kulturellen Zusammenhängen, die stark sprachlich geprägt sind – eben nie unwichtig, zweitrangig, weg vom "eigentlichen". Unachtsamkeit bei Sprache ist auch nur selten wirklich boshaft – aber das ist auch nicht entscheidend. Wenn nur schlecht wäre, was jemand mit böser Absicht macht, wäre die Welt ein sehr viel besserer Ort. Schlecht kann auch etwas sein, das mir nicht selbst als schlecht auffällt. Denn dass es mir auffällt, hat auch viel mit Prägung zu tun, mit Erfahrung, damit, dass mich andere darauf aufmerksam machen. Mit meinem blinden Fleck. Und damit, dass ich mich selbst mit meinen eigenen Befindlichkeiten nicht so wichtig nehmen.Sexistische stereotypische Kakkscheiße am Morgen auf dem Weg in die Brotdose der Kinder aussortiert. pic.twitter.com/16XCpR0LYG— Wolfgang Lünenbürger (@luebue) April 27, 2016Ja, die eine oder andere wird nicht sofort bei Traumtänzer an einen Mann und bei Lieblingszicke an eine Frau denken. Aber am Ende ist das nicht wichtig. Denn es geht nicht um dich.***Morgen ist der traditionelle Girls' Day, der heute oft auch Boys' und Girls' Day heißt. Da geht es um eine Arbeitswelterkundung, die vor allem dazu dienen soll, stereotype Rollenbilder in der Berufswahl aufzubrechen. Das klappt ungefähr so gut wie in der Werbung.[...]



Sexy und sexistisch

2016-04-24T00:15:42.656+02:00

So ganz grundsätzlich bin ich komplett gegen Verbote, Regelungen, Gesetze. Weil ich so naiv bin, zu glauben hoffen, dass selbst mittelalte, mittelkreative Männer irgendwann in der Lage wären, zu reflektieren. Ich dachte ja echt, wir haben 2016. Ach lassen wir das. allowfullscreen="" frameborder="0" height="360" src="https://www.youtube.com/embed/LLk2aSBrR6U?rel=0&showinfo=0" width="640">Wahrscheinlich ist es nur meiner Filterblase geschuldet, dass ich quasi nur ebendiese, nämlich mittelalte und mittelkreative Jungs, gesehen habe, die angesichts der Diskussion, ob Menschen zu Objekten degradierende Werbung verboten werden sollte, nichts anderes zu tun haben als den Untergang der freien Welt zu vermuten.Eigentlich wollte ich ja nix dazu sagen. Aber erstens muss ich mal wieder was in dieses Blog schreiben. Und zweitens hat es mich dann doch sehr beschäftigt. Denn dicht am Untergang unserer Zivilisation und noch mehr unserer Branche (also der PR- und Werbebranche) ist ja eigentlich eher, dass es überhaupt einen Anlass gibt, zu diskutieren, ob und wie wir Werbung los werden könnten, die nicht nur extrem unkreativ ist sondern eben auch Menschen zu Objekten degradiert. Exemplarisch diskutiert an der sexistischen Objektifizierung von Frauen.SexySexy ist toll, finde ich. Selbstbewusste Sinnlichkeit, Aktivität, Schönheit. Da ist so viel Potenzial für Kreativität drin. So viel Intelligenz möglich. Allerdings auch – und das ist dann nach meiner Erfahrung mit den mittelalten mittelkreativen Jungs Teil des Problems – nötig.SexistischIch persönlich finde ja sexistische Bilder oder überhaupt sexistisches Verhalten das Gegenteil von sexy. Ist aber logischerweise eine persönliche Sichtweise. Der Vorteil an Sexismus ist unbestritten, dass auch bei nur geringer Begabung schnell effektvolle Dinge in der Kommunikation möglich sein. Platt geht halt immer, wenn ich dann noch schnell eine zu meinen mittelguten und wenig kreativen Ideen passende und wohlklingende Strategie zimmere, kann ich eventuell sogar einen Kunden überzeugen, wenn der an den gleichen Beschränkungen leidet wie ich.Insofern kann ich den Aufschrei in gewisser Weise verstehen – denn es hat ja auch seine Gründe, warum es Agenturen allzu oft nicht gelingt, auf der Suche nach Sinnlichkeit und Sexyness Sexismus aus dem Weg zu gehen. Es ist einfach echt mühsam und erfordert ein gerüttet Maß an Selbstreflexion und – sic! – Kreativität. Oder zumindest Humor.Persönlich brauche ich keine gesetzlichen Regeln, die vorschreiben, dass Menschen als Subjekte und nicht als Objekte anzusehen und zu zeigen sind. Wer sexistische Kakkscheiße produziert und das Werbung nennt, ist eh nicht satisfaktionsfähig. Nur haben wir ja inzwischen 2016. Und zwanzig Jahre Diskussion über dieses Thema und unzählige Rügen und noch mehr Beschwerden beim Werberat haben immer noch nicht dazu geführt, dass es weniger geworden wäre.Werbung hat ein reales Sexismusproblem in DeutschlandEs ist wohl deutlich naiver, anzunehmen, "der Markt" werde es alleine richten, als anzunehmen, Menschen seien lernfähig. Obwohl schon letzteres allzu naiv ist, wie sich rausstellt. Zwanzig Jahre Diskussion, ohne dass sich etwas ändert, ist ein Marktversagen, das dann eben eventuell ein Eingreifen der Gesellschaft (in diesem Fall in Form des Gesetzgebers) nach sich zieht. Jammern oder großes Zensurgeschrei helfen dann eher nicht. Und sind dazu auch noch lächerlich, wenn nur schwer kaschiert werden kann, dass es um die eigene, offen gelebte sexistische Agenda geht. Denn Knotentänze von Geschäftsführern mit sexy jungen Auszubildenden sind schließlich auch ein Menschenrecht.[...]



Facebook ist nicht nur Pediga-Hass – Vom Aktivieren der Zivilgesellschaft

2016-03-29T10:11:39.403+02:00

Sommer 2015. Auf einmal kam uns Onlinerinnen eine Aufgabe zu, mit der wir nicht gerechnet haben. Weil wir schon morgens auf dem Klo mehr kommunizieren als die meisten unserer Nachbarinnen über den ganzen Tag, waren wir im Vorteil. Wussten früher, was passiert, hatten früher die Informationen zusammen, haben früher erfahren, wie es andere vor uns gemacht haben, bei denen schon ein, zwei, viele Wochen vorher Vertriebene angekommen und in Hallen und Zelten untergebracht worden waren. Und auf einmal haben einige von uns Aufgaben übernommen, von denen sie vorher noch nie gehört haben. Waren Führungskräfte in der Zivilgesellschaft geworden und Leitungen im Ehrenamt. Viele von uns zum ersten Mal in ihrem Leben. Onlinerinnen kommt eine Schlüsselrolle im Bau der neuen Zivilgesellschaft zu, die wir annehmen müssen und ausfüllen können. Rund um dieses Thema und entlang dieser Überlegungen werden übrigens Silke Plagge, Sven Dietrich und ich einen Lightning Talk bei der re:publica halten.****I. Das Beispiel „Meiendorf Hilft“Bei uns in Meiendorf haben drei der vier halbwegs reichweitenstarken Bloggerinnen und Online-Aktivistinnen im dörflichen Stadtteil, am Rande Hamburgs, mitgemacht. Alle um die vierzig, alle mit Familie, alle mit Beruf. Wir kennen uns online, sind uns hin und wieder über den Weg gelaufen, leben in verschiedenen Kreisen. Es ging damals schnell und mehr oder weniger passiert alles per Zufall. Eine von uns entdeckt durch Zufall die Meldung genau in der Minute, in der die Stadt bekannt gibt, dass eine sehr große Unterbringung für Vertriebene zu uns kommt – und twittert die anderen (offen) an. Innerhalb von etwas mehr als einer Stunde wissen wir alles, was es öffentlich dazu zu wissen gibt. Ich selbst bin im Dorf aufgewachsen und kenne hier schon immer die Leute aus Stadtteilkonferenz, Kirche und Sportverein. Die quasi-Bürgermeisterin und Lokalpolitikerin ist die frühere Leichtathletik-Trainerin meiner Jungs. Der dritte kennt welche, die drei Dörfer weiter in Hamburg seit drei Wochen eine Zeltstadt begleiten. Also gehen wir offline – und rufen all diese Leute an.Nach einem Tag sind die Vereine, die Kirchen, die Parteien an Bord. Reden in E-Mail-Verteilern, telefonieren. Für uns drei ist es ein Wochenende mit so vielen Telefonaten wie nicht mehr, seit wir aus der Pubertät raus waren und online gingen.Und dann passierte etwas, das uns verändert hat: Wir haben es in die Hand genommen. Einen Twitter-Account angelegt. Eine Facebook-Gruppe gegründet (die heute rund 1000 Mitglieder hat). Unsere Freunde bei Jimdo angeschrieben und eine Website gebaut. Einfach losgelegt, ohne dass uns jemand beauftragt hätte. Heute sind wir drei in der Koordinierungsgruppe von „Meiendorf Hilft“. Nicht, weil wir von irgendwelchen Vereinen delegiert worden wären – sondern weil wir es können. Weil wir da waren. Weil wir Antworten hatten, als andere noch Fragen stellten. Weil unsere Nachbarinnen uns vertrauen, weil wir sofort loslegten.Auf der Infoveranstaltung der Stadt haben wir schon sagen können, dass es Twitter und Facebook gibt. Als die Offlinerinnen, die helfen wollten, noch einen Zettel auslegten, in den sich die anderen eintragen sollten, haben wir ein Google-Doc gebaut und ein Google-Form auf der Website gehabt, die online war, bevor die anderen überhaupt daran dachten, dass so was sinnvoll sein könnte.Als wir 200 Menschen zusammen hatten, die in den Listen und Datenbanken waren, weil sie helfen wollten, und sich die Koordinierungsgruppe tatsächlich erst das erste Mal traf und eine Vollversammlung her musste, war uns klar, wie die laufen wird. Uns. Nicht den erfahrenen Ehrenamtlichen. Denn wir kannten Barcamps. Und haben einfach einen [...]



Denk ich an Deutschland

2016-02-28T22:15:24.045+01:00

Dramatik, Tiere, Kinder, Wildnis, ein Happy End. Alles, was eine gute Geschichte braucht. Passiert im Sommer 2014 im Kattegat. Die Geschichte zur Abschlussgala der Social Media Week Hamburg heute Abend: #140Geschichte – und der Abend selbst ist ja auch mitgeschnitten worden, unten ist das Video eingebunden...Ein Tweet und seine GeschichteWir waren im Heidegebiet zwischen Dünen und Wald mit den Kindern und dem Hund wandern. Oder spazieren gehen wohl eher. Schönes Wetter, hin und wieder war das Meer zu sehen. Wir spielten mit dem Hund, der vor uns her auf dem Pfad durch die Heide und die dichter werdenden Büsche lief.Monty geht mit uns spazierenWir haben einen tollen Hund. Ein kleiner Mini Australian Shepherd, gerade für einen Rüden wirklich sehr klein. Er bleibt bei uns, weil er ein Hütehund ist – und weil er auch ein bisschen ängstlich ist, ehrlich gesagt...Als wir um eine Ecke bogen, lief er etwas vor uns her und steckte seine Nase ins Unterholz, als er irre laut aufjaulte und einen Riesensatz nach hinten sprang. Er klemmte den Schwanz ein und versteckte sich zitternd hinter uns. Zwar ist er ängstlich, aber so was hatten wir wirklich noch nie erlebt.Was dann passierte, veränderte unser LebenWir dachten an einen spitzen Stein oder so was. Ich ging ein paar Schritte vor und guckte auf die Stelle, von der er weggesprungen war. Und hörte nicht nur ein (wenn man es aus heutiger Sicht betrachtet wirklich unerhört) lautes Zischen. Sondern sah auch eine sich hoch aufrichtenden Schlange. So was hatte ich noch nie gesehen, die liegen sonst immer träge in der Sonne, wenn man sie mal zu sehen bekommt. Diese hatte den Kopf erhoben, das Maul leicht geöffnet, die Zunge rausgestreckt. Sehr aufgeregt.unsere KreuzotterDie Frau wusste sofort was es war (ich übrigens nicht, denn ich kenne mich mit so was nicht aus). Vorsichtshalber machte ich ein Foto, weil ich ihr nicht glaubte. Und später, als wir wieder richtiges Internet hatten, kontrollierte ich, misstrauisch wie ich bin, auf Wikipedia, ob es stimmt. Was es selbstverständlich tat, was mir auch klar war, irgendwie.Ja, es war eine Kreuzotter. Und das einzige, was wir sicher wussten, war, dass die echt giftig sind. Wie giftig, wussten wir nicht. Klein war sie ja, diese Kreuzotter. Unser Hund allerdings auch.Was wir empfanden, alle vier – Tertius und Quarta waren dabei, die beiden großen Kinder waren nicht mitgekommen in diesen Ferien – war schlicht und einfach Panik. Zumal wir weit weg vom Parkplatz waren, wo unser Auto stand. Was auf Læsø, der Insel im Kattegat, auf der wir Urlaub machten, auch hieß, dass wir quasi keinen Telefon- und quasi keinen Internetempfang hatten. Zum Googlen reichte es nicht jedenfalls. Und während die Frau versuchte, unseren Tierarzt daheim anzurufen (wo gerade Mittagspause war), kam ich auf die Idee, auszuprobieren, ob zumindest Tweets durchgehen, wenn schon keine Websites aufgerufen werden können und sich WhatsApp nicht verband. Und er ging durch:Kreuzotterbiss beim 15kg Hund - was muss ich tun? Kann jemand helfen? Hier auf der Insel gibt es keinen Tierarzt. #fb— Wolfgang Lünenbürger (@luebue) August 11, 2014Damals nutzte ich noch Facebook, so dass ich dieses #fb einfügte, damit es auch auf Facebook erscheint. Aber die Antworten kamen auf Twitter. Und die Hilfe auch.Klar gab es die üblichen Schlauberger, die mir vorwarfen, zu twittern anstatt zu helfen oder einen Tierarzt zu rufen (für wie blöd hielten die mich eigentlich?). Die anderen aber sagten es weiter und Menschen, die ich kannte, ebenso wie Menschen, die ich nicht kannte, antworteten und recherchierten und – sogar das, und das rührte mich besonders – riefen ihre Tierärztin an, [...]



Alle Christen hassen Homos

2016-01-15T14:32:13.862+01:00

Seit vielen Jahren setze ich mich sehr kritisch mit "dem Islam" auseinander. Mindestens seit 2010 auch hier im Blog (auf die Schnelle fand ich keinen älteren Beleg hier). Wahrscheinlich stört es mich deshalb so sehr, wenn ich in den letzten Tagen und Wochen immer wieder von Leuten auf Interviews mit "Islamkritikerinnen" aufmerksam gemacht werden, deren Tenor in etwa ist: Ich weiß das, denn ich komme aus einer islamischen Familie. Und alle muslimischen Männer verachten Frauen und alle muslimischen Mütter erziehen ihre Söhne zu Frauenhassern. Und so weiter und so ähnlich.Ihr glaubt auch den Religionshassern aus christlichen Familien, wenn es darum geht, was _alle_ Christinnen tun, richtig? #kelek #ramadani— Wolfgang Lünenbürger (@luebue) January 15, 2016Wie die meisten, die mich schon länger als zwei, drei Tage lesen, wissen, bin ich mehr als nur skeptisch, was den organisierten Islam, auch und vor allem den in Deutschland angeht. Und ja, wer sich ein bisschen mit Geschichte auskennt, weiß, dass das organisierte Christentum auch nicht direkt aus seinen Institutionen heraus die ersten Schritte gemacht hat, um im Zuge der Aufklärung und vor allem dann im Zuge der Modernisierung nach der Katastrophe des ersten Weltkriegs (die für die Kirchen theologisch noch weit prägender und verändernder war als das Versagen der nicht-lutherischen Kirchen während des Nationalsozialismus) ein auf Freiheit und Menschenfreundlichkeit ausgerichtetes Selbstverständnis zu entwickeln. Und ja, Teilen des organisierten Christentum (glücklicherweise nur in einer sehr verschwindenden, wenn auch lauten Minderheit) ist das bis heute nicht gelungen. Und ja, die unterschiedlichen Erfolgsgeschichten von Islam und Christentum hängen auch damit zusammen, dass sie - nach meiner Auffassung - in unterschiedlich starkem Maße den Keim zur Aufklärung und zum Selbstdenken in sich tragen. So weit dazu.Aber: So wenig, wie wir aus einem durchgeknallten Erzbischof in Spanien [Edit: auch die Meldung in dieser Quelle und nicht nur in der gewohnt unseriösen, die ich nicht verlinke, die runter und rauf gereicht wurde die Tage, ist falsch und basiert auf einer Lüge. Ist sozusagen das QED der These dieses Posts hier, was fast schon skurril ist. Also: der Bischof mag durchgeknallt sein, was ich nicht weiß, aber er hat ausdrücklich das Gegenteil dessen gesagt, was ihm vorgeworfen wird. Paradoxerweise ist das schon ohne Spanischkenntnisse in dem auch bei der HuffPo verlinkten Originaltext seiner Predigt sofort zu erkennen. Ich bitte um Entschuldigung, dass ich den Link nicht vorher aufgerufen habe. Unten im Kommentar von Martin Recke ist ein Link auf eine deutsche Übersetzung der Predigt.] auf alle Christinnen schließen ("wir" sind hier, tschuldigung, alle, die nicht aus ideologischen Gründen genau so argumentieren wie die aus dem Islam Konvertierten), können wir behaupten, alle Moslems, männlich wie weiblich, seien so oder so.Selbstverständlich ist es Alltagswissen und auch die privatempirische Erfahrung von allen, die mit Jugendlichen arbeiten, dass es unter jungen Männern, die aus muslimischen Familien kommen, überproportional viele gibt, die eine Haltung zu Frauen haben, die sie ausschließlich als Objekt sieht. Nur gibt es auch ganz andere und in unserem Teil von Hamburg beispielsweise leben sehr, sehr viele Familien, in denen das ganz anders ist. Und, erschreckend: diese abstruse Haltung nimmt unter biodeutschen und anderen Jugendlichen aus nicht-muslimischen Umfeldern in den letzten Jahren ebenfalls wieder massiv zu. Was nicht ausschließlich der Einwanderung zuzuschreiben ist, weil es auch in Gegenden so ist, in denen nicht[...]



Es geht um dich

2016-01-07T09:43:52.252+01:00

Köln, Hamburg, Stuttgart und anderswo nach Silvester.Die gleichen Leute, die bis vor etwa einem Jahr bei jedem Versuch "Genderwahn" oder so was geschrieen haben, wenn über das Verhalten gegenüber Frauen geredet wurde, überschlagen sich nun vor frauenrechtlicher Rechtschaffenheit. Einige derjenigen, die versuchen, dem Pöbel, dem Hass, dem Rassismus entgegenzutreten, der sich als Sorge tarnt, zeigen merkwürdige Tendenzen, das Verbrechen an sich zu relativieren. Manches, was wir gerade sehen, würde in der politischen Theorie wohl als Querfront durchgehen (wie es in Nahost- und Russlandfragen ja schon länger in Deutschland üblich ist, dass sich Querfronten bilden). Zugleich gibt es einen gemeinsamen Aufruhr von feministisch geprägten Linken und Nazis über den (nicht nur verunglückt formulierten sondern grotesk blöden) Vorschlag, Frauen jetzt Verhaltensregeln zu geben.Was dabei aber passieren könnte oder müsste oder sollte oder was weiß ich, wäre doch eine breite Berichterstattung und Diskussion über sexualisierte Gewalt gegen Frauen. Ja, es ist naiv, anzunehmen, dass Menschen, deren Abstiegs- und Zukunftsangst sich in dem Hass entlädt, den sie bei sich selbst mit Mühe und Not unterdrücken konnten, so lange sie noch nicht von diesen Ängsten vollkommen zerfressen waren, erreicht werden können. Aber deutet sich nicht eigentlich gerade ein Konsens an, was ein Männer-Verhalten ist, das nicht akzeptabel ist? Zum ersten Mal überhaupt?Während die Gesellschaft gerade zerfällt, während auf der einen Seite mehr und mehr Menschen desozialisiert werden und auf der anderen Seite eine neue Zivilgesellschaft entsteht (und diese beiden großen Gruppen von Menschen nichts mehr miteinander zu tun haben), entsteht an einem anderen Grundkonflikt unserer Gesellschaft zumindest verbal ein Konsens, der überraschend ist.Sexualisierte Gewalt geht nie und von niemandem.Nicht Frauen brauchen Verhaltensregeln sondern Männer müssen die bestehenden Verhaltensregeln akzeptieren. Es ist kein Frauenthema, sondern ein Männerthema. Denn die einzige Gemeinsamkeit, die Täter sexualisierter Gewalt haben, ist, dass sie Männer sind (ok, und, dass sie Arschlöcher sind, ja).Dieses Thema geht (uns) Männer überall im Alltag an. In der Firma, wenn mal wieder "Jungswitze" gerissen werden. Auf Weihnachtsfeiern, wenn die Geschäftsführer Knotentänze mit den Auszubildenden einfordern. Auf Volksfesten, wenn einer mal wieder wie zufällig die Hände auf die Hüften oder den Po einer Frau legt (oder ihr, wie in jenem heute durch Twitter gereichten Beispiel, "spaßig" unter den Rock greift).Aufkleber einer Kampagne, die meine Agentur für den Kunden HRA Pharma zurzeit machtEs kann doch Bitteschön nicht sein, dass wir es "normal" finden, dass Frauen da, wo viele Männer (alkoholisiert) zusammenkommen, angefasst oder angegriffen werden. Ob es auf der Großen Freiheit ist, vor dem Kölner Hauptbahnhof oder auf dem Oktoberfest. Ob beim Karneval oder auf der Weihnachtsfeier der Agentur. Das ist nie normal und das ist immer Arschlochverhalten. Und das hat nichts mit Prüderie zu tun oder damit, dass eine Frau sich irgendwie verhalten sollte, um sich zu schützen (ja, dass sie es tut, ist eine andere Sache, logisch, aber das kann nicht die Forderung oder die "Lösung" sein).Es geht um dich und michStattdessen hat es etwas mit Zustimmung zu tun. Consent sagt das Englische dazu. Zustimmung. Die Regel ist doch eigentlich so einfach: ohne eine explizite Zustimmung keine Berührung. Punkt. Alles andere ist Gewalt. Es gibt welche, die finden, dass ich damit die "echte" Gewalt kleinrede, wenn ich dies schon Gewalt nenne und[...]



Dankbar

2015-12-21T13:07:53.597+01:00

Tatsächlich bin ich für das jetzt zu Ende gehende Jahr dankbar. Als wir am Wochenende unseren obligatorischen Jahresbrief schrieben, der jetzt per Schneckenpost, in den Weihnachtspaketen und per Mail an viele der Menschen geht, die uns durch das Leben begleiten, ist mir das noch einmal bewusst geworden. Denn die Tradition eines Jahresbriefs, die wir aus der Familie der Liebsten übernommen haben, ist neben vielem anderen, was daran wunderschön ist, auch immer ein Anlass, inne zu halten, noch einmal nachzudenken, was gut und was weniger gut war in einem Jahr.Insgesamt, wie gesagt, bin ich dankbar für dieses Jahr. Es gab auch vieles, was anstrengend und einiges, was nicht schön war, das ist klar. Es gab wie immer bei uns (und wie immer in Familien) viele Aufregungen und Veränderungen. Aber ich habe mich wieder ein Stückchen besser kennen gelernt, etwas darüber gelernt, was ich gut kann, was ich weniger gut kann, was mir wichtig ist.Zwei Dinge ragen da für mich dieses Jahr heraus, die keinen Ort im Jahresbrief fanden, für die ich aber auf einer ganz persönlichen Ebene sehr dankbar bin und die in der Öffentlichkeit Platz haben, also nicht privat sind. Eines ist beruflich und das andere ehrenamtlich.Ich kann es noch besser als je zuvorAls ich mich vor ziemlich genau einem Jahr entschloss (und dann Anfang Januar dieses Jahres alles klar war und wir uns über alle Details geeinigt hatten), die Verantwortung für eine Agentur zu übernehmen, war meine größte Unsicherheit, ob ich das wirklich kann. Wie der eine oder die andere weiß, hatte ich mehr als ein Jahr eine eher schwierigere Zeit, in der ich den Eindruck hatte, meine Kreativität versiege, in der ich mir wenige Neugeschäftserfolge anheften konnte. Und in der mir jemand sehr klar gesagt hatte, dass er mir genau das nicht zutraue, was ich jetzt anstrebte: die Geschäftsführung einer Agentur und die Aufgabe, sie kreativ nach vorne zu bringen.Rückblickend kann ich es ja zugeben: Das hatte mich verunsichert. Und die Frage, ob ich "es noch kann", stand für mich schon etwas bang im Raum. Weshalb ich so sehr dankbar bin für das, was ich in den letzten neun Monaten erlebt habe.Denn es stellt sich heraus: Ich bin kreativer als jemand zuvor, ich kann Neugeschäft, wir haben es gemeinsam mit dem Team geschafft, eine Agentur, die es ja nun wirklich echt nicht leicht hatte die letzten Jahre, zu drehen - ich bin etwa 12 Monate vor meinem eigenen Zeitplan in dieser Frage.Das hängt nicht nur an mir sondern auch damit zusammen, dass ich hier sowohl Kreativitätsprozesse habe und implementieren konnte, die Kreativität wirklich möglich machen, als auch im Neugeschäft auf Erfahrungen und ein Netzwerk zurück greifen kann. Aber es ist wunderbar und unerwartet, wie weit wir schon sind, dass ich schon wieder Leute einstellen muss, dass wir etwas neues (er)schaffen.Vor allem aber bin ich dankbar, dass das, wie ich mir Führung und Kreativität vorstelle, mit diesem Team, das ich vorfand und ausbauen konnte, einfach wirklich funktioniert. Das wunderbarste Kompliment, das ich von einer meiner Führungskräfte bekam, war:Ja, du bringst uns zum Scheinen.Das machte mich glücklich. Und zeigt mir, dass ich am richtigen Ort bin. Dass ich etwas beitragen kann. Dass ich einen Unterschied machen kann. Dafür bin ich sehr, sehr dankbar.Und das zweitwunderbarste Kompliment, das ich bekam, war von einem Branchenbegleiter, der mir auf einen Gruß antwortete:dass du eine Ausnahmeerscheinung in der Branche bist und bleibst. Deinen Weg und deine Philosophie verfolge ich auch im nächsten Jahr mit großem Interesse.Dass jemand sieht, [...]



Vor die Wand

2015-11-26T13:43:26.863+01:00

Das Olympiareferendum in Hamburg endet erst am Sonntag. Insofern ist es zu früh, zu spekulieren, ob die Menschen in meiner Stadt mehrheitlich dafür oder dagegen sind, dass sich die Stadt um die Spiele bewirbt. Andererseits wäre eine Grundsatzkritik an der PR-Strategie der Bewerbung wohlfeil, brachte ich sie erst vor, falls die Bewerbung in der Bevölkerung schon gescheitert sein sollte. Insofern - ich weiß nicht, ob es die mindestens 60% Zustimmung geben wird, deren Unterschreitung in der Politik als Katastrophe beschworen wird. Falls es gelingt, diese Zustimmung zu erreichen, lag es nicht an der Kampagne. Und mein Risiko mit diesem Text ist halt, dass es sein kann, dass es trotzdem eine überwältigende Zustimmung zur Bewerbung geben wird.______________Senat, Bürgerschaft, Institutionen, Verbände - dass olympische Spiele 2024 (oder 2028) nach Hamburg müssen, ist unter den offiziellen Meinungshabenden dieser Stadt unumstritten. Dass es eine Kampagne gibt, um die Menschen in dieser Stadt dazu zu bewegen, bis Sonntag mit Ja zu stimmen, ist normal und ok. Über die Werbekampagne will ich nicht sagen, die spricht mich zwar nicht an, aber das ist Geschmacksache. Aber falls es eine Strategie für eine PR-Kampagne gibt (das weiß ich nicht wirklich) und diese erfolgreich sein sollte (also sich in dem niederschlägt, was in Medien und öffentlichen Diskussionen passiert), dann wäre die auf vielen Ebenen falsch. Zumindest ist das, was medial und in der Öffentlichkeit passiert, dem Ziel eher abträglich.Was wir seit einigen Wochen in Hamburg erleben, fasste die Süddeutsche die Tage als "Werbeblätter für die Spiele" zusammen. So ist es tatsächlich, bis runter auf die Ebene der Wochenblätter und anderen Gratiszeitungen, die in den Briefkästen landen. Nur dem letzten Absatz kann ich nicht zustimmen:Großer Seufzer. Hanseatische Bescheidenheit ist wohl doch ein Mythos; und das Abendblatt versteht was von PR.Nein, das Abendblatt versteht nichts von PR. Es versteht nicht mal etwas davon, wie Medien heute funktionieren, offenbar.Zu glauben, dass heute ein medialer Gleichklang, eine Berichterstattung ohne Nuancen von Kritik, wirklich ein sinnvolles Ziel einer PR-Strategie sein kann, ist dumm. So einfach ist das. In einer Zeit, in der Misstrauen gegenüber dem, was in Medien zu finden ist, nicht mehr nur ein Thema für Expertinnen ist (das war es schon immer, denn wer sich mit einem Thema wirklich auskennt, merkt ja immer gleich, dass in Medien dieses Thema eher - positiv formuliert - oberflächlich behandelt wird), sondern Allgemeingut - in so einer Zeit gibt es nur eines, das schädlicher ist als eine einhellig jubelnde "Berichterstattung", die automatisch dem Verdacht, es sei eigentlich Propaganda, ausgesetzt ist. Und dem auch nicht viel entgegenzusetzen hat. Schädlicher ist nur noch eine einhellig negative Berichterstattung.Es wird ja viel diskutiert über Verschwörungen und Hass, die in sozialen Medien fröhlich Urständ feiern. Kann man machen. Was übersieht, wer so argumentiert, ist die Mechanik dahinter, wieso Menschen mit Meinungen sichtbar werden, die die meisten von uns für abseitig gehalten hätten. Das, was da passiert, nenne ich gerne die "Synchronisation von Meinungen". Und das ist - zunächst ganz neutral - das Phänomen, dass durch neue Medientechnik Menschen, die eine von der vermuteten Normalität abweichende Meinung haben, merken, dass sie nicht die einzigen sind - und darum mutiger werden, diese Meinung auch offen zu vertreten. Das war so beispielsweise während der Reformation, als daraus, dass Luthers Schriften imme[...]



Ich habe Angst

2015-11-16T19:43:34.916+01:00

Mir geht es ähnlich wie Mathias Richel. Und das auf sehr vielen Ebenen. Danke für diesen Text (lest den mal). Ich war auf dem Rückweg nach Europa und gerade in Kopenhagen gelandet, als ich schrieb:If I'm tweeting #NotAfraid I'm not totally honest. I am afraid. But other than intended.— Wolfgang Lünenbürger (@luebue) November 14, 2015Ich habe Angst vor denen, die Angst haben.Und ich habe Angst vor meiner Angst.Denn Angst lähmt.Ich stand am 9/11 Memorial, als ich die ersten Meldungen aus Paris sah.Was so grotesk war. An dem Ort - zum ersten Mal, denn als ich das letzte Mal in New York war, gab es dort nur den Ground Zero -, der der Ort eines defining moment meiner Generation symbolisiert.Die Angst kroch in mich.Das wollte ich nicht.Denn Angst lähmt.Und Angst entschuldigt nichts. Nicht das Nichtstun, nicht das Aufhören. Nicht den Hass. Ja, ich weiß, heute ist es üblich, die Nazis als "besorgte Bürger" zu beschönigen, weil man ja wohl noch mal Rechtsradikales sagen dürfen muss, ohne als rechtsradikal bezeichnet zu werden. So wie ein Finanzminister ja auch aufgrund seiner Mitgliedschaft in einer Regierungspartei per definitionem nicht rechtsradikal sein kann, selbst wenn er rechtsradikales Zeug twittern würde, sagten mir "besorgte Bürger" auf Twitter.Seit diesem Wochenende habe ich Angst um meine Familie.Denn die Einschläge sind näher gekommen. Es ist nur eine halbbewusste Bedrohung, der wir ausgesetzt sind. Aber es ist eine Bedrohung. Niemand hat konkret angekündigt, uns umzubringen oder unsere Scheiben einzuschlagen. Aber eine kleine Angst macht sich ganz hinten im Bauch breit und frisst sich über den Magen immer höher.In der letzten Woche bin ich in den Fokus von besorgten Bürgern Nazis aus dem Nachbarstadtteil Jenfeld geraten, weil ich sichtbar in der Flüchtlingshilfe bin. Ich bin nicht der einzige, dessen Facebook-Profil und Blog sie stalken. Das geht einigen so, die bei uns in der Arbeit mit Vertriebenen engagiert sind. Sie teilen Facebook-Posts meiner Kinder und sagen, sie schämen sich, dass solche Individuen in der Nachbarschaft leben. Sie sagen, wir Gutmenschen sind die aller aller schlimmsten. Sie sagen das am Tag nach den antisemitischen Attentaten von Paris.Ich lese ihre Kommentare in ihrer Facebook-Gruppe.Und habe Angst.Ich will aber keine Angst vor ihnen haben.Denn Angst lähmt.Und ich will nicht, dass sie die Lufthoheit bekommen. Oder behalten. Dass wir anderen aus Angst, es könne uns was passieren, schweigen.Darum ist mir wichtig, dass wir über unsere Ängste reden. Mathias, ich, du, wenn du Angst haben solltest. Dass wir auf einander aufpassen. Dass wir Räume haben, in denen wir mit unseren Ängsten nicht allein sind.Wir sind in die Sauna gegangen und haben unsere Angst ausgeschwitzt. Wir haben andere informiert, was uns passiert ist. Wir wissen, dass das, was sie tun, nicht gegen Facebooks Gemeinschaftsregeln verstößt, denn sie sagen nicht klar, was sie wirklich von uns halten und am liebsten mit uns tun wollen. Aber wir spüren es durch die Buchstaben hindurch.Die schlimmste Folge des Terrors ist die Angst.Ist, dass nicht ausgesprochen werden muss, was gemeint ist. Dass alles dies von der Meinungsfreiheit gedeckt ist, die mir wichtig ist. Denn in der Theorie und von der Haltung her weiß ich, dass sie diese Meinung haben dürfen und sagen dürfen und schreiben dürfen.Und doch machen sie mir Angst.Das will ich nicht.Denn Angst lähmt.Update 19.30 UhrZwei wunderbare weitere Texte neben dem oben verlinkten kommen von Menschen, die ich sehr schätze - und die ähnlich uns[...]