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Haltungsturnen



Niveau sieht nur von unten aus wie Arroganz.



Updated: 2018-02-18T13:46:04.274+01:00

 



Wurst

2018-02-16T12:30:14.424+01:00

Über die letzten, sagen wir mal, fünfzehn Jahre bin ich objektiv betrachtet deutlich konservativer geworden. Das erschreckt mich manchmal. Ich merke es deutlich, wenn ich alte Texte in diesem Blog lese, das am Sonntag seit fünfzehn Jahren online ist, und wenn ich mit dem einen oder anderen meiner Söhne diskutiere.

In einer größeren Gruppe von Menschen, die ich seit Jahren unregelmäßig sehe und die hohe und sehr hohe Führungspositionen inne haben, gibt es einen, der immer sehr klar zu seiner sehr konservativen Position gestanden hat. Die er als einer der wenigen in dieser Gruppe laut und deutlich vertrat und immer noch vertritt. Er hat seine Position in den letzten, sagen wir mal, fünfzehn Jahren, in denen wir uns in diesem Rahmen begegnen, nicht wesentlich geändert und bezeichnet sich selbst übrigens ebenfalls als "sehr konservativ".

Als diese Gruppe vor einige Zeit und nach längerer Pause, über ein Jahr, wieder einmal zusammenkam, war etwas sehr Merkwürdiges passiert. Oder eigentlich drei merkwürdige Dinge. 

Zum einen wurde sehr viel mehr über Politik geredet als jemals zuvor. Zum anderen waren die Frauen in dieser Gruppe so schweigsam wie seit Jahren nicht mehr. Und zum dritten war jener sehr konservative Mann auf einem Koordinatensystem, das von rechts nach links sortiert wäre, derjenige, der von allen dort im Raum mir am nächsten war. Und von den Männern, die sich lautstark äußerten, der einzige, der keine Selbstviktimisierung betrieb. Wir beide wurden im Laufe des Abends immer schweigsamer.

Tatsächlich ist meine Erschütterung über dieses Erlebnis größer, als ich zunächst dachte. Wie es passieren konnte, dass so viele verstummten, macht mir Angst. Und die Wurstwerdung von Stahlträgern des Systems irritiert mich sehr.

Symbolbild: Würste




Wie ich das zweite Mal aus der SPD austrat

2018-02-14T12:21:49.951+01:00

(image) Zweimal bin ich aus der SPD ausgetreten. Nachdem ich, seit ich 14 war, in ihr mitgearbeitet hatte. Das erste Mal nach den Petersberger Beschlüssen 1992, in denen die Partei die Schleusen öffnete für den Rechtsruck der Gesellschaft. Ich denke, dass es nicht völlig abwegig ist, Engholm, den ich ansonsten sehr verehre, als einen der Wegbereiter des Klimas zu bezeichnen, das schließlich zum Aufstand und Aufruhr der Autoritären führte. Und dann das zweite Mal, als niemand bereit war, wenigstens den Versuch zu unternehmen, Schröders Unterwerfung der Partei zu verhindern. Womit wir bei Nahles wären.

Ich finde es gut, dass sie Vorsitzende werden will und aus Sicht des Vorstandes soll. Ich hätte mir nur gewünscht, sie wäre es schon 1999 geworden. Da hätte es gepasst. Damals habe ich es ihr und anderen Linken (damals gehörte sie formal zu den Linken in der Partei, daher kommt wahrscheinlich heute noch dieses Etikett) sehr übel genommen, dass sie nicht den Versuch unternahmen, die Partei unabhängig von der Regierung zu positionieren.

Dieses Zurückzucken vor der Macht habe ich nie verstanden, schon 1990 nicht, als Lafontaine den ihm von Vogel angetragenen Parteivorsitz ausschlug. Dass Nahes heute weiter ist, finde ich super. Es wird ihrer Partei gut tun, an der ich mich ja auch nur deshalb immer noch und immer wieder abarbeite, weil sie mir im tiefen Herzen wichtig ist. Und ich es sehr bedauern würde, wenn sie wie in vielen anderen Ländern Europas unterginge.



Das Nachwort

2018-01-26T11:59:22.592+01:00

Seit Jahren wollte ich einen Henry-James-Roman lesen. Wenn ich ehrlich bin, liegt das an Notting Hill. Also an dem Film. Wisst schon, wieso... Also habe ich mir, ebenfalls vor Jahren, die Aspern-Schriften gekauft. Weil es in Venedig spielt, das ich so liebe und ganz gut zu kennen glaube. Und nun also endlich gelesen.

Henry James: Die Aspern-Schriften, 180 Seiten

Die Ausgabe, die ich von dem Buch habe (das eigentlich eher eine Novelle ist, auch wenn Roman draufsteht), hat hinten drin ein Essay der Übersetzerin Bettina Blumenberg. Und ohne dieses Essay hätte mich die Geschichte etwas ratlos zurück gelassen. Übrigens gefällt mir die Übersetzung sehr, sprachlich vor allem. Dass Blumenberg mir aber am Ende noch einmal erklärt, warum das, was mich irritierte, gewollt und richtig und besonders kunstvoll ist, beruhigte mich etwas. Denn ohne den Kontext war es mir so merkwürdig fleischlos, toastbrotartig erschienen. Ja, die gewisse Lieblosigkeit, mit der der Ich-Erzähler hantiert, war als Ausdruck seines Charakters gedacht, das war mit klar. Aber diese lapidare Form, in der alle, die in der Geschichte auftreten, unsympathisch bleiben oder werden, trieb mich immer schneller durch die Geschichte, ohne dass sich Genuss oder auch nur ein Eintauchen einstellte. Dass Venedig im Grunde nicht einmal die Kulisse darstellt, tut ein Übriges.

Über's Nachwort habe ich es verstanden. Und lächelte über meine Naivität. Sollte ich noch was von Henry James lesen, wenn es mir so mit dieser Novelle ging?

[Ich habe mir vorgenommen, dieses Jahr beim Pendeln mehr zu lesen. Bücher und so. Wenn es in dem Tempo weitergehen sollte, werden das viele, aber wer weiß. Und das hier ein Lesetagebuch. Vielleicht.]



Vorurteilen zum Trotz

2018-01-17T12:28:30.745+01:00

Ich muss etwas gestehen: Ich habe bis jetzt dieses Buch (DIESES BUCH11!1!!11) noch nie ganz gelesen. Immer mal angefangen aber nicht durchgehalten oder durchhalten wollen. Und war voller Vorurteile, weil ich mich nicht auf Stil und Sprache einlassen wollte.

Jane Austen: Stolz und Vorurteil, 402 Seiten

Jetzt aber. Und voila, es hat gar nicht weh getan. Am meisten haben mich zwei Dinge überrascht: zum einen, dass es immer als ironisch oder karikierend beschrieben wird. Es ist witzig, sehr oft. Aber ist es wirklich eine Karikatur? Und zum anderen, dass es ja tatsächlich wie das Drehbuch der großartigen Miniserie der BBC mit Jennifer Ehle und Colin Firth ist. Erstaunlich, wie genau sich diese Verfilmung an das Buch hält.

Und weil ich die Geschichte also doch sehr genau kenne, habe ich das Buch tatsächlich dieses Mal genossen. Auch, weil es für sein Alter sehr rasant ist. Keine Längen, keine sinnlosen Kapriolen, wunderbar konstruiert. Eben die Mutter aller Liebesgeschichten. Geholfen hat mir dabei, dass ich zum ersten Mal einen Versuch machte, es in größeren Stücken zu lesen. So konnte ich mich mit mehr Ruhe in die Sprache einfinden. Pendeln ist zu was gut...

Was mich dann beim Lesen gefesselt hat, ist, dass dieser Roman nie süßlich ist. Nicht im eigentlichen Sinne romantisch. Und erst auf den letzten Seiten rührend. Und wie immer die Perspektive Elisabeths gehalten wird. Ihre inneren Kämpfe und ihre Weiterentwicklung im Mittelpunkt stehen - was keine der vielen Verfilmungen und Adaptionen, die ich kenne, auch nur in Ansätzen abbildet.

Es ist ein großes Buch. Ein menschliches. Und eines, bei dem mich nie störte, dass ich die "Story" kenne, dass alle Menschen es schon gelesen haben, meine Liebste viele, viele Male beispielsweise. Im Gegenteil, so konnte ich mein Erstaunen und meine Gedanken teilen, ohne etwas erklären zu wollen. Hab ich genossen.

Endlich abgehakt auf der ewigen Leseliste. Und schade, dass es schon zu Ende ist.


[Ich habe mir vorgenommen, dieses Jahr beim Pendeln mehr zu lesen. Bücher und so. Wenn es in dem Tempo weitergehen sollte, werden das viele, aber wer weiß. Und das hier ein Lesetagebuch. Vielleicht.]



Pimmelparade

2018-01-17T16:52:44.119+01:00

(image)
Symbolbild
Sehr passend finde ich ja, sich über (fast) reine Männerlisten, Männerumfragen, Männerpanels mit diesem Wort lustig zu machen. Denn wo es sie gibt, ist es genau so lächerlich wie dieses Wort suggeriert: sehr.

Daran musste ich Ende letzten Jahres wieder denken, als ein Rundruf bei Medienschaffenden dazu, wie denn 2018 so werde, in einem Fachdienst rund 15 Männer und eine Frau mit ihren Antworten aufgeführt waren. Was für eine beknackte Pimmelparade. Die Redaktion gab sich selbstbewusst und wies darauf hin, dass die Frage an etwa gleich viele Männer wie Frauen geschickt worden sei - aber fast nur Männer geantwortet hätten. Na sowas. Womit sie das Phänomen der Pimmelparade sehr gut beschrieben hat.

Mit dieser Frage beschäftige ich mich ja schon lange. Ich hab gerade mal nachgeguckt - im Zusammenhang mit meiner Partei schrieb ich 2011 schon mal was dazu. Und als ich feststellte, das das tatsächlich schon 2011 war, erschrak ich sogar etwas.

So wenig sind wir seitdem weitergekommen? Es ist immer noch die gleiche Ausrede? Dieses "wir haben ja gefragt, sie wollten ja nicht" wird von sehr vielen immer noch nicht als Teil des Problems erkannt? Das finde ich sehr, sehr traurig und grotesk.

Eine Pimmelparade bleibt beknackt

Egal, welche Ausrede ich finde, sie bleibt falsch. Und wenn es, wie in dem Beispiel im Dezember, auf eine Idee nur Zustimmung von Männern gibt, sehe ich zwei Möglichkeiten: Entweder ich akzeptiere, dass ich eben eine Pimmelparade mache und stehe dazu. Oder ich hinterfrage das, was ich da angeschoben habe.

Denn es kann ja auch sehr gut sein, dass nur so wenige Frauen auf den Rundruf reagiert haben, weil sie die Frage und das Format genau so doof fanden wie ich es auch fand. Nur dass ich mich in meiner Eitelkeit wahrscheinlich dafür entschieden hätte, eine Antwort zu schicken, um mein Bild auf der Website zu sehen. Eine solche Rücklaufquote wäre also eigentlich die ideale Gelegenheit, über das Format nachzudenken. Oder zumindest (zumindest!) einmal nachzufragen bei der einen oder anderen, wieso sie nicht geantwortet hat.

Wenn ich für Fensterredenkongresse nicht genug Sprecherinnen finde, kann das daran liegen, dass ich doof bin. Oder daran, dass das Format Fensterrede doof ist. Wenn sich in einer Debatte irgendwann nur noch Männer zu Wort melden, kann es sein, dass das Thema nur Männer interessiert. Oder dass schon alles gesagt ist und es langweilig wird.

These: Eine Pimmelparade ist ein untrügliches Zeichen, dass Thema oder Format langweilig und irrelevant ist.



Altes Land

2018-01-17T12:02:05.299+01:00

Ein so zauberhaftes Buch. Zwei Tage, vier Bahnfahrten nur. Netto also rund sechs Stunden. Und schade, dass es schon vorbei ist.

Dörte Hansen: Altes Land, 287 Seiten

Es ist vor allem und mehr noch als die Geschichte die Sprache, die mich sofort und die gesamte Zeit in den Bann geschlagen hat. Dieser lapidare, fast lyrische Stil, der sehr aus der Mode ist, den ich aber immer so sehr genieße. Mit den Perspektivwechseln zu jedem Kapitel, die alle wunderbar zärtlich-spöttisch gemalten Protagonistinnen vielschichtig und lebendig machen.

Keine einzige Person in diesem Kammerstück ist grotesk überzeichnet. Den Barmbeker Tischler kenne ich aus Bramfeld. Die Ottensener Eltern sehe ich jeden Tag. Die Altländer Bauern und noch mehr die Bäuerinnen erinnern entfernt an die, die ich auf dem Land treffe. Die Stadtflüchtigen sind die einzigen, die wirklich doof sind. Also alles wie in echt.

Und ansonsten ist es die liebevoll erzählte Geschichte von Menschen, die nicht "funktionieren", aber irgendwie zusammen ins Leben zurück finden. Mehr noch als die von einem Haus, das so windschief ist wie seine Bewohnerinnen.

Was für ein Lesegenuss jedenfalls. Was für Jahresauftakt für mich, der mich glücklich machte.

[Ich habe mir vorgenommen, dieses Jahr beim Pendeln mehr zu lesen. Bücher und so. Wenn es in dem Tempo weitergehen sollte, werden das viele, aber wer weiß. Und das hier ein Lesetagebuch. Vielleicht.]



The Silence Breakers

2017-12-06T16:30:39.467+01:00

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In den letzten zwei Monaten habe ich mir oft die Augen gerieben und mich gefragt, wieso Menschen Männer, die als mindestens normal intelligent gelten, sich teilweise an dem Versuch beteiligt haben, andere Menschen zum Schweigen zu bringen, indem sie sie lächerlich machten, fanden, dass es zu spät sei oder man (!) ja wohl noch mal Komplimente machen dürfe, und und und.

Ich habe zu #MeToo geschwiegen. Vor allem, weil ich finde, dass Männer, vor allem Männer in Machtpositionen, erst einmal zuzuhören haben. Und darum habe ich die letzten zwei Monate zugehört. Über mein eigenes Verhalten nachgedacht. Noch einmal Abbitte dafür geleistet, dass ich in einer privilegierten Situation allzu lange geschwiegen habe und am Ende auch nur durch Weggehen auf das sexistische und übergriffige Ausnutzen von Macht reagiert habe (und nicht durch den Versuch, es zu beenden oder öffentlich zu machen).

Dass die Menschen, vor allem Frauen, die am Ende den Mut fanden, auszusprechen, was Männer ihnen gegenüber für Verbrechen verübt haben; die am Ende die Hoffnung hatten, dass andere es ebenfalls aussprechen; die am Ende darauf vertrauten, dass es andere gibt, die ihnen glauben und den furchtbaren Leuten, die es beispielsweise in den deutschen Feuilletons kleinredeten, nicht auf den Leim gehen – dass diese Menschen die berühmte "Person of the Year" des TIME Magazine werden: das macht mich glücklich.

Und es macht mir Hoffnung. Genau so Hoffnung wie die Menschen, die nach dem Aufbäumen des Faschismus in Parteien eintreten. Wie die vielen, vielen Frauen, die sich auf einmal in den USA um Ämter bewerben, die zurzeit noch von solchen sexistischen Verbrechern besetzt sind. Es lässt mich hoffen, dass ich doch nicht vergeblich darauf setze (auch wenn mich dafür die früher konservativen und heute offen reaktionären unter meinen Bekannten auslachen), dass das, was wir gerade erleben, nur das letzte Aufbäumen der Verlierer des gesellschaftlichen Fortschritts ist. Dass wir nicht nur das Patriarchat sondern auch das fast ebenso grauenvolle, wenn auch ganz andere Fratriarchat überwinden werden. Dass der Rückschritt nur eine Delle im Fortschritt ist.

Aber wie auch immer. Heute bin ich dankbar und freue mich. Und sage zum ersten Mal etwas zu #MeToo.

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Auf dem Weg nach Österreich

2017-11-20T10:59:31.301+01:00

Und nicht nach Jamaika. Nun ja. Ein paar erste unsortierte Gedanken:
  • Es war schon auffällig, dass in der letzten Woche eigentlich nur Sozialdemokratinnen in meinem Umfeld noch an Jamaika glaubten. Sagt auch sehr viel über Gefühlshaushalt und Politikverständnis da.
  • 70% bis 90% der Bevölkerung stimmen mit den Grünen überein, was Klimaschutz und Flüchtlingspolitik angeht - mit der FDP stimmt in der Form, wie sie (bei Klimaschutz sogar auf der gleichen Fake-News-Ebene) argumentiert, nur die AfD überein. Das gibt einem schon zu denken, finde ich.
  • Vielleicht war es nur so mittelschlau, den einzigen erfahrenen Verhandler bei der FDP kurz vor dem Ende so stark anzuzählen (Kubicki wegen seiner Cum-Ex-Positionen und -Verstrickungen), denn es stellt sich raus, dass Alter und Erfahrung in schwierigen Situationen eben doch kein Nachteil ist. Außer (was wir heute Nacht ja von etlichen Teilnehmenden an den Verhandlungen hören) Lindner hatte schon seit Wochen (ich höre, seit vier Wochen) genau diese Plan und hoffte nur, dass die Grünen vor ihm die Nerven verlieren.
  • Es ist gut, dass es mit diesen Nervenwracks von der FDP, die noch nicht mal verhandeln mögen, keine Regierung gibt.
  • Wenn man bedenkt, dass eigentlich nur zwei Parteien richtig Angst vor Neuwahlen haben müssen, wäre es eigentlich logisch, welche Regierung wir bekommen: denn nach Nachwahlen würde es wahrscheinlich ja nicht mal mehr reichen für eine Koalition aus Union und SPD.
  • Sofort machbar wäre sicher eine Koalition aus CDU (ohne CSU), SPD und Grünen. Wäre auch eine echte Option.
  • Ich schätze Merkels Politikstil, der ja sehr davon geprägt ist, dass sie Wissenschaftlerin ist. Heute Nacht, muss man wohl zugeben, ist der gescheitert. Dieses auf Falsifizierbarkeit ausgelegte Vortasten und Testen, das ihr Stil ist, scheint eben – wie so oft bei Naturwissenschaften – doch allzu unterkomplex zu sein. 
  • Naheliegend wäre auch eine Regierung aus Union, FDP und Linken. Denn auf die Punkte, die der FDP wichtig sind, könnte sie sich sofort mit der Linken einigen (Anti-Europa, kein echter Klimaschutz, inhumane Flüchtlingspolitik). Schwierig ist nur, dass die Linke als einzige dieser drei Parteien was von Wirtschaft versteht, das würde ja eher schaden.
  • Es ist einfach zum Kotzen, dass die FDP lieber nach Österreich will als nach Jamaika. Aber Liberale sind bei den Grünen herzlich willkommen.
Und: Am Ende der Sondierungen merke ich, dass ich in der richtigen Partei bin. Nicht der Provokation der CSU erlegen. Nicht dem Spieler Lindner auf den Leim gegangen, so dass er am Ende niemandem anders die Schuld für sein von Anfang an geplantes Szenario geben kann. Ernsthaft verhandelt und mit der CDU, der einzigen anderen seriösen Partei im Bundestag, die Chancen ausgelotet.

Die Grünen sind so geeint wie nie und so gestärkt wie fast nicht denkbar hier rausgekommen. Danke denen, die das so toll und ruhig und professionell gemacht haben.



Der Blaumann

2017-11-09T10:33:32.839+01:00

Als jemand, der gerne und viel redet und sich (wie es ein Deutschlehrer einmal in eines meiner Zeugnisse schreiben ließ) "allzu sehr für am Rande liegende Spitzfindigkeiten interessiert", ist mein größtes Problem auf dem Weg in eine post-patriarchale Kommunikationsumgebung das sogenannte "Mansplaining" – oder, ich weiß nicht mehr, wer auf Twitter diesen wunderbaren Vorschlag für eine Übersetzung machte: "Herrklären".Für mich ist dieses Herrklären immer der blinde Fleck gewesen und es ist immer noch schwer für mich, es regelmäßig zu erkennen. Weshalb ich, aber das ist eine andere Geschichte, sogar bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen kann, wenn es manchen sehr schwer fällt, ihr eigenes Verhalten als sexistisch zu erkennen. Nachvollziehen aber nur so lange, bis sie abstreiten, es sei eben dies.Aber zurück zum BlaumannKaum etwas illustriert Mansplaining vielleicht so gut wie dieser hinreißend absurde Dialog auf Twitter:Das Problem ist, glaube ich, dass "wir" uns nicht mal als übergriffig, als mansplaining, als Herrklärer empfinden in diesem Moment. Aber, wie immer in Fragen der zwischenmenschlichen Sensibilität: Das ist auch irrelevant. So wie es irrelevant ist, ob ein ekliger sexistischer Witz "nicht so gemeint war" oder ich "dich nicht verletzen wollte" – denn unangemessenes Verhalten kann ich nicht als Absenderin beurteilen (oder zumindest nicht allein und letztgültig).Für mich merke ich, dass es mir sehr schwer fällt, aus dem Herrklärungsmuster auszubrechen. Vor allem, weil es sich für mich schlecht anfühlt, andere nicht an meiner grenzenlosen Weisheit und überlegenen Lösungskompetenz teilhaben zu lassen. Was ich lernen musste, ist, dass es sich für andere allerdings schlecht anfühlt, wenn ich ihnen dauernd die Welt erkläre oder für ihre vermeintlichen Probleme Lösungen präsentiere, ohne gefragt worden zu sein.Typisch waren, auch in meinem Umfeld, die Reaktionen damals auf einen Cartoon zu Mansplaining aus dem New Yorker. Und was ist nun mit dem Blaumann?Mir hat eine Geschichte sehr geholfen, die mir eine Freundin von ihrer Freundin erzählte. Denn die hat mit ihrem Partner ein Ritual entwickelt, um gemeinsam aus der Herrklärenfalle in der Beziehung zu kommen. Wenn sie etwas erzählt und sich aufregt, fragt er sie: "Willst du Rotwein oder den Blaumann?" – Und je nach Antwort hört er zu. Oder denkt sich eine Lösung aus. Und war überrascht, wie oft sie Rotwein wollte.Mir hilft dieses Bild, nicht nur in der Beziehung sondern auch im (beruflichen, politischen) Alltag. Als an Logorrhoe leidender Mensch gelingt mir das nicht immer. Aber es hat mir geholfen, den blinden Fleck zu entdecken und mehr und mehr mit ihm umzugehen.Denn, ganz ehrlich? Herrklärer sind doof. Und das sage ich euch mal ganz ungefragt.[...]



Abendmahl

2017-10-02T10:10:19.858+02:00

Es ist irgendwie merkwürdig, dass es immer wieder das Abendmahl ist, das mir in (neuen) Gemeinden für Irritationen sorgt. Es ist das, was mir an Gottesdiensten neben der Musik am wichtigsten ist, vielleicht darum. In der Musik, wenn sie denn gut ist, und im Abendmahl erlebe ich die Gegenwart Gottes. Und gerade das Abendmahl gibt mir auch ganz real Kraft.Ich bin in einer Gemeinde aufgewachsen, in der es jeden Sonntag, in jedem Gottesdienst, Abendmahl gab. Und war darum sehr irritiert, als ich als Jugendlicher während des Konfirmandenunterrichts in meiner Wohngemeinde erlebte, dass es nur einmal im Monat gefeiert wurde. Ein Gottesdienst ohne Abendmahl war für mich irgendwie keiner. Und auch, wenn ich mich daran gewöhnt habe über die Jahre, ist es mir fremd geblieben, wie eine Gemeinde darauf verzichten kann, es jede Woche zu feiern.Der Kampf ums AbendmahlIn den letzten Jahrzehnten habe ich, wenn ich aktiv war oder Verantwortung trug in Gemeinden, oft um das Abendmahl gekämpft. Von der Frage, ob Kinder eingeladen sind an den Tisch über die Frage Wein oder Traubensaft bis hin zur Feier selbst, vor allem um den Kelch. Und darum irritiert mich die Abendmahlspraxis in meiner aktuellen Gemeinde in Eutin so sehr.Während der 80er, als es die AIDS-Hysterie gab, entstanden in vielen evangelischen Gemeinden Ängste rund um die Hygiene des Kelchs und die Ansteckungsgefahr. Machte der Kelch die kleine Drehung, bevor die nächste ihn bekommt? Mag ich überhaupt aus dem einen Kelch trinken? Es begannen die ersten, ihre Oblate in den Kelch zu tunken auch, wenn sie nicht selbst krank waren (und ich es auf Rücksicht auf die anderen vertretbar finde). Viele Gemeinden schafften diese kleinen Schnapsgläser an, in die das Blut gegossen wurde. Ich selbst bin bis heute beim Gemeinschaftskelch geblieben. Und bleibe auch (stur) dabei in Gemeinden, in denen das nicht (mehr) üblich ist.Eutin ist eine liberale Gemeinde, darum akzeptieren sie, dass es verschiedene Formen gibt während des Abendmahls. Aber die allermeisten tunken hier die Oblate ein, es sind nur ein paar wenige alte Menschen, wir und einige aus einer sehr frommen, fast freikirchlich orientierten Tradition, die es anders machen. Die den Kelch nehmen und trinken.Gerade jetzt, in dem Jahr, in dem wir den 500. Jahrestag der Befreiung von Kirche und Bibel aus den Fängen einer korrupten Klerikerkirche feiern, ist mir völlig unverständlich, wie wir eine der großen Errungenschaften der Reformation einfach so aufgeben können: den Kelch für alle, Christi Blut, das nicht nur den Priestern gehört sondern allen Christinnen und Christen in Gemeinschaft. Von unseren Vorfahren wurden etliche hingerichtet, weil sie um den Kelch kämpften. Und das geben einige von uns auf? Ok, in reformierten Zusammenhängen vielleicht, wo das Abendmahl mehr symbolisch ist. Aber in lutherischen? Wo wir daran glauben, dass Brot und Wein/Traubensaft eben im Abendmahl nicht nur Brot und Wein sind – sondern dass es zugleich und wirklich Christi Leib und Christi Blut sind? Das zu trinken wir aufgefordert sind? Das Tunken der Oblate finde ich theologisch absurd und historisch fast schon pervers. Es ist glaubens- und geschichtsvergessen. Und ich bin dankbar, dass es bei uns zumindest möglich ist, den Kelch zu nehmen.Die UnbarmherzigkeitDer andere Punkt, der mir immer fremd bleiben wird, ist, wie es sein kann, Menschen vom Abendmahl auszuschließen. Zumal die Beichte, die notwendig ist, damit wir uns nicht "zum Gericht essen", ja Teil unserer Abendmahlsliturgie ist. Aber immer noch gibt es Gemeinden, die Kindern diesen wunderbaren Zugang zum Glauben verweigern. Oder unklar sind, wie sie damit umgehen sollen. Vor allem, weil ja fast nur Kinder mit zum Abendmahl gehen, die von ihren Eltern in das Glaubenszeugnis mit hineingenommen werden. Gestern, ausgerechnet an Ernt[...]



Rechtsruck?

2017-09-26T12:22:36.901+02:00

Rechts-um"Rechtsruck" titelt meine Regionalzeitung und spekuliert über Jamaika oder Neuwahlen. Aber stimmt das? Ich selbst war am Wahlabend erst eher erleichtert, weil ich mit deutlich mehr Stimmen und Prozenten für die AfD gerechnet hätte. Meine der Familie angekündigte schlechte Stimmung ab 18 Uhr blieb quasi aus (zumindest bis ich die ersten Äußerungen von Frau Merkel vor ihrer Partei hörte, da schaltete ich dann den Fernseher aus).Vor allem aber: ist das wirklich ein Rechtsruck? Ich bin mir nicht so sicher.Zum einen, weil ich mir tatsächlich nicht ganz sicher bin, ob es jetzt so viele Abgeordnete mehr mit rechtsextremen Ansichten sind, immerhin haben die latent bis offen autoritären Parteien  verloren, die bisher im Bundestag waren: CSU (sehr viel verloren), SPD (viel verloren), CDU (einiges verloren). Ob da jetzt weniger autoritäre Abgeordnete drin geblieben sind oder nicht, weiß ich nicht.Zum anderen aber führt das starke Abschneiden der Rechtsextremen ja nicht zu einer rechteren Politik in diesem Land. Zwar hat im Bundestag die Linke (wenn ich die SPD dazu zählen will und mit Grünen und PDS Linker kombiniere) jetzt anders als im letzten Bundestag keine Mehrheit mehr. Aber durch das Erstarken der Mitte (FDP und Grüne jetzt mal etwas holzschnittartig dort angesiedelt) hat eben auch die Rechte keine Mehrheit. Auch, wenn die ersten Äußerungen von CDU und vor allem CSU am Wahlabend fast so klangen, als wollten sie eine Konservativ-Rechts-Regierung bilden, hat das ja keine Mehrheit.Im Grunde sind die angeblichen tektonischen Verschiebungen marginal, die die Wahl erbracht hat. Und so führt das Erstarken des extremen Rands rechts faktisch dazu, dass es die liberalste und vorwärtsgerichtetste Regierung geben könnte, die dieses Land seit dem Willy-Brandt-Sieg 1972 gesehen hat.Eine Chance für die MitteIch bin nun wirklich kein Fan der FDP – aber ihr Wahlsieg verhindert sowohl eine links-konservative als auch eine rechts-konservative Regierung. Und auch, wenn vor allem angesichts ihres Wahlprogramms die FDP nun wirklich nicht als "links" bezeichnet werden kann, führt ihr Sieg dazu, dass die aus heutiger Sicht einzig mögliche Regierung im Vergleich zum konservativen Mehltau der letzten Jahre faktisch linker sein wird als die letzte.Dazu ein paar Beobachtungen und Überlegungen:Es ist spannend, dass die Grünen überall da besonders gewonnen haben, wo es keine sichtbaren Linken innerhalb der Partei gibt, wo sie ohne Flügel dasteht. Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein, Bayern, Hamburg. Alles grüne Landesverbände, die zusammenstehen und gemeinsam Interesse an Gestaltung haben, sehr klassisch grün sind. Und in drei dieser Länder sind die Grünen in einer eher schwierigen Regierungskonstellation und gewinnen trotzdem. Und das, obwohl die verbliebenen Linken annahmen, dass unsere Wählerinnen uns abstrafen würden. Für ein Regieren mit dem Scholzinator, für Jamaika, für eine Juniorpartnerin CDU.Was ich von FDP-Mitgliedern höre und was FDP-Leute seit der Wahl sagen, lässt vermuten, dass sie den Wirtschafts- und Finanzteil ihres Programms entweder nicht kennen oder ignorieren (was, er ist ja hinlänglich analysiert worden von Medien und Wirtschaftsexperten im In- und Ausland, ein ermutigendes Zeichen ist). Dass aber die Grundidee eines Liberalismus (Freiheit sticht Sicherheit; Selbstbestimmung sticht Paternalismus etc) bei einigen durchaus verankert sein könnte. Und Schleswig-Holstein zeigt, dass selbst ein Wirtschaftsminister wie Bernd Buchholz den fortschrittlichen Aufbruch nicht torpedieren oder verhindern kann.Auch, wenn jetzt in den ersten Tagen erstmal das Trennende betont wird, auch betont werden muss. Und auch, wenn vor allem FDP und Grüne nicht so leicht in konstruktive Gespräch finden werden, weil sie um Mensch[...]



Das cor incurvatum und das Virtuelle

2017-09-08T19:57:46.553+02:00

Das in sich gekrümmte HerzDass Luther die Figur vom cor incurvatum von Augustin wieder entdeckte, gehört zu dem Wunderbarsten der Theologie der Reformation. Das Bild eines Herzens, das sich so zusammenkrümmt, dass es nur sich selbst sieht und sehen kann (nicht umsonst ist es das in se, was noch dazu gehört), ist die mich vielleicht am stärksten berührende Beschreibung eines Lebens fern von Gott. Es beschreibt nicht nur Egoismus, sondern diesen sich im eigenen Leid suhlenden oder im eigenen Glück badenden Menschen, der Hoffnung, Trauer, Mitleid nur aus sich selbst kennt und auf sich selbst bezogen sieht. Das "und was ist mit mir"-Rufen, das Gefühl, immer die zu sein, die zu kurz kommt, ist das eigentliche Zeichen von Gottesferne. Der Neid, der entsteht, wenn Menschen mit in sich gekrümmtem Herzen ihrer Mitwelt begegnen, ist das, was ich "der Teufel" nenne. Der Hass auf die, denen so ein Mensch begegnet, auf die, von denen der Mensch zu sehen glaubt, dass sie alles bekommen, was er nicht bekommt, dass sie ihm alles wegnehmen, dieser Hass ist im Kern ein Hass auf Gott.Die große Erkenntnis hinter dem cor incurvatum ist doch, dass ein Mensch, der sich – die Philosophie würde sagen: solipsistisch – nur auf sich selbst bezieht, gefangen ist und nur durch Gott befreit werden kann. Nur durch Glauben "gerecht" werden kann. In christlichem Kontext jetzt, klar. Aber dass dieser Mensch eben auch befreit werden muss. Oder sich selbst befreien muss. Dass es unbarmherzig ist, diesen Menschen nicht damit zu konfrontieren, dass er dem Teufel aufgesessen ist. Wir haben im (europäischen) Luthertum schon lange keine Tradition des Exorzismus mehr (und das ist unglaublich gut so, denn das, was damit an Schindluder getrieben wurde und teilweise noch wird von den Kirchen und ihren Pfaffen, ist ein Verbrechen), aber neu über diese Frage nachgedacht, ist eine Handlung, die Menschen ohne falsche Rücksicht auf die Verkrümmung ihres Herzens rüttelt und schüttelt und aufrichtet, die einzige, die aus Barmherzigkeit kommt, finde ich. Eine Handlung, die kein Verständnis hat sondern klar benennt, wo das Böse ist.Ob die eitle Einsamkeit des cor incurvatum Symptom oder Ursache ist, weiß ich nicht. Dass sie überwinden muss, wer leben will, glaube ich.Das VirtuelleIn konservativen Kreisen meiner Kirche, auch in links-konservativen, wie unlängst am Reformationsmoratorium von Schorlemmer und Wolff zu besichtigen, wird die existenzielle Einsamkeit und Gottesferne des cor incurvatum heute gerne mit der scheinbaren Vereinzelung von Menschen in heutigen digitalen Netzwerken beschrieben:Das „Selfie“ mit dem iPhone steht für die zunehmende und alleinige Konzentration des Menschen auf sich selbst. Von Kindesbeinen an daran gewöhnt, führt das zu einer inneren Vereinsamung, lässt menschliche Beziehungen verkümmern und den realen Nächsten zugunsten des virtuellen aus den Augen verlieren.So schreiben Schorlemmer und Wolff in einem ansonsten überwiegend eher lesenswerten Text. Knut Dahl-Ruddies sagt dazu ein bisschen was.Da ist er.Der Schrecken.Aller, die Nähe nur aus der Kohlenstoffwelt zu kennen glauben.DAS VIRTUELLE.Das, was ich nicht berühren kann, wo ich keine Stimme, keine Mimik habe. Wo wichtige Dimensionen der Kommunikation und der Nähe und der Intimität fehlen.Da sprechen sie wie die Verächterinnen der Religion. Die es absurd finden, dass ich eine lebendige Beziehung zu Gott habe. Dass ich im Gebet in ein Gespräch mit Gott trete. Dass wir bei der Feier des Abendmahls davon überzeugt sind, dass Jesus anwesend ist, dazu tritt, ganz, nicht nur in unseren Gedanken.virtuell, sehrWer das Virtuelle gering schätzt, kann eigentlich keine Christin sein. Wirklich nicht. Denn seit Himmelfahrt ist unser Glauben und vor allem un[...]



Zur Wahl

2017-09-08T23:05:26.987+02:00

Ihr und die Dummheit zieht in Viererreihen
in die Kasernen der Vergangenheit.
Glaubt nicht, daß wir uns wundern, wenn ihr schreit.
Denn was ihr denkt und tut, das ist zum Schreien.

(image)
Finsterwalde. Wie passend.



Ihr kommt daher und laßt die Seele kochen.
Die Seele kocht, und die Vernunft erfriert.
Ihr liebt das Leben erst, wenn ihr marschiert,
weil dann gesungen wird und nicht gesprochen.

Ihr liebt die Leute, die beim Töten sterben.
Und Helden nennt ihr sie nach altem Brauch;
denn ihr seid dumm und böse seid ihr auch.
Wer dumm und böse ist, rennt ins Verderben.

Ihr liebt den Haß und wollt die Welt dran messen.
Ihr werft dem Tier im Menschen Futter hin,
damit es wächst, das Tier tief in euch drin!
Das Tier im Menschen soll den Menschen fressen.

Ihr möchtet auf den Trümmern Rüben bauen
Und Kirchen und Kasernen wie noch nie.
Ihr sehnt euch heim zur alten Dynastie
und möchtet Fideikommißbrot kauen.

Ihr wollt die Uhrenzeiger rückwärtsdrehen
Und glaubt, das ändere der Zeiten Lauf.
Dreht an der Uhr! Die Zeit hält niemand auf!
Nur eure Uhr wird nicht mehr richtiggehen.

Wie ihr’s euch träumt, wird Deutschland nicht erwachen.
Denn ihr seid dumm, und seid nicht auserwählt.
Die Zeit wird kommen, da man sich erzählt:
Mit diesen Leuten war kein Staat zu machen!

Erich Kästner, 1932



Pendlerleben

2017-08-04T15:50:14.185+02:00

Seit wir vor einem Jahr aufs Land gezogen sind, bin ich Pendler. Ich versuche, einmal in der Woche von zu Hause aus zu arbeiten, um dann am Stück mehr zu schreiben und Präsentationen zu bauen (Dinge, zu denen ich im Büro ohnehin nicht so gut komme), aber sowohl zu den Reisen als auch zu den anderen Tagen mit dem Team und im Büro pendele ich rein nach Hamburg. Und wenn ich ganz ehrlich zu mir bin, ist das (außer zum Flughafen, weil ich da mit dem Auto die B432 reinfahre) ein Weg von etwa zwei Stunden je Richtung. So von Tür zu Tür.In diesen Tagen muss die jährliche Pendelstatistik veröffentlich worden sein, denn meine Regionalzeitung und viele Onlinemedien sind voll mit Pendelgeschichten. Vor allem voll von Horrorgeschichten über Menschen, die krank werden, die Schlafstörungen haben, deren Beziehungen in die Brüche gehen, die leiden. Und auch bevor es bei mir mit dem Extrempendeln losging, haben mir viele Leute das Schlimmste profezeit. Nach einem Jahr frage ich mich, wieso es mir anders geht damit. Und wieso ich inzwischen bei uns auf dem Land einige Leute kenne, denen es anders geht.Mein Eindruck aus der Erfahrung von – ja nur, aber eben auch ja, immerhin – einem Jahr reinpendeln nach Hamburg ist, dass es vor allem an zwei Dingen liegt: Zum einen daran, dass es in Schleswig-Holstein verhältnismäßig komfortabel ist, mit der Bahn zu pendeln. Und zum anderen daran, dass ich die Zeit im Zug nicht als verlorene Zeit empfinde. Was weniger mit Autosuggestion zu tun hat als mit meiner Haltung dazu.PendellandVielleicht liegt es ja wirklich daran, dass Schleswig-Holstein ein Pendelland ist. Jedenfalls hat der Regionalverkehr der Bahnen schon vor langer Zeit den integrierten Taktverkehr eingeführt, was bedeutet, dass es quasi keine Zeiten gibt, zu denen ich lange auf Bahnhöfen rumlungern muss. Ist mein Zug aus Eutin pünktlich, steht der Hamburg-Zug in Lübeck schon da. Und hat der Zug aus Eutin bis zu 10 min Verspätung (was durch einspurige Streckenabschnitte vorkommen kann), dann bekomme ich den trotzdem noch bequem. Tatsächlich ist der erste nervige Punkt des Arbeitsweges die Ankunft in Hamburg – wenn tausende Pendlerinnen sich die verstopften Treppen hoch- und runterquälen. Der faszinierendste Effekt des Aufs-Land-Ziehens war vor einem Jahr, dass ich nach wenigen Wochen von der Hektik der großen Stadt genervt war. Und das, obwohl ich hier geboren und aufgewachsen bin, ein Vorstadtkind war, das sich sicher im Dschungel der ÖPNV bewegen kann.Dass die Züge aufeinander abgestimmt sind und Strecken fahren, die berechenbar sind (Punkt zu Punkt) und dadurch relativ pünktlich und halbstündlich, hat einen Riesenanteil am Pendelkomfort. Außerdem spielt die Kommunikationskultur von uns Norddeutschen eine wichtige Rolle für die Entspannung beim Pendeln, glaube ich. Ja, mit denen, mit denen ich in Eutin oder in Lübeck den Zug betrete, nicke ich mir zu. Aber niemand versucht hier in Schleswig-Holstein, einen zwanghaft in Gespräche zu verwickeln. Wir sind ganz zufrieden, wenn alle da sind. Und das war es dann.LebenszeitIch habe die Fahrzeit zur Arbeit mein ganzes Leben lang als gute Zeit und Zeit für mich empfunden. Damals, als ich erst eine halbe Stunde mit dem Rad an der Alster langfuhr, um dann in die S-Bahn zu steigen. Dann, als ich die gesamte Strecke mit dem Rad fuhr und dabei Hörbücher hörte. Und auch heute, wenn ich lange Bahn fahre. Als jemand mit einem Beruf, der mit ständigen Gesprächen ausgefüllt ist, und mit einer großen Familie habe ich immer diese einzige Zeit, die ganz meine Zeit ist, genossen. Tatsächlich, auch wenn das für einige immer schwer nachzuvollziehen ist, empfinde ich bis heute Fahrzeit als meine ganz persönliche Fre[...]



Das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen

2017-06-14T20:26:17.903+02:00

VorwegIm Grunde bin ich Arte und dem WDR ja dankbar. Denn sie hätten die unliebige Dokumentation über den alltäglichen Judenhass und Antisemitismus in Europa auch irgendwann um 1.30 Uhr senden können. Aber da sie den Streisand-Effekt offenbar nicht kannten, haben nun viele diesen Film gesehen, der immer wieder auf YouTube auftaucht und den einige, ich auch, auf ihrer Festplatte haben. Und das ist gut so, weil so die Chance besteht, den Stand der Antisemitismus-Diskussion mehr Menschen zugänglich zu machen. Vor allem solchen, die weit von sich weisen, Antisemiten zu sein, obwohl sie es sind.Es gibt eine Form des Antisemitismus, die ich gut kenne – weil ich in ihr aufgewachsen bin und sie in meinem Umfeld auch heute noch weit verbreitet ist. Darum schreibe ich hier über diese Form.[Was nicht heißt, dass der klassische rechte oder islamische Antisemitismus weniger schlimm wäre. Ich kenne ihn nur nicht so gut aus eigenem Erleben, denn ich kenne nur wenige Nazis und ebenfalls nur wenige gläubige Moslems.]Und zusätzlich verweise ich mit großer Zustimmung auf eine Rezension und kurze erste Einschätzung der Doku und ihrer Stärken und Schwächen bei meinem Lieblingskonservativen Philipp Kurowski, Pfarrer an der Küste (wir haben gleichzeitig Theologie studiert, kommen aus diametral entgegengesetzten Ecken der evangelischen Kirche und oft zu theologisch und politisch sehr gegenteiligen Schlüssen, beschäftigen uns aber seit vielen Jahren mit den gleichen Themen und für mich ist Philipp eine sehr wichtige und mehr als nur geschätzte Stimme).Das ist doch nicht antisemitischEs ist beim linken, linksliberalen und evangelischen Antisemitismus total faszinierend, dass er so auffallend blind ist dafür, dass er eben dieses ist: Antisemitismus. Während es im emanzipatorischen Diskurs normalerweise als selbstverständlich gilt, dass Rassismus oder Sexismus auch da existieren, wo sich Menschen dessen nicht bewusst sind, soll das ausgerechnet beim Antisemitismus anders sein? Oder wie soll ich die wütende Empörung interpretieren, wenn ich ihre Vertreterinnen darauf hinweise, dass sie antisemitisch reden (oder handeln)?Bei allen Schwächen der Dokumentation (vor allem, darauf weist ja Philipp auch richtig hin, die Skandalisieren und Pauschalisierung, ohne die, denen Vorwürfe gemacht werden, zu Wort kommen zu lassen) ist eine ihrer größten Stärken aus meiner Sicht, dass sie solide durchargumentiert, wieso obsessive Israelkritik sich komplett in antisemitischen Mustern und Denkformen bewegt.Der Schlüssel ist dabei hier das Adjektiv: obsessiv. Denn anders kann nicht beschrieben werden, mit welcher Vehemenz und in welcher Menge Israel für seine Kritikerinnen Thema ist. Objektiv betrachtet ist das Palästina-Problem etwa mit dem Kosovo-Problem vergleichbar. Die Aufmerksamkeit aber für Palästina und Israel ist so übersteigert, dass sie einer Sucht gleicht. Diese Obsession ist meines Erachtens die moderne Spielart des "ewigen Juden" und der ewigen Schuldfrage. Sobald die Judenfrage gelöst ist, ist der Terror, der Kapitalismus, der Nahostkonflikt, *setze ein beliebiges Problem ein* gelöst.Die ProjektionDer linke, linksliberale und evangelische Antisemitismus kommt aus einer Haltung der Solidarität mit den Unterdrückten. Und äußert sich in dem Entsetzen, dass doch "gerade die Juden", an denen ja der Holocaust verübt wurde, es besser wissen müssten. Auch hier haben wir es wieder mit einer Obsession zu tun – mit der absurden Vorstellung, dass das Feuer des Holocaust aus seinen Opfern bessere und beste Menschen gemacht haben muss. Im Kern geht es dann eben doch um das bittere, zynische Wort, dass die Linke den Juden den Holocaust [...]



Betrügt die Deutsche Telekom die Landbevölkerung?

2017-06-13T09:08:30.011+02:00

Ja, dass Deutschland Internet-Entwicklungsland ist, wussten wir, als wir aufs Land gezogen sind. Aber einerseits hatten wir in der Villenneubausiedlung am Hamburger Stadtrand auch nur 3MBit. Oder, wenn es sehr gut lief, auch mal 6MBit. Und andererseits sind wir ja nicht auf den Kopf gefallen - und haben, als es nicht möglich war, das Hybrid-Internet der Telekom zu bekommen, deren sauteuren 200 EUR-Vertrag abgeschlossen, der ungedrosseltes LTE anbietet, also keine Volumenbegrenzung hat.(Denn vorher haben wir, auch mit Vodafone, mit "normalen" LTE-Verträgen experimentiert, aber die 30GB waren bei einer ganz normalen Familie mit ganz normalem Medienkonsum nach 2-3 Tagen aufgebraucht.)Das ging einige Zeit sehr gut - wir hatten akzeptable Downloadraten und gute Uploadraten. Hybrid geht bei uns nicht, weil sich die Telekom weigert, unsere analoge Leitung auf IP-Technologie umzustellen (was übrigens dazu führen wird, dass sie uns sehr absehbar komplett abklemmen werden, geht langsam los damit auf dem Land, höre ich).Symbolbild: moderne Internettechnologie aus der Sicht der Telekom. Oder so.Mal abgesehen vom Preis ist das so lange eine ganz gute Lösung, wie die Infrastruktur ausreicht und nicht zu viele Nachbarinnen LTE nutzen. Und hier liegt das Problem. Ein Problem, das die technische Planung und der Support der Telekom kennen, uns mehrfach bestätigt haben, das aber der Vertrieb der Telekom offenbar ignoriert. Und das durch die Vertriebsstrategie der Deutschen Telekom zumindest in unserem Landkreis in den letzten vier Monaten massiv verstärkt wurde. Die ersten meiner Nachbarinnen nennen das bereits Betrug.Denn etwa zu dem Zeitpunkt, zu dem die Breitbandinitiative unseres Landkreises erste sichtbare Ergebnisse zeigte (Ausschreibung fertig, die Anbieter werden ausgesucht), berichten die Nachbarinnen in unseren Dörfern, dass sie von der Telekom aktiv auf ihr Hybrid-Internet hingewiesen werden und es ihnen aktiv verkauft wird. Die Hoffnung vor allem der älteren Nachbarinnen: dass dieser Tarif ihnen reicht und sie auf das Glasfaser nicht angewiesen sind.(Was übrigens neben allem anderen etwas ist, das ich der Telekom wirklich übel nehme, wenn sie tatsächlich ihre Vertriebsaktivitäten bei uns auf diese Zielgruppe ausgeweitet hat - dass sie damit nicht nur die Internetverbindung des gesamten Dorfes faktisch zerstört sondern auch noch aktiv den Ausbau der Infrastruktur verhindern würde.)Der Mast, der für unser Dorf zuständig ist, steht in Eutin-Neudorf und ist mit 50MBit Leistung ohnehin nur zweite Wahl. Seit vier Monaten nun nimmt zu den Zeiten, zu denen Freizeit-Onlinerinnen online sind, die individuelle Leistung für alle Kundinnen zuerst kontinuierlich, dann rapide ab. Zurzeit haben wir nachmittags und abends (bis ca. 22 Uhr) keinen Tag, an dem wir auch nur an die 1MBit Download rankommen. Da wäre ja mein analoges DSL schneller.Die erste erstaunte Frage, ob eine Störung am Mast vorliege, wurde vom Service der Telekom noch bearbeitet - und festgestellt, dass inzwischen doppelt so viele Nutzerinnen auf dem Mast hängen wie noch zum Jahreswechsel. Und die technische Planung der Telekom hat festgelegt, dass der Mast nicht ausgebaut wird, obwohl ja heute ein 100MBit-Mast eigentlich normal wäre.Nach meinen Recherchen ist dieses passiert: die meisten Haushalte in unserem Dorf kommen gerade so auf die DSL-Leistung, bei der die Telekom den Hybrid-Tarif zulässt (uns haben sie den nicht verkauft). Ohne Rücksicht auf die örtliche LTE-Kapazität werden diese Hybrid-Tarife nun verkauft. Da die Bedingungen der Verträge so windelweich sind, liegt formal auch kein Betrug vor, meint die Telekom – denn sie garantieren ja[...]



Mit vollem Anlauf auf die Zwölf

2017-05-15T15:13:08.134+02:00

Symbolbild rot-grüner Wahlergebnisse1. Nun wissen wir also das. Der Nullpunkt für Grün ist 6%. Das sind die, die grün wählen, egal wen Die Grünen aufstellen, wie sie Wahlkampf machen, wie sie ankommen. Nicht viel, aber auch nicht überraschend. Ich denke, das sind in etwa die, die die Mitglieder kennen und im Straßenwahlkampf und in ihrem Milieu sehen, wenn sie von "unsere Wählerinnen wollen nicht, dass..." sagen. So wie es etliche Mitglieder gerade in Schleswig-Holstein tun, die seit dem Wahlabend der Fantasie Ampel hinterherlaufen und gegen Jamaika als Verrat agitieren.2. Wieder einmal, wie schon in Hamburg und Bremen, wurde die radikale Realpolitik einer Generation abgestraft, die sich im Klein-Klein des Regierens erging und das Politische aus den Augen verlor. In einem absurden Gleichgewicht aus Grünlinks und Superrealos sind die Freude und das Menschliche an der Politik verloren gegangen. Die Neugier, das Zugehen auf Menschen – und an ihre Stelle traten Verbiesterung, Besserwissen und Hektik. So wie es beispielsweise auch in Hamburg gerade ist und im Bund (nur da sogar ohne Sinn weil in der Opposition).3. In dem Zusammenhang: Schulpolitik ist für eine kleinere Regierungspartei ein totales Loser-Thema. War es in Hamburg, war es jetzt wieder in NRW. Das ist blöd, denn Die Grünen sind im Prinzip die richtigen, um das zu machen. Aber die größere Partnerin kann das besser wegdrücken. Britta Ernst war kaum (persönlich) in der Kritik in Schleswig-Holstein, obwohl es ein Desaster war und die CDU auch mit dem Thema Schule die Wahl gewann. Es kommt mir sinnvoller vor, dies auch mal so anzuerkennen und lieber die Politik in einer Koalition mitzugestalten als die Fackel voranzutragen. Finanzen, Innen, Justiz – das wäre sinnvoll.4. Der Unterschied zwischen 6% (oder 10% in der Metropole) und 10-15% (20%) scheinen mir Menschen zu sein, die bei und auch und gerade wegen allem Ungefähren (das ist ja, was beide Altfraktionen bei den Grünen Habeck und Kretschmann vorwerfen) in der Lage sind, über das Kernmilieu der 6% hinaus zu wirken. Als Person. Durch ihre Neugier. Durch ihre Lebensfreude. Ich hatte eine Zeit lang gehofft, Göring-Eckardt könne das auch, aber mir scheint inzwischen, dass der strenge Linksprotestantismus, den sie über das Kernmilieu hinaus erreicht, vielleicht doch schon in den 6% enthalten sein könnte. Öko und evangelisch ist ja auch beides out gerade. 5. Die SPD ist einfach echt am Ende. Das schmerzt mich, weil ich an ihr hänge. Aber dieses Jahr zeigt es sehr deutlich. Sie schafft es noch, sich an einem blassen alten Mann zu berauschen und ein peinliches 100% Ergebnis für ihn intern zu feiern. Aber darüber hinaus ist dort nur noch Verwirrung und Desaster. Mit Anlauf. Und mit einem Selbstvertrauen, das wenig mit der Realität zu tun hat und fast ein wenig an den späten Voscherau erinnert. Wer sich wie Die Linke oder immer wieder und überflüssigerweise auch Die Grünen an sie kettet, wird auf absehbare Zeit keine Chance auf Gestaltung haben. 6. Ein Laschet ist von einem Scholz oder Albig inhaltlich nicht unterscheidbar. Ja, SPD und CDU stehen in der Breite habituell für verschiedene Konzepte. Aber im Kern sind beides konservativ-sozialdemokratische Parteien. Und an der Basis sind SPD-Mitglieder oft mindestens so rechts und schräg wie die der CDU. Glaubt mir, ich war da lange Mitglied. Wie soll aber dann bei Grünen und FDP auf Dauer die Ausschließeritis begründet werden? In NRW hat es sich für die FDP noch mal ausgezahlt, aber das war verdammt hoch gepokert. Und ja, ich bin auch gegen eine Regierung mit Albig in Schleswig-Holstein, aber nicht gegen e[...]



Rossballett

2017-04-28T10:06:27.524+02:00

Das Requiem gehört (neben den Streichquartetten aber die auch nur vom Alban-Berg-Quartett gespielt) zu den wenigen Werken von Mozart, die ich immer und uneingeschränkt liebte. Und es bleibt für mich ein unvergessenes Erlebnis, als wir das mit unserer Kantorei damals sangen.

Als Rossballett ist es noch etwas besondererer, oder? Irre. Love it.

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Wahrheit

2017-03-23T18:05:38.148+01:00

Ein Gedanke von Michael Seemann hat mich in den letzten Wochen elektrisiert und nicht mehr losgelassen. Sein mehrteiliger und erst höchstens halbfertiger Essay über "demokratische Wahrheit" lohnt eine intensive Lektüre - am besten wirklich von Teil I an und da durchhangeln und auf die Teile V bis VIII oder so warten.Die Idee, vergröbert und verkürzt, dass Wahrheit heute gefühlt und – vor allem – wirkmächtig einer Demokratisierung unterworfen sei, verstört, ist für mich aber überzeugend und erklärt einiges, was sonst schwer zu erklären ist.Wahrheit, nämlichTatsächlich aber lohnt es sich, diesen Gedanken einmal bis zum Ende durchzudeklinieren. Er ist ein Kontrapunkt zur liberalen Selbstgewissheit, dass die Anhängerinnen von Verschwörungsideen, die Leute, die Russia Today Deutsch für Nachrichten halten, die Fehlgeleiteten, die an Lügenpresse und die Merkeldiktatur glauben, dass alle diese eigentlich nur dumm seien oder überzeugt werden könnten, wenn wir nur mit den richtigen Argumenten kämen.Vor allem aber hilft die Idee der "demokratischen Wahrheit", besser zu verstehen, warum wir nicht dialog-, noch nicht einmal sprechfähig sind. Im Kern ist es ja auch folgerichtig, dass nach und nach alle Lebensbereiche und Weltbereiche demokratisiert werden. Im Kern ist das etwas, das unsere Gesellschaft, das vor allem der liberale Teil unserer Gesellschaft, für richtig, für "gut" hält.Wer sich vom Internet, damals, seit den 90ern, Demokratisierung versprochen hat, Zugang zu Wissen und Informationen, das Ende der Torwächterinnen für Wissen und Nachrichten, kann kaum wirklich überrascht oder auch nur dagegen sein, dass dieses jetzt auf einmal anders als gedacht wirklich wird. Was "wahr" ist, wird einem demokratischen Prozess ausgeliefert. Menge, Mehrheit, gefühlte Mehrheit – all das entscheidet über Wahrheit.Ich habe es im Internet gelesen.Viele Leute haben es gesagt, retweetet, geteilt.Also muss es wahr sein.Der liberale Mainstream hat sich angewöhnt, über diese Argumentation zu lachen. Aber ist sie unlogisch? Ist sie (ethisch) schlecht?Wahrheit, אמת, kann ja recht eigentlich nur dann "objektiv" sein, wenn es eine Instanz gibt, die über sie entscheidet. Hier sind wir Jüdinnen und Christinnen in einer (sozusagen) "besseren" Situation als die Liberalen – denn genau davon sind wir überzeugt.Vielleicht sind es deshalb die organisierten Religionen, in unserem Land vor allem die christlichen Kirchen, die besonders wahrnehmbar und laut gegen das Regime der demokratischen Wahrheit und gegen die Autoritären ihre Stimme erheben.Mir ist, das merke ich in den letzten Wochen, in denen ich über den Gedanken dieser Demokratischen Wahrheit nachdenke, die Idee nicht nur unsympathisch, dass Wahrheit über demokratische Prozesse bestimmt werden könnte. Sie macht mir auch Angst, wenn ich ehrlich bin.Ich weiß die Wahrheit nicht, sie ist mir entzogen, ich werde, so hoffe und glaube ich, nach meinem Leben in dieser Welt die Wahrheit erkennen. Aber ich bin mir sicher, dass es eine Wahrheit gibt. Und dass mein Gott sie kennt und dass Gott versucht, sie uns zu zeigen. Was wir in meiner religiösen Tradition mit dem Heiligen Geist zu erklären versuchen.Dieses Wissen, dieses Glauben, diese Hoffnung verhindern, dass ich Wahrheiten auf den Leim gehe, die ihre Legitimation aus einem demokratischen Prozess beziehen. Wie das aber für eine ganze Gesellschaft funktionieren soll, wenn einmal die Demokratie "losgelassen" ist, weiß ich nicht. Und ich fürchte, dass wir uns als Gesellschaft daran werden gewöhnen müssen, dass es mehrere de[...]



Murmeln

2017-02-03T16:11:03.376+01:00

Zuerst hielt ich es für etwas albern, aber habe trotzdem mitgemacht, denn es passte andererseits in die Situation. Inzwischen freue ich mich jeden Tag daran.Weihnachten hatten wir es endlich einmal geschafft, in die sehr schöne Kirche bei uns in Eutin zu gehen. Der Propst predigte und der wunderbare Kirchenmusiker leitete seine erstaunlich jung klingende Kantorei. Was tolle Musik doch für einen Unterschied macht in einem Gottesdienst, vor allem die Orgelvorspiele von Martin West (der, kaum dass wir ihn entdeckten, in den Ruhestand ging, Pech), die mich an die inspirierende Zeit von Klaus Vetter in Bramfeld erinnerten.Zu Beginn der Weihnachtspredigt ließ der Propst den Klingelbeutel rumgehen – und jede Besucherin sollte sich eine Murmel rausnehmen und gut festhalten. Irritation in den Kirchenbänken war garantiert.Sinngemäß sagte er: "Nehmen Sie die Murmel mit. Stecken Sie die in die Tasche. Und wenn Sie darauf treffen in den nächsten Tagen, erinnern Sie sich daran, wie es war, ein Kind zu sein, das Leben und die Welt mit Kinderaugen zu betrachten." So ungefähr jedenfalls. Es ging ihm nicht um Weltflucht, im Gegenteil. Sondern um die Freude und das Staunen von Kindern gegenüber der Welt. Und das Vertrauen. Und den Lebensmut und die Hoffnung und Zukunftserwartung, wenn man so will (auch wenn Kinder es nicht so nennen würden).Seit Heiligabend trage ich die Murmel tatsächlich in der rechten Hosentasche mit mir herum, packe sie ganz gewissenhaft aus und wieder ein, in Jeans, in Anzughosen, sogar in Reithosen. Und spüre ihr nach über den Tag hinweg. Und jedes Mal, wenn ich die Murmel anfasse, erinnert sich etwas in mir daran, was sie mir sagen will.Das Verrückte ist, dass es funktioniert. Ich weiß, ich werde sie irgendwann verlieren, werde sie mit Kleingeld, das ich in der gleichen Hosentasche mit mir rumtrage, herausziehen und fallen lassen, sie wird unter einen Schrank rollen oder in einen Gulli. Bis dahin aber passe ich auf sie auf. Und erinnere mich daran, was Gott Noah versprochen hat. Und dass es sich lohnt zu leben und zu arbeiten. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass eine Kleinigkeit wie diese Murmel wertvoll für die ersten Wochen dieses Jahres, für die Weihnachtszeit, die gestern zu Ende ging, sein könnte. Dass sie einen Gedanken weiterträgt in mein Leben, den jemand in einer Situation in mich gepflanzt hat, in der ich dafür aufnahmebereit war. Und dafür bin ich dankbar.Und werde versuchen, die Murmel, so lange es irgendwie geht, eben gerade nicht zu verlieren.#DNKGTT[...]



Sondersteuer für Frauen

2017-02-03T16:15:07.328+01:00

Obwohl ich selbst Pferde halte und ein bisschen züchte, war ich lange unentschieden in der intensiven Diskussion um die Pferdesteuer. Grundsätzlich irgendworauf Steuern zu erheben, ist ja ok (wenn man wie ich Steuern und die Finanzierung staatlicher Aufgaben sinnvoll findet).

Inzwischen bin ich überzeugt, dass es eine schlechte und sogar dumme Idee ist. Vor allem aus drei Gründen:

1. Das Neid-Argument.
Es stimmt einfach nicht, dass Reiten und sogar das Halten von Pferden eine "Reichen-Sache" ist. Ja, unter Wohlhabenden gibt es welche, die Pferde auf einem bestimmten Niveau haben oder einen sauteuren Sport wie Polo spielen. Aber unter den Ponybesitzerinnen sind viele mit sehr kleinen Einkommen, die sich das Pferd vom Mund absparen oder einen Zweitjob nur für das Pferd haben. Schülerinnen, die alle Geschenke und ihren Nebenjob in ihr Hobby stecken und so weiter. Und die Kinder, die "nur" reiten, geben dafür weniger aus als ein Fitnesstudio kostet und nur wenig mehr als die Mitgliedschaft in einem Sportverein. 
Für alle diese wäre die Pferdesteuer hart und für viele das Ende ihres Sports oder Hobbys. Wenn die Reitstunde von 10 EUR auf 13 EUR steigt (zusätzlich zu den Erhöhungen, die durch die steigenden Heupreise entstehen, die auch politisch induziert sind, weil immer mehr Grünflächen für die Energieerzeugung genutzt werden), dann ist das für Leute wie mich verschmerzbar. Für viele andere aber nicht. 

2. Die Milchmädchenrechnung.
Da die Pferdesteuer eine Gemeindesteuer ist, werden die Betriebe die Gemeinde verlassen. Die Reitställe beispielsweise in Tangstedt (wo die SPD die Steuer durchsetzen will) werden nach Bargfeld gehen oder nach Norderstedt. 
Es kommt also nicht nur keine Pferdesteuer in die Kasse, es brechen auch noch Gewerbesteuern weg. Dumm. 

3. Die Sondersteuer für Frauen.
Das wichtigste Argument aber — weil das dazu führen wird, dass die Gerichte die Steuer am Ende kassieren werden — kommt daher, dass mehr als 80% aller von dieser Steuer Betroffenen Frauen sind. Weil Frauen so extrem viel häufiger als Männer Pferde besitzen. Faktisch ist eine Pferdesteuer eine Sondersteuer für Frauen. 
Dass nur ein Sport mit einer Sondersteuer belegt wird, der fast ausschließlich von Frauen betrieben wird, dürfte eher schwer mit europäischem Recht vereinbar sein. Und sagt darüber hinaus auch viel über die Gedankenwelt der Initiatoren. 



Und dann auch noch Knut Kiesewetter...

2016-12-31T17:11:18.380+01:00

Was war das für ein Jahr. Im ersten Moment geht es wahrscheinlich nicht nur mir so, dass ich es geballt empfunden habe. Vieles, was Angst macht. Mir zumindest. Vieles, was traurig macht. Mich zumindest. Ein nicht mehr zu verdrängender langanhaltender Teil des Weltkriegs, der seit einiger Zeit herrscht. Beängstigende autoritäre Bewegungen und Führer, die ihre Macht autokratisch umbauen oder demokratisch an die Macht kommen. Viele Idole meiner Jugend oder zumindest solche, mit denen ich aufwuchs, starben. Und das alles nur die Vorhut für ein Jahr, das zumindest in meinem Land noch viel schlimmer werden wird und die Gesellschaft zu zerreißen oder zu zerstören droht.

Und dann kam die Weihnachtspost. Und mit ihr etwas, das eine Tradition in unseren Familien ist: die Jahresbriefe. So wie wir auch den unseren kurz vor Weihnachten verschickt hatten. Und in diesen Briefen war von einem ganz anderen Jahr die Rede. Einem, das gut war, in dem viel geklappt hat, Kinder groß wurden, konfirmiert, Abitur machten, geboren wurden. Reisen, die Familien unternommen haben. Neuanfänge und Veränderungen. Neue Beziehungen. Beförderungen. Neue Berufe. Berufseinstiege. Engagement. Hoffnung.

2016 war für sehr viele Menschen in meinem Umfeld, mich eingeschlossen, ein wirklich gutes Jahr. Eines, in dem viel richtig lief in all dem Chaos, das um uns herum herrschte.

Ich will dies nie vergessen. Mich immer wieder daran erinnern, wenn die Verzweiflung oder die Trauer oder die Angst überhand zu nehmen droht. Und die Briefe, die bei uns an einer Wäscheleine hängen, die einmal quer durch die Wohnküche geht, wieder und wieder zur Hand nehmen. Als Zeugnis eines Lebens in Fülle und einer Hoffnung auf einen Sonnenaufgang am Ende der Nacht.

Wie passend, dass die Tage wieder länger werden.

Ein gesegnetes Jahr 2017 wünsche ich euch, eines, in dem ihr immer wieder Hoffnung und Gelingen sehen könnt. In dem wir gemeinsam stark sind in allen Anfechtungen, die kommen und schon zu sehen sind. Erinnert mich daran, wenn es besonders schlimm ist, bitte.

(image)
Und dann ist da die Hoffnung und die Sonne geht wieder auf




Terror, m.

2016-12-14T16:45:54.021+01:00

terror, m., lat. – Furcht, Schrecken, AngstVorbemerkung:Ich schreibe hier über meine widerstreitenden Gefühle. Über etwas, das mir tatsächlich zu schaffen macht. Das wiederum macht mich verletzlich, ich weiß. Aber da dies Blog ein sehr wichtiger Teil meines Lebens- und Heimatraumes ist, ist es mir wichtig, dies genau hier zu teilen. Darf ich dazu eine einzige Bitte äußern? Wenn ihr - hier oder woanders - darauf antworten wollt, mögt ihr dann auch von euch reden? Und nicht allgemein oder in Beschimpfungen abgleiten oder so was? Ist viel verlangt, aber es ist für mich auch ein Experiment. Dazu, ob ich neben aller Angst auch noch Hoffnung haben darf.Anderes lösche ich auch, davon mal abgesehen. Vom Zorn, dem manchmal gerechtenIch bin leicht erregbar, war ich schon immer. Wenn etwas ungerecht ist oder jemand einfach nicht auf Argumente hören will beispielsweise. Oder wenn ich etwas als böse empfinde. Terror im Wortsinne macht mich zornig. Also wenn jemand Angst und Schrecken verbreitet, ob körperlich oder mit Worten. Ob online oder in der Kohlenstoffwelt. Unredlichkeit macht mich zornig.In meiner religiösen Tradition kennen wir so etwas wie einen gerechten Zorn. Die Bibel unterscheidet gerechten und ungerechten Zorn. Gott zürnt oft, aber nie ohne Barmherzigkeit. Das ist eher schwer für uns, für mich. Aber aus Zorn entsteht eben auch Kraft, Energie, Aktion. Wenn er ein Ventil findet, wenn er sich auf eine Veränderung richten kann.Oft rufe ich meinen Zorn hinaus, hier, auf Twitter, woanders. Sage, was mich zornig macht, was terror verursacht oder ich als terror erlebe. Oft gab es in den letzten dann auch Reaktionen. Ebenso zornig, ruhig, kontrovers, zustimmend, alles mögliche. Aber nie so, dass ich darüber nachdenken musste, ob ich meinen Zorn benennen sollte. Ich habe im Verlauf von (harten) Diskussionen Haltungen geändert, auch Texte geändert. Aber tatsächlich nur einmal, vor Jahren, einen Text gelöscht. Und das, weil er mir dann doch peinlich war. Ja, sogar mir. Aber nie, weil es gefährlich wurde, weil ich Angst bekam, weil die persönliche Vernichtung im Raum stand.Oder dass ich einen Text nicht schrieb. Auch das ist vorgekommen, klar. Vor allem, wenn ich keine Zeit oder Gelegenheit hatte. Und dann irgendwann der Zorn verraucht war oder die Zeit über das Thema oder das, was mich zornig machte, hinweg gegangen war. Aber nie, weil ich es zu gefährlich fand, ihn zu schreiben, weil ich Angst bekam, weil ich die persönliche Vernichtung fürchtete.Vom terrorDas ist inzwischen anders. Und das zeigt mir, dass sich etwas verändert hat. Nachdem ich von der Terrormiliz Trollarmee eines rechtsradikalen Publizisten angegangen worden war. Und nachdem eine wirtschaftliche Vernichtung versucht wurde. Verschiedene Fälle, beide nicht so lange her. Angst ist keine gute Ratgeberin. Aber auf die eigene Angst nicht zu hören, ist ebenso falsch. Zu schweigen, ist grauenvoll, wenn ich sehe, wie anderen genau das gleiche passiert. Zu reden, gefährdet meine Familie, meine Firma, meinen Job. Zum ersten Mal in meinem Leben verstehe ich, wie es meinen Urgroßeltern ging. Und wieso sie ihren Sohn, meinen Großvater, zwangen, sich die Haare zu schneiden. Ich bin nicht im luftleeren Raum. Ich habe Schwachstellen. Meine Familie. Und meinen Beruf. Darum ist es ein Zeichen des Terrors, war es immer schon ein Zeichen des Terrors, in eine Auseinandersetzung eins von beidem oder beides reinzuziehen. Ja, es ist ein Zeichen von Schw[...]



Dankbar

2016-11-17T17:20:41.757+01:00

Es gehört zu den schönen Dingen am Älterwerden, dass deine Kinder keine Kinder mehr sind sondern Erwachsene werden. Zumindest die älteren deiner Kinder. Die jüngeren werden Jugendliche. Das ist anders schön. Ja wirklich, irgendwie, so im Nachhinein, wenn ich an die jetzt erwachsenen denke, als sie jugendlich waren.Symbolbild: gelingende ErziehungUnd nach und nach zeigen sich die Früchte dessen, was du versucht hast all die Jahre. Obwohl alle mit erzogen haben an deinen Kindern.Nach und nach zeigt sich, ob die Herzensbildung zumindest in Ansätzen erfolgreich war, die du versucht hast. Oder die Liebe zur Bildung, zum Lesen, zu Wesen.Nach und nach zeigt sich, ob hinter der Rebellin auch dein Sohn, deine Tochter schlummerte und nun doch noch erwacht.Es ist merkwürdig, deine Kinder groß werden zu sehen. Meistens fällt dir gar nicht auf, wie merkwürdig es ist, denn es passiert ja nicht, es mäandert so vor sich hin. Es ist nicht plötzlich da. Selbst wenn du dir irgendwann die Augen reibst und dich fragt, wann sich dieser Mensch so verändert hat, dass du auf einmal stolz bist. Und dankbar.Obwohl – dankbar war ich eigentlich immer. Oder zumindest immer wieder. Denn nichts lässt einen so lebendig sein und so unanfällig für die Blasen, in denen einige deiner Freundinnen zappelt, wie Kinder. Und Jugendliche. Und Erwachsene. Die du begleitet hast.Du hast immer gedacht, dass du versagst. Du hast Nächte durchgeweint vor Zorn und Verzweiflung. Und andere durchgewacht vor Sorge. Du hast geschlafen wie ein Stein vor Erschöpfung. Du bist hochgeschreckt beim kleinsten Geräusch. Die ersten Monate bist du aufgestanden, um nachzugucken, ob das Kind noch lebt, mitten in der Nacht. Später war es anders und doch immer auch gleich.Und dann zieht dein erwachsenes Kind bei deinen Großeltern, seinen Urgroßeltern ein. Um sich um sie zu kümmern und für sie da zu sein. Und du merkst, dass alles wunderbar geworden ist.(Zwei unserer vier Kinder sind nun erwachsen. Und ungefähr so geworden. Wirklich. Ich kann da nicht viel für. Aber es ist toll und ich bin so dankbar, dass ich manchmal Tränen in den Augen habe, wenn ich davon erzähle. Es gibt nichts Schöneres auf der Welt als viele Kinder zu haben, die so unterschiedlich sind wie es nur geht. Und doch alle auch ähnlich und Teil von uns. Ich liebe euch.)(und ansonsten könnte man auch dieses lesen – über Kindererziehung in diesen Zeiten. Irgendwie bin ich froh, dass es andere Zeiten waren, als wir unsere groß machten.)[...]



Blockchain-Kommunikation

2016-10-28T14:13:53.339+02:00

Der nächste Level im Content MarketingVerglichen mit dem, wo Kommunikation über die letzten Jahre schon war, ist Content Marketing eigentlich ein Rückschritt gewesen. Was mindestens zum Teil auch erklärt, warum es solche Begeisterung unter Kommunikatorinnen und Kommunikatoren ausgelöst hat: versprach Content Marketing doch eine Rückkehr zum Wasserfallprinzip in der Kommunikation; zur vermeintlichen (wenn auch nur scheinbaren) Kontrollierbarkeit von Kommunikation.Im Grunde war Content Marketing für einige Zeit eine gute Antwort auf die Frage, wie klassische „Reklame“ unter den Bedingungen aussehen kann, die der massive Medienwandel geschaffen hat, der vor etwa zehn Jahren stattfand.Allerdings hat sich seit diesem Wandel die Welt ja weitergedreht, hat der (weitere) technologische Wandel auch vor der Medien- und Kommunikationslandschaft nicht halt gemacht. Stichworte sind unter anderem die Inflation der Daten – schon rein mengenmäßig –, die beginnende künstliche Intelligenz oder auch die Verknüpfung von immer mehr Datenpunkten und Geräten, die wir unter dem gleichzeitig über- und unterschätzten Thema Internet of Things diskutieren. Und als aktuelles „heißer-Scheiß“-Thema eben die Blockchain.Und während Medien unter dem Stichwort „Homeless Media“ eine Antwort auf diese Veränderungen suchen (sehr gut, radikal und bisher auch ziemlich überzeugend setzt dies in Deutschland vor allem „Funk“, der neue Jugend“kanal“ von ARD und ZDF um), müssen sich Kommunikatorinnen, vor allem aber Agenturen, meines Erachtens endlich mit den Möglichkeiten beschäftigen, die sich konzeptionell aus eben dieser Blockchain ergeben – auch wenn das zurzeit noch vor allem Entwicklerinnen aus Start-up- und Fintech-Umfeldern umtreibt, die aber nicht weniger als die nächste große Revolution im Internet bedeutet.Was ist eine Blockchain?Einmal nur als Kommunikator auf die Blockchain geguckt und nicht unter technischen Gesichtspunkten, geht es bei einer Blockchain darum, dass Einzelteile („Blocks“) fest und untrennbar (und am Ende quasi nicht oder kaum manipulierbar) zu einer Kette („Chain“) verbunden sind. Im Fintech-Bereich ist die Blockchain darum so spannend, weil sie Transaktionen nachvollziehbar macht und auch Kleinstbeträge sinnvoll abbilden kann, weil Vertrauen in die Richtigkeit eines Blocks aus der Kette entsteht und nicht daraus, dass eine Institution für die Richtigkeit garantiert. Es ist die recht radikale Anwendung der Ideen von Open Source – offener, nachvollziehbarer, transparenter Quellen – auf alle anderen Bereiche, in denen außer bei Software ebenfalls Vertrauen in die Richtigkeit, Vollständigkeit und Nicht-Korrumpierbarkeit wichtig ist.Was bedeutet das Konzept Blockchain für die Kommunikation?Die Frage, wie eigentlich Themen gesetzt und Geschichten erzählt werden können, ohne dass sie von Anfang an durchgeplant sind und nach einem Drehbuch abgearbeitet werden können, ist eine, die moderne Kommunikation seit langer Zeit umtreibt. Wir nennen das PR. Oder neudeutsch Influencer Relations (oder, wenn wir nicht so direkt aus der PR kommen: Influencer Marketing). Der Gedanke einer Blockchain bringt nun noch einen weiteren Aspekt in diese Fragestellung: Wie können wir eine Geschichte erzählen, ein Thema setzen, ein Gespräch oder eine Bewegung abbilden, wenn die einzelnen Teile eine wirkliche, vielleicht sogar nicht-lineare Kette bilde[...]