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Oeffinger Freidenker



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Updated: 2018-04-20T19:22:11.490+02:00

 



Vermischtes 20.04.2018

2018-04-20T19:22:11.466+02:00

Im Folgenden finden sich einige interessante Artikel über die ich in letzter Zeit gestoßen bin sowie einige Anmerkungen dazu. Zur besseren Bezugnahme in den Kommentaren sind die Artikel durchnummeriert. Der jeweilige Kommentar von mir setzt voraus, dass die verlinkten Artikel gelesen wurden. 1) Twitter-Diskussion über Beleidigungen Nachdem der Vox-Autor Will Wilkinson sich über einen Tweet lustig machte, der die Bibel zur Antwort auf alle Fragen (nicht nur philosophischer Natur, sondern wirklich aller Fragen) erklärte, entbrannte eine Diskussion darüber, ob es sich dabei um eine unzulässige Polemik gegen Christen handle. Die Diskussion - man muss im Thread ein wenig herumscrollen - involviert unter anderem Wilkinson selbst (der klar progressiv ist), Matthew Yglesias von Vox (dito), Lyman Stone vom Federalist (konservativ), Brendan B. Dougherty von der New York Times (dito) und Damon Linker von der Week (Mitte-Rechts). Sie ist ein faszinierender Mikrokosmos des Grabens zwischen den beiden Seiten. Ygelesias' Beobachtung, dass die Konservativen zwar beständig die progressiven Forderungen nach "safe spaces" lächerlich machen und unter dem Banner ihres political-correctness-Kreuzzugs angreifen, gleichzeitig aber safe spaces für sich selbst fordern, ist right on the nose, wie der Amerikaner sagen würde. Geht es gegen irgendwelche Minderheiten, müssen die es halt hinnehmen - schließlich ist ein bisschen Kritik oder Polemik ja von der Meinungsfreiheit gedeckt. Aber wehe, es geht gegen einen selbst. Dann ist es ein Unding. 2) China made solar panels cheap. Now it's doing the same thing for electrical buses. David Roberts hat einen ausführlichen und wohl recherchierten Artikel darüber, wie die chinesische Wirtschaftspolitik auf dem Markt für erneuerbare Energien agiert. Das Grundprinzip ist dabei recht simpel: Subventionen dass es kracht. Wirtschaftlichkeit spielt für die chinesische Regierung dabei erst einmal keine Rolle; stattdessen wird ein Produkt gepusht, für das es bisher keinen beziehungsweise einen unterentwickelten Markt gibt. Auf diese Art und Weise wurden die Chinesen Marktführer in Sachen Solartechnik, wo Deutschland früher einmal führend war, und drängen gerade massiv in den Elektrobus-Markt, der bisher in keinem Land besonders weit entwickelt ist. Die Macht des monopolistischen Technikvorsprungs erhöht dann relativ schnell die Eingangshürden für andere Hersteller (was Daimler, Bosch et al ja gerade bereits beim Elektroantrieb erfahren) und sichert die eigene Stellung ab. Wie mit dieser Herausforderung umzugehen ist bleibt dabei unklar - eine marktwirtschaftliche Demokratie hat gewisse Probleme damit, einfach eine Branche querzusubventionieren, und ist extrem anfällig gegenüber einzelnen scheiternden Unternehmen. Das hat man in den USA an Solyndra gesehen: obwohl der Solarpanelhersteller nur in einem (relativ) geringen Umfang Subventionen der Bundesregierung erhalten hat, wurde er im politischen Meinungsstreit ausgeschlachtet und blockierte Subventionen für andere, erfolgreichere Betriebe. Das Aufreiben der Förderung Erneuerbarer Energien in Deutschland, das zu deren schleichenden Bedeutungsverlust seit dem Ende von Rot-Grün geführt hat, ist ein Alleinstellungsmerkmal funktionierender Demokratien, in denen Lobbys und andere Interessengruppen auch gegen das explizite Interesse der jeweiligen Regierung Macht ausüben können. In China ist dies auf diese Art nicht vorstellbar, was in diesem Fall zu Vorteilen führt (und zu potenziell katastrophalen Fehlinvestitionen, wenn sich die Führungsspitze täuscht, was mittelfristig unausweichlich ist). Trotzdem ist es ein gutes Zeichen, dass China sich bewusst darüber ist - anders als etwa die EU oder die USA aktuell - dass der Klimawandel einerseits eine akute Bedrohung ist und aktiv bekämpft werden muss und andererseits auch eine gewaltige Wachstumschance mit vielen Jobs darstellt. 3) Die Methode Spitzer Ich bin, gelinde gesagt, kein Fan von Martin Spitzer. Ich halte ihn für einen Quacksalber, der auf maximale Polemik setzt um seine eigene [...]



Vermischtes

2018-04-17T11:26:55.804+02:00

Im Folgenden finden sich einige interessante Artikel über die ich in letzter Zeit gestoßen bin sowie einige Anmerkungen dazu. Zur besseren Bezugnahme in den Kommentaren sind die Artikel durchnummeriert. Der jeweilige Kommentar von mir setzt voraus, dass die verlinkten Artikel gelesen wurden. 1) Bayern will psychisch Kranke wie Straftäter behandelnHeribert Prantl echauffiert sich über ein neues bayrisches Gesetz, nach dem psychisch Kranke (etwa Depressive) vorbeugend in eine geschlossene Anstalt genommen werden können und das sie registriert. Das Gesetz entsetzt die Fachwelt, was wenig wunders nimmt, denn nichts hilft schließlich bei psychischen Krankheiten besser als eine gesellschaftliche Ausgrenzung und Kriminalisierung, besonders für die Bereitschaft Betroffener, Hilfe zu suchen. Auf der anderen Seite steht natürlich die Problematik, dass psychisch Kranken bisher wenig geholfen wird und hier dringend Schritte nötig wären. Die Einrichtung eines psychatrischen Notdiensts, die das Gesetz auch beinhaltet und die Prantl ausdrücklich lobt, ist da ein Schritt in die richtige Richtung. Mein Gefühl ist, dass das Thema eine gewisse Hilflosigkeit hervorruft, und dass die bayrische Variante nur die konservative Variante ist, mit dieser Hilflosigkeit umzugehen (Gefährung wird hier immer gern mit Registrierung und Polizei begegnet). Manche geistig Kranken sind mit Sicherheit eine Gefahr für die Gesellschaft, und vorbeugend tätig zu werden kommt der Fürsorgepflicht gegenüber dem Bürger und den Leuten selbst nach. Die bayrische Methode scheint etwas mit der Brechstange zu sein und, wie oben beschrieben, mit einem sehr großen Nachteil der Ausgrenzung und Abschreckung vor freiwilliger Behandlung daherzukommen, aber ein klar besserer Weg fällt mir auch nicht ein, und da haben wir das Thema Kosten noch gar nicht angesprochen...2) My epiphany about the problem with ApuEine Diskussion, die am progressiven Rand der Twittersphäre stattfand, war in letzter Zeit die Frage, ob die Figur des indischen Gemischtwarenhändlers Apu aus den Simpsons ein rassistisches Zerrbild wäre. Der indische progressive Autor Jeet Heer beschreibt im oben verlinkten Artikel, warum er Apu lange nicht als Problem sah und erst durch die Debatte darauf gestoßen wurde. Ich denke, die Diskussion ist ein Mikrokosmos um viele dieser progressiven Themen, die wir ja auch hier im Blog immer wieder diskutiert haben. Es sind Nebenkriegsschauplätze, und auch noch solche, die lange von niemandem als Problem gesehen wurden (siehe auch etwa die Debatte um das Football-Team "Redskins"), aber seither haben sich Maßstäbe verschoben. Als Apu in den 1980er Jahren geschrieben wurde schien er nur ein harmloses Stereotyp, aber 30 Jahre später sieht die Lage eben etwas anders aus. Was hier gefordert ist ist Sensibiltät gegenüber den Befindlichkeiten der jeweils betroffenen Minderheit, aber in der aufgeheizten Debatte, in der die rechten identity-politics-Krieger solche Versuche einer behutsamen Thematisierung gerne sofort mit dem Schlachtruf des Kampfs gegen political correctness torpedieren, ist das leider unwahrscheinlich.3) Anglizismen in FirmentextenMich nerven nur wenige deutsche Lobbyverbände so sehr wie die selbst ernannten "Sprachschützer" und die vielen, vielen Phantomdebatten, die über die angebliche Gefährdung der deutschen Sprache geführt werden. Ich bin daher sehr froh, einen unaufgeregten Artikel gefunden zu haben, der Anglizismen in Firmentexten unvoreingenommen angeht und eine Art Anleitung erstellt, welche Anglizismen einen sinnvollen Platz haben, welche zwar überflüssig aber harmlos sind und auf welche man besser verzichtet.4) Mit Rechten zu reden hat auch Grenzen // Hetze in Deutschland 4.0Die beiden oben verlinkten Artikel gehen von unterschiedlichen Seiten her auf das Thema der Verwechslung von Hetze und Debatte ein. Die massive Verwirrung, die dafür sorgt dass das durchaus berechtige Anliegen auch Mitte-Rechts-Positionen einen Raum in der Debatte zu geben damit verwechselt echte Hetze unvoreingenommen z[...]



Vermischtes

2018-04-16T09:24:55.168+02:00

Im Folgenden finden sich einige interessante Artikel über die ich in letzter Zeit gestoßen bin sowie einige Anmerkungen dazu. Zur besseren Bezugnahme in den Kommentaren sind die Artikel durchnummeriert.1) Gewaltfreie Erziehung - Die entscheidende RevolutionEs ist immer wieder erstaunlich, wie hartnäckig sich Gewalt gegen Kinder als legitimes Mittel der Erziehung hält. Obwohl es unter Rot-Grün verboten wurde, ist ein Großteil der Bevölkerung immer noch der Ansicht, dass ein paar Hiebe schon nicht schaden. Ignoriert wird dabei die inzwischen beeindruckend breite Palette Forschung, die unisono belegt dass Schläge als Mittel der Erziehung tatsächlich schädlich sind.Für mich als Vater ist der Verzicht auf Gewalt mit eine der größten Herausforderungen. Wenn man gestresst ist und die Kinder furchtbar aufsässig sind, wird man wütend. Die Versuchung ist immer groß, dieser Wut dann körperlich Ausdruck zu verleihen. Sich dann immer wieder zu sagen, dass Gewalt gegenüber Kindern - auch und gerade scheinbar kühle, zielgerichtete Gewalt wie ein Klaps auf die Finger oder den bewindelten Hintern, die keine Schmerzen verursachen - ein Zeichen der eigenen Hilflosigkeit sind ist nicht einfach. Denn gerade das ist es. Gewalt gegen Kinder ist ein Kontrollverlust der jeweiligen erwachsenen Autoritätsperson, nicht mehr und nicht weniger. Es ist Hieb gewordener Ausdruck einer Hilflosigkeit, sich nicht anderes behelfen zu können. Das zu verstehen ist ein wichtiger erster Schritt, und wir sind leider noch weit davon entfernt.Immerhin ist durch die juristische Sanktionierung inzwischen eine Art gesellschaftliches Tabu errichtet. Verdreschen ist mittlerweile völlig ausgeschlossen, und zumindest in der Öffentlichkeit reißen die Menschen sich im Allgemeinen zusammen, weil sie wissen, dass es gesellschaftlich sanktioniert wird. Auch das ist übrigens political correctness und zeigt deutlich den Wert dieser Einrichtung. In anderen Ländern wie etwa den USA ist diese Barbarei noch deutlich weiter verbreitet und gesellschaftlich akzeptiert. Hier steht noch viel Arbeit ins Haus.2) Trump attacks Comey for handing him the presidencyMan muss sich in diesen wirren Zeiten immer wieder klar machen, dass der Feind deines Feindes nicht automatisch dein Freund ist. Gerade für Progressive ist es leicht, in kollektive Amnesie zu verfallen und James Comey als heldenhaften Widerstandskämpfer gegen Trump zu feiern. Man sollte sich allerdings immer klar machen, dass es Comey war, der Trump den Sieg gebracht hat. Dass er danach von den Konsequenzen seiner eigenen Fehlentscheidung hinweggespült wurde, ist eher poetische Gerechtigkeit.Tatsächlich mehr als beunruhigend ist die aktuelle konzertierte Attacke der Republicans gegen Comey daher vor allem deswegen, weil sie einen gefährlichen autoritären Trend aufzeigt. Mit der gesamten Gewalt des Staates gegen eine unangenehme Privatperson (!) zu agitieren, ist nichts, was in einer Demokratie passieren sollte. Die Republicans attackieren zudem bewusst die Ideen von Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung indem sie Trumps Linie fahren, dass das Justizministerium sich gefälligst seinen Wünschen unterzuordnen und die Ermittlungen einzustellen.3) Immigranten - Bereicherung oder Belastung?Hannes Stein liefert eine Reihe von Daten über Einwanderer in die USA. Es geht um alle Einwanderer, und die Zahlen sind beeindruckend. Sie sind weniger kriminell, weniger arbeitslos, weniger unverheiratet schwanger, besser gebildet, religiöser und jünger als durchschnittliche Amerikaner. Ich weiß nicht wie die Zahlen hierzulande sind, aber dass das Bild bei weitem nicht die Höllenlandschaft ist, als die sie gerne dargestellt wird, wäre meine starke Vermutung.4) Unsinnige UnschuldsvermutungEines der dümmten Argumente bezüglich russischer Geheimdienstoperationen und Morde in anderen Nationen ist, dass solange es nicht bewiesen wäre man von Russlands Unschuld ausgehen müsse. Das ist völliger Humbug, wie der oben verlinkte Artikel ausreichend darlegt. Es ge[...]



Vermischtes

2018-04-12T15:52:25.885+02:00

Im Folgenden finden sich einige interessante Artikel über die ich in letzter Zeit gestoßen bin sowie einige Anmerkungen dazu. Zur besseren Bezugnahme in den Kommentaren sind die Artikel durchnummeriert. 1) White Evangelicals are steadily losing followers and political clout Es gehört zu den Standardweisheiten in jeder Betrachtung der USA, dass das Land deutlich religiöser ist als (West-)Europa. Weniger bekannt ist, dass der in Europa allgemein schon lange festgestellte Trend, dass die Menschen immer weniger religiös werden, auch in den USA zu beobachten ist und dort auch und ganz massiv die radikalen Evangelikalen trifft, deren gewaltiger Einfluss auf die US-Politik immer mehr schrumpft (aber relativ immer noch groß ist, selbstverständlich). Spannend ist dabei, dass nicht die Evangelikalen als Ganzes weniger werden, sondern dass es ein Generationending ist: die sterben schlichtweg aus. Warum ist das so? Ein wichtiger Grund ist die Homo-Ehe. Junge Menschen, selbst wenn sie sehr religiös sind, stimmen ihr überwiegend zu. Die radikale Feindschaft der alten Evangelikalen gegenüber der rechtlichen Gleichstellung sorgte dafür, dass sich eine ganze Generation überwiegend von der Bewegung abwendete. Ebenfalls spannend ist, dass die Abnahme der Evangelikalen als Anteil an der US-Bevölkerung besonders mit Beginn der Obama-Ära einen Schlag einstecken musste. Das zeigt einmal mehr, wie wichtig es ist, wer an der jeweiligen Regierung ist: Progressive Vorbilder in höchsten Stellen können die Mentalitätseinstellung einer Gesellschaft entscheidend beeinflussen, und umgekehrt. Weitere interessante statistische Teile aus dem Artikel sind der Zusammenhang von Diversität in einem Bundesstaat mit der Rigidität der Evangelikalen - wo je weniger diversifiziert die religiöse Zusammensetzung des Staates ist die Evangelikalen umso radikaler auftreten - und der Zusammenhang von Religionszugehörigkeit und Parteizugehörigkeit. Bei letzterem kann man deutlich sehen, dass die "klassisch weißen" Religionen zwar deutlich mehr Republicans als Democrats umfassen, aber viel weniger als man annehmen könnte. Die harten Parteigänger sind eine Minderheit, und sollten sie die Mehrheit verlieren - etwa über ein Thema wie die Homo-Ehe - kann der ganze Laden sehr schnell sehr stark schrumpfen. 2) The Conservatives are wrong - Having more people in employment doesn't reduce poverty Der Telegraph, ein linken Umtrieben eher unverdächtiges Blatt, erklärt dass obwohl in Großbritannien so viele Menschen wie nie zuvor in Beschäftigung sind die Armutszahlen sich verschlimmert haben. Für Konservative und Wirtschaftsliberale mag das überraschend kommen, aber nur weil jemand arbeitet heißt das nicht, dass er automatisch nicht arm ist. Die Situation, wie der Telegraph erklärt, ist im UK deswegen deutlich schlimmer als etwa hier in Deutschland (In den Kommentaren wurde letzthin überzeugend dargestellt, dass nicht alle Hartz-IV-Empfänger die Armutsdefinition erfüllen), weil die konservative Regierung unter Theresa May massiv die Sozialausgaben zusammengestrichen hat, und zwar vor allem in dem Bereich der Niedriglöhnern zugute kommt. Darunter sind etwa der soziale Wohnungsbau (die Miet- und Immobilienpreise sind im UK noch höher als bei uns) und Hilfen zum Lebensmitteleinkauf. Das führt dazu, dass Niedriglöhner im UK deutlich gefährdeter sind, ihren Lebensunterhalt trotz Vollzeitarbeit nicht bestreiten zu können. Dieser Bestand zeigt die Wichtigkeit, die ein vernünftiges soziales Netz hat, und man kann nur froh sein, dass die CDU/CSU und FDP beide (derzeit) nicht daran arbeiten, ähnliche "Reformen" wie Theresa May durchzuführen. Vermutlich spielt hier auch mit hinein, dass die britischen Conservatives sich von den anderen christlichen Volksparteien des Kontinents abheben und wie so oft eher auf die andere Seite des Atlantiks als des Kanals schauen. 3) Sandra Bauer - gern. Meryem Öztürk - Nö. Der Spiegel berichtet über die Ergebnisse einer Studie, i[...]



Vermischtes

2018-04-10T09:04:09.704+02:00

Ich habe schon länger keinen Artikel dieser kleinen Reihe mehr produziert, und bin in letzter Zeit über einige interessante Artikel gestolpert, die ich zwar für kommentierwürdig halte, die aber keinen eigenen Artikel reichen. Und ich bin gar kein Fan von ultrakurzen Blogposts, deswegen dieser Sammelpost hier. Wie immer bei den eher experimentellen Formaten hier ist Feedback neben der üblichen sachbezogenen Diskussion erwünscht. Zur einfacheren Bezugnahme in den Kommentaren sind die Abschnitte durchnummeriert. Now, without further ado, let's dive in. 1) Want affordable housing? Just build more of it! Nicht nur in Deutschland ist die stetige Verteuerung und Knappheit von Wohnraum in Ballungsgebieten ein riesiges Problem. Besonders in den Städten der US-Westküste - San Francisco und Los Angeles etwa - hat der Mangel an Wohnraum die Preise inzwischen in Dimensionen getrieben, die nicht einmal mit den Gehältern des Silicon Valley bezahlt werden können. Ein wichtiger Grund für diese Knappheit ist eine absurde Überregulierung von Neubauten, ein Problem, das ebenfalls in weiten Teilen der entwickelten Welt zu finden ist (über das ich auch schon geschrieben habe). Das kommt daher, dass die Alteingesessenen, die bereits über eigenes Wohneigentum verfügen, dessen Wert zu steigern gedenken. Je komplexer und aufwändiger die Regeln für Neubauten gestaltet werden können, desto eher wird dieses Ziel erreicht. Dieseits wie jenseits des Atlantiks etwa werden mehr als zweistöckige Häuser massiv behindert, aber es gibt kaum etwas das mit Platz so ineffizient arbeitet wie einzelstehende Familienhäuser. Für die Innenstädte sind diese sowieso keine Option. Was den Bau größerer Wohneinheiten in den Innenstädten verhindert sind häufig die Vorschriften für Parkplätze, die zur Verfügung stehen müssen und für die natürlich kein Platz ist. Daher fordern Experten bereits seit längerem eine deutliche Deregulierung der Bauvorschriften (zoning laws). Dazu gehört unter anderem, großen Wohneinheiten einfach keine Parkplätze zur Verfügung zu stellen und sie stattdessen direkt an großen Hubs für den Öffentlichen Nahverkehr zu bauen, was natürlich voraussetzt, dass es einen gut funktionierenden öffentlichen Nahverkehr gibt. So werden aber zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: die Zahl der Autos wird reduziert und damit die Luftqualität und Lärmbelastung deutlich verringert und gleichzeitig ein deutlicher Anstieg an bezahlbaren Wohneinheiten bewirkt. Der oben verlinkte Artikel von Noah Smith stellt dem katastrophalen Zustand San Franciscos das Ausbauprojekt Tokyos gegenüber, das genau nach diesen Prinzipien sehr erfolgreich war und Tokyo zu einer der bezahlbarsten Großstädte der Welt gemacht hat. Ein weiterer relevanter Punkt ist natürlich, dass der Staat selbst den Bau subventionierter Wohneinheiten vorantreiben kann (sozialer Wohnungsbau), wenn er denn nur wöllte. Aber das ist aktuell keine politische Priorität. 2) Kushner: We struck deal with Sinclair for straighter coverage Die Sinclair Group erlangte einen größeren Bekanntheitsgrad, nachdem John Oliver in seiner Show "Last Week Tonight" vor einigen Monaten ihre Reichweite und Praktiken vorstellte. Das rechtsradikale Sendernetzwerk, das zahlreiche Regionalsender betreibt, zwingt seine Angestellten dazu, wörtliche Statements der Unternehmensleitung vorzutragen und hält sie mit Knebelverträgen unter Kontrolle (so etwa müssen Sinclair-Journalisten wenn sie ihren Job kündigen oder gekündigt werden bis zu 40.000$ Strafe zahlen!). Kürzlich sprangen auch die Leitmedien auf den Zug auf; CNN etwa schnitt ein Video zusammen, das die Nachrichtensprecher zahlreicher Sinclair-Sender zeigte, die ein wortgleiches Statement gegen "Fake News" (was in der Orwell'schen Sprachwelt der Rechten echte Fake News bedeutet) verurteilten. Ähnliche Statements wurden in Unterstützung sowohl des Kandidaten als auch des Präsidenten Trump forciert. Nun hat, wie[...]



Midterm Dangers

2018-04-02T16:01:02.967+02:00

Auf dem Papier sehen die Aussichten der Democrats für die Midterm Elections kommenden Novermber großartig aus. Trumps Zustimmungswerte kommen nicht über die 45% hinaus, Skandal hängt an Skandal. Eine Rekordzahl republikanischer Amtsinhaber tritt nicht mehr an. Im generic ballot führen die Democrats, je nach Umfrage, zwischen 5% und 15%. Und doch bewegen sie sich angesichts der kommenden Wahlen in einem wahren Minenfeld. Denn gerade die Faktoren, die so verheißungsvoll wirken, bergen gleichzeitig ihre eigenen Gefahren. Und diese Gefahren bedeuten, dass es für die Democrats 2018 keine einfachen Entscheidungen gibt. Jeder Schritt birgt Opportunitätskosten, und in keinem Fall ist klar, welche Strategie sich am Ende auszahlen wird. Eines aber ist klar: in Gefahr und großer Not bringt der Mittelweg den Tod. Legt sich die Partei nicht fest, verliert sie sicher. Es braucht nicht erst den SPD-Wahlkampf 2017, um diese Lektion deutlich zu machen. Es lohnt sich, an dieser Stelle etwas zu verweilen. Denn wenn man Hillary Clinton bezüglich ihrer Wahlkampfstrategie 2016 einen Vorwurf machen kann, dann ist das nicht, nicht mal persönlich in Wisconsin vorbeigeschaut zu haben, sondern kein klares Wahlkampfthema besessen zu haben. Ein Teil davon war auch der Aufmerksamkeitsgenerierung Trumps geschuldet, sicher, aber Clinton konnte sich nie richtig entscheiden, was nun ihr Thema war. Frauenrechte? Ungleichheit? Korruption? Russland? Sie hatte zu allem etwas zu sagen, viel zu sagen, Gutes zu sagen, aber ein Thema gab es nicht, und damit fiel es der Presse umso leichter, dem jeweiligen nächsten scheindenden Ding hinterherzujagen, das Trump gerade produzierte. Die Democrats brauchen daher 2018 ein Thema, ein Leitmotiv. Das wird zwingend mit Trump verbunden sein. Der Präsident, so viel haben die special elections der letzten zwei Jahre gezeigt, ist ein Mühlstein um den Hals jedes republikanischen Kandidaten, und die Oppositionspartei gewinnt eigentlich immer, wenn sie den Präsidenten mit seiner Partei verknüpft (im 20. Jahrhundert gibt es von dieser Regel gerade einmal drei Ausnahmen). Für die Republicans, die gegen Obama Wahlkampf machten, war das keine schwierige Entscheidung. Obama bot genau ein Ziel, aber das leuchtete floureszierend und überdeutlich sichtbar für alle, und entsprechend melkten es die Republicans erbarmungslos und mit großem Gewinn: Obamacare. Es war der eine weithin sichtbare, umfassende "Skandal" der Obama-Jahre, insofern "Skandal" hier großzügig auch auf das angewendet wird, was die Opposition dazu macht. Das Problem für die Democrats ist nun wahrlich nicht, dass Trump zu wenig Skandale bieten würde. Das Problem ist, dass es zu viele sind. Dies mag erst einmal wenig intuitiv erscheinen, aber im Wahlkampf profitiert man eher, wenn der Gegner genau eine Angriffsfläche bietet - wie Obama das tat, oder Clinton - als wenn es viele verschiedene gibt. 2016 hat dies deutlich gezeigt. Denn wer jede Woche zwei neue Skandale produziert, dessen Skandale sind auf eine gewisse Art wertlos, der betäubt das Publikum. Die Democrats müssen daher ein Trump-Thema wählen und dieses erbarmungslos ausschlachten, die nationale Konversation immer und immer wieder auf dieses eine Thema lenken. Und welches das sein soll, ist völlig unklar. Denn bei der Auswahl gibt es noch weitere Probleme zu bedenken. Die Basis der Democrats, auf deren hoher Wahlbeteiligung jedes Siegesszenario im November fußt, interessiert sich weniger für die Trump-Skandale. Die sind dazu da, Independents dazu zu bringen, ihr Kreuz aus Abscheu bei den Democrats zu machen und Republicans dazu zu bringen zuhause zu bleiben. Die Basis will klare Festlegungen ihrer Kandidaten für progressive Ziele: eine Sicherung und Ausweitung von DACA, eine allgemeine und gesetzliche Krankenversicherung, höhere Besteuerung der Spitzenverdiener, Reduzierung der Studiengebühren, Waffenkontrolle, etc. Diese Themen aber besitzen i[...]



Das Große Vergessen

2018-04-01T11:29:16.306+02:00

Es ist keine zehn Jahre her, dass George W. Bush das Weiße Haus mit einer Zustimmungsrate von 22% verließ - ein Niveau, das selbst Nixon nur mit Mühe erreichen konnte. Heute befindet er sich bei 59%. Als Nixon 1974 die Reißleine zog und zurücktrat, lag seine Zustimmungsrate bei 24% (ja, Nixon hatte ein höheres approval rating als George W. Bush!), während heute in führenden amerikanischen Zeitungen Artikel erscheinen, die Nixon als außenpolitisches Vorbild darstellen und seine Amtszeit reinwaschen. Beide Präsidenten hinterließen eine Trümmerlandschaft, sowohl in ihrer Außenpolitik (Nixon verlängerte den Vietnamkrieg unnötig um mehrere Jahre, und George W. Bush...) als auch in der Zerstörung von Normen und Verletzung von Gesetzen (Nixon spionierte seine Gegner aus, ließ auf Demonstranten schießen und befeuerte die Diskriminierung von Schwarzen, während Bush mit dem Patriot Act den Überwachungsstaat zum Monster ausbaute, Folterungen in Abu Ghraib und den Black Sites sanktionierte und in Guantanamo Menschen ohne Prozess und Rechte festhielt). Was ist da los? Das kollektive Vergessen - und Verzeihen - gegenüber früheren Schandtaten ist ein Dauerfeature im politischen Betrieb, nicht nur in den USA (in Deutschland macht man sich wenig Freunde damit, wenn man neben der Politik der Westbindung und Ludwig Erhards sozialer Marktwirtschaft auf die weniger schönen Elemente von Adenauers Innenpolitik hinweist). Wie jüngst hier im Blog diskutiert, ist das Umgehen mit diesen Brüchen ein kompliziertes Problem, auf das es keine einfache Antwort gibt. Das wusste auch schon Adenauer, und sein "Schlussstrich" mag sowohl essenziell für den Aufbau der BRD gewesen sein als auch ihr gesellschaftliches Klima nachhaltig vergiftet haben. Ähnlich sieht es auch in den USA aus. Doch wo in Deutschland mittlerweile vergleichsweise ordentlich aufgearbeitet wurde, welche Altnazis in der CDU Karriere machten und was Papa (und mittlerweile Opa und Uropa) damals wirklich gemacht haben, steht diese Art der Aufarbeitung in den USA weitgehend noch aus, sowohl für die "großen Themen" der Sklaverei und annähernden Ausrottung der Ureinwohner (letzteres habe ich sehr kontrovers schon von Jahren im Geschichtsblog diskutiert) als auch für die Schandtaten der jüngeren Kandidaten und Präsidenten, um die es an dieser Stelle gehen soll. Denn dieses Weißwaschen hat Methode, und wie so oft in der amerikanischen Politik ist es ein Phänomen vor allem auf der Rechten. Während sich Lyndon B. Johnsons Ruf noch immer nicht vom Vietnamkrieg erholt hat und wohl auch nicht wird und die US-Linke gerade erneut die Lewinsky-Affäre (und andere Affären Clintons), seine Interventionen auf dem Balkan und in Afrika und unrühmliche Vorreiterrolle bei der Deregulierung des Bankensektors zurück aufs Tablett holt, werden auf der anderen Seite die Iran-Kontra-Affäre, der ganze War on Terror und Watergate effektiv für bedeutungslos erklärt. Dahinter steckt auf der einen Seite eine organisierte Kampagne. Dies ist besonders evident bei Ronald Reagan, der - heute kaum zu glauben - das Amt mit sehr mittelmäßigen Beliebtheitswerten verließ (und dessen designierter Nachfolger George H. W. Bush auch dank der massiven Fehler seines Gegners Michael Dukakis eine dritte Amtszeit erwarb) und in der ersten Hälfte fast vergessen war, ehe konservative PACs (vor allem auf Betreiben des Steuersenkungsfanatikers Grover Norquist) moderate Millionenbeträge darin investierten, Reagan von der historischen Figur zur Marke zu verändern. Der Erfolg dieser Maßnahmen ist evident; Reagan hat religiösen Status in der GOP, und niemand kommt ohne die Möglichkeit aus, sich als sein Nachfolger zu präsentieren. Kritik an seiner Amtszeit ist praktisch unmöglich (während Bushs Amtszeit praktisch vergessen ist, weil er es wagte, die Handlungsfähigkeit des Staates durch verantwortliche Steuerpolitik zu sichern). Re[...]



Das Geschäft mit Sanifair - Kapitalismus im Endstadium?

2018-03-31T15:21:08.752+02:00

In seinem Video "Das Geschäft mit den Sanifair-Gutscheinen" kritisiert Rayk Anders die Privatisierung der deutschen Tankraststätten 1998, weil diese dazu geführt haben, dass die Toilettengänge 50 bis 70 Cent kosten, die dann auf einem Gutschein in einem der teilnehmenden Geschäfte beim Einkauf eingelöst werden können. Anders beklagt, dass ein öffentliches Gut wie eine Toilette so von ruchlosen Investoren vermarktet wird und ein körperliches Grundbedürfnis Geld kostet, und dass die Toilettengutscheine einen Anreiz bieten, etwas Überteuertes an den Raststätten zu kaufen, das man eigentlich gar nicht braucht. Inzwischen ist Sanifair auch in Einkaufszentren eingeführt, wo nur wenige der Geschäfte Kooperationspartner sind. Für Rayk Anders ist damit klar: Sanifair ist ein Sinnbild des Privatisierungswahnsinns, ein klares Beispiel für den Irrweg, den diese Form geht. src="https://www.youtube.com/embed/8wtaNLZ8QaE" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"> Ich bin da anderer Meinung. Für mich ist Sanifair eher ein Beispiel dafür, was mit einer Investitonsstrategie an sinnvollen Ergebnissen erzielt werden kann. Bevor Sanifair seine Bezahlschranken (im wörtlichen Sinne) und Gutscheine einführte, waren öffentliche Toiletten an Rastplätzen Dreckslöcher, in denen man wirklich nur im äußersten Notfall sein Geschäft verrichten wollte. Die Dinger, die man manchmal an Autobahnparkplätzen noch findet, sind Mahnmale dieser Zeit. Wenn Sanifair eine Toilette übernimmt, habe ich eine Garantie dass sie ordentlich gereinigt und hygienisch ist und ohne schlechtes Gewissen induzierende Klomenschen mit einem Teller Kleingeld auskommt. Kurzum: eine Sanifair-Toilette garantiert mir, dass ich mich auf das Kerngeschäft beschränken kann, ohne Angst vor Ekelanfällen oder den peinlichen fest an die nächste Wand gerichteten Blick, um ja nicht auf den Teller zu schauen. Kommt es zu den Gutscheinen, von denen Anders in breiter Entrüstung erklärt, dass die Kunden damit angeleitet werden, in den Raststätten teure Waren zu kaufen, kann man kaum anders als zu sagen: No shit, Sherlock! In der Welt gibt es nichts umsonst. Vor der Privatisierung der Raststätten 1998 zahlte ich die Toilettenreinigung mit meinen Steuern, jetzt zahlen sie effektiv die Kunden und die teilnehmenden Betriebe. Ich finde das Prinzip super fair. Die jeweiligen Läden wollen die Infrastruktur zur Verfügung stellen, also bezahlen sie sie effektiv anteilig (je nachdem wo viel eingekauft wird werden auch viele Sanifair-Gutscheine eingelöst), und wer nichts kaufen will, bezahlt den Toilettengang selbst. Klar sind die Sachen in Raststätten teurer, sonst würden die ja kein Geschäft machen. Angebot und Nachfrage, und so. Dass die Hälfte (oder sogar mehr) der Sanifair-Gutscheine nicht eingelöst werden, ist für mich daher kein Skandal, sondern eher ein Zeichen für gutes Verständnis der Kunden. Sie lassen sich eben nicht ködern irgendwelchen teuren Scheiß zu kaufen den sie nicht brauchen, sondern zahlen halt 70 Cent für die Toilette und gut. Und das ist in Ordnung. Ich sehe nicht, wo ich ein Grundrecht auf saubere öffentliche Toiletten ohne jede Gegenleistung haben sollte. Entweder das macht der Staat (und angesichts der dreckigen Toiletten an Autobahnen sehe ich den Performance-Mehrgewinn keinesfalls) oder irgendein Unternehmen. Ersteren finanziere ich über Steuern, und letztere machen das für den Gewinn. So oder so muss ich für eine saubere Toilette zahlen. Das von Anders angesprochene Problem, dass in den Einkaufscentern nur wenige Geschäfte Sanifair-Gutscheine einlösen, ist eines, das der Betreiber lösen muss. Das System funktioniert nur richtig, wenn ich in jedem Geschäft den Gutschein einlösen kann. Mir ist nicht ganz klar, warum die Geschäfte, die in diesen Zentren teilnehmen, den Trittbrettfahrern ihr Vorgehen [...]



Die rechte Entrüstungs- und Aufmerksamkeitsmaschinerie

2018-03-30T14:47:21.113+02:00

Jens Spahn, Alice Weidel, Horst Seehofer und Uwe Tellkamp sind keine Trottel. Man muss das voranstellen, weil so manche ihrer Aussagen nicht unbedingt dazu beitragen, ein derart gefasstes Vorurteil zu entkräften. Stattdessen sind die Politperformer, die in der neuen rechten Entrüstungs- und Aufmerksamkeitsökonomie ihre Nische entdeckt zu haben glauben und ihre politische Zukunft darauf bauen. Es ist ein zukunftsträchtiges Modell. Von Berlusconi zu Trump, Le Pen zu Farage, Orban zu Kaczinsky, überall wird das neue Modell gemolken bis es quietscht. Und es funktioniert, zumindest insofern, als dass die entsprechenden Personen in den Schlagzeile landen und der politische Diskurs nachhaltig vergiftet wird. Das Modell der Entrüstungsmaschinerie ist immer dasselbe.Schritt 1: Gebetsmühlenartig beschweren sich die Rechten, dass es in Deutschland keine Debatte mehr gibt. Sie weinen Krokodilstränen über das Meinungskartell, dass nur noch eine richtige Überzeugung zulässt, und befinden, dass ihre jeweilige Position in den Leitmedien nicht vorkommt. Ich weiß das, weil die Leitmedien ständig über diese Klagen berichten und sie in Pro- und Contra-Artikeln diskutieren.Schritt 2: Man macht ein möglichst absurd überzeichnetes, provozierendes Statement. "Der Islam gehört nicht zu Deutschland" (Seehofer), "Die Demonstranten in Cottbus wehren sich nur gegen messerstechende Migranten" (Weidel), das Gerede von der "Gesinnungsdiktatur" (Tellkamp) oder "Hartz-IV bedeutet nicht Armut" (Spahn) sind alle nicht dazu angetan, eine Diskussion auszulösen. Sie sind dazu da, Widerspruch auszulösen. Einen anderen Zweck haben sie nicht. Es ist Trolling. Schritt 3: Der so provozierte Widerspruch wird als Beweis dafür genommen, dass es keine Meinungsfreiheit gebe. Während das jeweilige Zitat rauf und runter debattiert wird, der Provokateur zu Talkshows eingeladen wird und die Seiten des Feuilletons Pro- und Contradiskussionen gewidment werden ("Gehört der Islam zu Deutschland?", "Herrscht in Deutschland Gesinnungsdiktatur?"), inszeniert man sich als Opfer einer furchtbaren Hetze. Ominös stellt sich die Frage: darf man das in Deutschland überhaupt noch sagen? Die Debatte, die sie sich angeblich so sehnlich gewünscht haben, ist in vollem Gange. Schritt 4: Die Rechten beschweren sich darüber, dass sie kritisiert werden. Wo kommen wir da hin in Deutschland, wenn man "nicht einmal mehr sagen kann", dass der Islam nicht zu Deutschland gehört, und das mit dem allseits bekannten Bild des Islam, der Burka, garniert? Schließlich wird ja auch jede Debatte über das Christentum und Religionsunterricht an Schulen mit einem Kreuzritter illustriert, das ist bekannt. [caption id="" align="alignleft" width="265"] Ja, das ist ein offizielles Bild der CSU.[/caption] Schritt 5: Siehe Schritt 1. Rinse, repeat. Der Treppenwitz an der Geschichte ist, dass die Rechten damit genau das machen, was sie den Linken immer vorwerfen. Sie betreiben identity politics und pflegen ihre political correctness mit Denkverboten. Die nutzlos provozierenden Statements dienen ausschließlich dazu, irgendwelche Minderheitenthemen zu pushen und eine Abwehrreaktion gegen den gemeinsamen Feind hervorzufen. Man denke nur an die aberwitzige "Debatte" vergangenen Winter, als die große Bedrohung des christlichen Abendlands in der Frage bestand, ob der Weihnachtsmarkt weiter Weihnachtsmarkt heißen dürfe. Er erhobene moralische Zeigefinger der rechten Identity-Politics-Kreuzritter reichte in jedes Wohnzimmer. Und damit nicht genug. Jeglicher Widerspruch ist natürlich nicht die angeblich so erwünschte Debatte, sondern wird sofort niedergebügelt und als "Gesinnungsdiktatur" oder "Meinungsdiktat" oder was auch immer verunglimpft und als angebliches Denkverbot und Tabu denunziert. Denn den Rechten geht es nicht um den Diskurs; ihnen geht es um die radikale Durchse[...]



Geschichte lernen

2018-03-23T08:00:38.583+01:00

Letzte Woche hat Bob Blume eine gute Frage auf Twitter gestellt, die mich seither umgetrieben hat: Liebe Geschichtslehrer: YouTube-Kommentar wünscht sich, "wie man auf Geschichte lernen kann." Habe Antwort, würde mich aber auf Ergänzungen freuen. Ideen? @pallaske @eisenmed Gerne RT— ⓑ² (@blume_bob) 12. März 2018Tatsächlich ist das keine irrelevante Frage. Gerade in der interessierten Öffentlichkeit steht ja immer noch die Vorstellung im Mittelpunkt, Geschichte lernen bestünde aus Fakten und Jahreszahlen. Die Bedeutung des Fachs ist wenig bestritten, gilt eine Grundkenntnis der Geschichte doch als Voraussetzung für das Dasein als mündiger Bürger. Jede Änderung der Bildungspläne für das Fach wird daher deutlich heißer diskutiert als, sagen wir, die für Biologie. So beklagte die FAZ etwa 2016, die jüngsten Bildungsplanreformen seien "das Werk von Technokraten" die "Geschichte zur Betroffenheitspädagogik" machten; 2015 bezweifelte der Chef des deutschen Philologenverbands, dass "der Geschichtsunterricht noch in der Lage ist, die historische Dimension dieser heutigen Zeit zu vermitteln.“ Die Schüler seien immer weniger in der Lag, "Zusammenhänge zwischen früher und heute herzustellen und Lehren aus der Geschichte zu ziehen". Kritik wie diese findet man zuhauf; Längsschnitte (die Themenkomplexe ungeachtet der Chronologie untersuchen) und Alltagsgeschichte spielen eine größere Rolle in den Bildungsplänen. Angesichts dieser Konzentration auf Kompetenzen und Themenblöcke (hier genauer erklärt) statt Politikgeschichte und Chronologie steht für Schüler oftmals die Frage: wie genau lerne ich eigentlich auf dieses Fach? Tatsächlich ist es keine ganz so einfache Frage. Vor 50 Jahren wäre die Antwort noch klar gewesen: lern die Biographie der Großen Männer, die Jahreszahlen und die Ereignisse auswendig. Wann war die Schlacht von Issos? 333. Wer gewann bei Borrodino? Napoleon. Was geschah 800 nach Christus? Karl der Große wird Kaiser. Damit hat man zwar bessere Chancen bei Trivial Pursuit, aber ein echtes Verständnis von Geschichte ist das auch nicht. Deswegen geriet diese Art, Geschichte zu betreiben, ab den 1970er Jahren auch in Verruf. Man führte Quellenanalyse und Quellenkritik in den Unterricht ein, begann soziohistorische Fragestellungen einzubringen und die Dominanz von Politik- und Kriegsgeschichte aufzubrechen, und jüngst kamen nun historische Kompetenzorientierungen hinzu, etwa die Fähigkeit, Sachverhalte eigenständig zu erklären oder gar zu erörtern und zu bewerten. Das verlangt von den Schülern einiges ab, besonders wenn sie das Fach nur zweistündig oder gar im Fächerverbund haben. Daher hier eine kurze Übersicht.Das erste was Schüler verstehen sollten, wenn sie sich auf Geschichtsklausuren oder andere Leistungsfeststellungen vorbereiten, sind die Anforderungsniveaus. In anderen Bundesländern mögen sie anders heißen, aber das Grundprinzip sollte überall dasselbe sein. Wir unterteilen in grob drei Anforderungsgebiete.Niveau I: Hier geht es um reine Reproduktion. Aufgabenstellungen ("Operatoren") umfassen "Nenne", "Arbeite heraus", "Ordne ein". Beispiele wären "Nenne drei Politiker Es handelt sich letztlich um klassisches Auswendiglernen. Die Idee ist, dass das erfolgreiche Bewältigen aller Aufgabenstellungen auf Niveau I für eine ausreichende Leistung (Note 4) genügt. Das heißt, wenn ich alles auswendig gelernt habe und das in der Arbeit hinschreibe, dann habe ich eine vier. Das dürfte für viele erst einmal ein Eimer kaltes Wasser sein. Was um Gottes Willen muss ich denn mehr tun, als massenhaft Stoff auswendig zu lernen?!Niveau II: Der größte Teil einer Arbeit findet sich auf diesem Niveau. Es ist geprägt von Operatoren wie "Analysiere", "Erkläre", "Erläutere", "Charakterisiere", "Vergleiche". Dieses Niveau setzt vo[...]



Von Hunden und Pfeifen

2018-03-30T14:45:54.409+02:00

Es gibt manche Begriffe im Englischen, für die es einfach keinen eingebürgerten deutschen Begriff gibt. "Dogwhistling" ist so einer. Zwar kennen wir auch die Hundepfeife, aber im politischen Diskurs hat sie, außer vielleicht in Diskussionen über Hundesteuer-Verrechnungen, bisher keinen Eingang gefunden. Der Begriff bezeichnet das Verstecken rassistischer Rhetorik unter scheinbar unverbundener, eher abstrakter Rhetorik. Lee Atwater, einer der Strategen hinter der Strategie der Republicans, die Wähler der Südstaaten zu gewinnen, erklärte das Prinzip 1981 so: You start out in 1954 by saying, “Nigger, nigger, nigger.” By 1968 you can’t say “nigger” — that hurts you. Backfires. So you say stuff like forced busing, states’ rights and all that stuff. You’re getting so abstract now [that] you’re talking about cutting taxes, and all these things you’re talking about are totally economic things and a byproduct of them is [that] blacks get hurt worse than whites. And subconsciously maybe that is part of it. I’m not saying that. But I’m saying that if it is getting that abstract, and that coded, that we are doing away with the racial problem one way or the other. You follow me — because obviously sitting around saying, “We want to cut this,” is much more abstract than even the busing thing, and a hell of a lot more abstract than “Nigger, nigger.”Besonders Linke sind immer wieder erstaunt, dass diese Strategie so gut funktioniert. Gerne schiebt man das dann auf die mangelnde politische Bildung abgehängter Bevölkerungsgruppen, die dann "gegen ihre Interessen" wählen, was ja ein Dauerschlager in diesen Kreisen ist. Aber die Effizienz dieser Strategie fußt weniger auf dem Unverständnis der unteren Schichten als vielmehr in der willful ignorance der Eliten. Ich habe das Phänomen bereits in meinem Artikel zur Polarisierung durch die klassischen Medien anzusprechen versucht, aber nicht den richtigen Ansatz gefunden. Vor ein paar Tagen stolperte ich dann über ein Zitat von einer Rede Victor Orbans (oder, präziser gesagt, über seine englische Übersetzung, ich kann kein Ungarisch): We are fighting an enemy that is different from us. Not open, but hiding; not straightforward but crafty; not honest but base; does not believe in working but speculates with money; does not have its own homeland but feels it owns the whole world.In rechten Kreisen scheint man sich mittlerweile ziemlich sicher zu sein, dass antisemitische Hetze kurz vor Stürmer-Niveau kein Ausschlussgrund aus der Fraktion der Christkonservativen im Europaparlament mehr darstellt. Orban nutzt hier schon ein veritables Hunde-Megafon, keine Hundepfeife mehr. So schien es mir zumindest. Ich habe das Zitat dann auch in meine Abiklasse mitgebracht. Wir haben schon öfter im Unterricht über Ungarn geredet, und letztes Jahr waren Judenverfolgung und Holocaust dran. Für mich war das ein netter Aufhänger um über modernen Antisemitismus zu sprechen. Meine ironische Frage aber, was die Schüler denn glaubten, von dem die Rede sei, brachte nicht das erwartete Ergebnis. Der erste Verdacht waren Flüchtlinge, weil sich gegen die ja gerade Rassismus jeglicher Spielart richtet. Der zweite Verdacht waren dann Sinti und Roma, weil wir über deren Verfolgung im Unterricht sprachen. Als ich es aufklärte waren die Schüler völlig ungläubig: es wollte nicht in ihre Köpfe, dass jemand im Jahr 2018 so etwas sagen würde, und sie versicherten sich mehrfach, dass ich das Zitat nicht erfunden hatte.Heute stolperte ich dann über eine Rede, in der Trump über die mehrheitlich Weiße betreffende Opioid-Krise sprach und sie auf "immigrants and inner cities" schob. Auch das ist ein wenig subtiles dogwhistling; "immigrants" sind ohnehin ein Standardobjekt seiner Rede, aber "inner citi[...]



Was macht eine Demokratie mit ihren Kriegsverbrechern?

2018-03-14T12:30:10.600+01:00

Im Wahlkampf 2008 schwelte eine Frage beständig im Hintergrund, die heute bereits wie ferne Geschichte anmutet: was soll geschehen mit denjenigen Leuten aus der Bush-Administration, die sich Menschenrechtsverstößen und Kriegsverbrechen schuldig gemacht hatten? Es gab schließlich eine ganze Reihe hochrangiger Offizieller, die von den Folterungen in Abu Ghraib und Guantanamo Bay, von den Bombenangriffen in Irak und Afghanistan, von den Fälschungen der Beweise für die Existenz von Massenvernichtungswaffen und der völkerrechtswidrigen Führung von Angriffskriegen nicht nur gewusst, sondern diese befohlen und und gefördert hatten. Der Irakkrieg war ein dominierendes Thema der politischen Agenda und sicherlich der entscheidende Faktor, der dem aufstrebenden Jungstar Barrack Obama zum Sieg über die eigentlich gesetzt scheinende Hillary Clinton verhalf: deren Stimme für den Krieg anno 2002 stellte sich als eine unüberwindbare Hypothek gegenüber seiner wohldokumentierten Ablehnung desselben heraus. Wie man nach Bush damit umgehen sollte - und auch mit Bush selbst - war damals unklar, deutlich unklarer jedenfalls als es aus der Rückschau wirkt. Unter Trump bricht diese nie verheilte Wunde nun erneut auf. Ungeachtet Trumps markiger Statements im Vorwahlkampf 2015/2016, die nur völlige Naivlinge für bare Münze nehmen konnten (Hallo, Jakob Augstein), zeigt die bisherige Auswahl von Trumps außenpolitischem Personal eine beeindruckende Kontinuität zu den Neocons von Bushs alter Riege auf. Von John Bolton, dessen einzige Antwort auf außenpolitische Problemfelder das Führen von Krieg ist, hin zu der Batterie von Generälen, die im Kabinett vertreten sind zu der designierten CIA-Vizechefin Gina Haspel, an der sich die aktuelle Debatte entzündete greift Trump auf ein Personaltableau zurück, das 2008 eigentlich von der politischen Bühne verschwunden schien. Besonders Gina Haspel als neue CIA-Vizechefin zeigt diesen Bruch deutlich auf. Haspel organisierte und überwachte 2002 persönlich die Folterung zweier Gefangener in einem geheimen Gefängnis und orderte später die Vernichtung des inkriminierenden Video-Beweismaterials. Haspel ist darin nicht allein. Ihr direkter Vorgesetzter, Mike Pompeo, den Trump als neuen CIA-Chef einsetzte (dessen Vorgänger soll nun nach dem Abgang des singulär unqualifizierten Rex Tillerson das Außenministerium übernehmen), erklärte emphatisch, dass waterboarding keine Folter sei und dass diejenigen Agenten, die es unter Bush angewendet hatten (Obama verbot die Praxis an seinem ersten Tag im Amt) wahre Patrioten seien. Trump selbst hatte im Wahlkampf vehement gefordert, die Foltermethoden wieder einzuführen, und wählte seinen Sicherheitsberater hauptsächlich deswegen aus, weil er davon ausging, dass dessen Spitznahme "Mad Dog" auf besonders rücksichtslose Praktiken zurückging (er täuschte sich hier, aber seine Weigerung seine Hausaufgaben zu machen lädt zu solchen Fehlern natürlich ein). Diese Verschiebung der Wahrnehmung unter Trump, die die skandalumrankten dunkelsten Kapitel aus Bushs Präsidentschaft im Nachhinein sanktioniert und sie zur offiziellen Regierungspolitik macht, ist beachtlich. Man kann durchaus annehmen, dass ein potenzieller Präsident Romney 2012 anders verfahren wäre, und dass ein Präsident Bush 2016 von einer derart offensichtlich bösartigen Maßnahme abgesehen hätte. Aber unter Trump, der Skandale und Normenbrüche im Dutzend billiger produziert, registriert ein offenes Bekenntnis zu Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen nicht einmal mehr. Business as usual. Und die gleichen Leute, die jeden Drohnenschlag unter Obama als Beweis für die sinistre Natur der Nation sahen, sind nun merkwürdig still. Ich erwähnte eingangs, dass eigentlich zu erwart[...]



Die klassischen Medien, nicht die Sozialen Medien, sind das Problem bei der Polarisierung

2018-03-11T10:23:29.990+01:00

Wenn es ein Narrativ gibt, das in allen Zeitungen von links bis rechts, liberal bis konservativ, hoch und runter gebetet wird, dann dass soziale Medien wie Twitter und Facebook die Wähler polarisieren und über Fake News aktive Desinformation betreiben. Besonders in der Debatte über die Faktoren, die zur Wahl Donald Trumps geführt haben, dürfen die Filterblase, Facebook und Twitter nicht fehlen, und in geringerem Maß werden sie auch gerne zur Begründung für Jeremy Corbyn und die AfD herangezogen. Das Problem dabei ist nicht, dass nichts Wahres daran wäre. Das Problem ist, dass über diese Diskussion die Hauptschuldigen völlig beiseite gelassen werden. Zuerst zu dem Teil, der wahr ist am beliebten "die sozialen Medien sind ganz, ganz schrecklich"-Narrativ. Soziale Medien geben allerlei Arten von unangenehmen Personen ein Forum, das sie anderweitig nicht hätten. Fake News verbreiten sich potenziell blitzartig in einem riesigen Leserkreis. Abgeschottete Filterblasen ermöglichen es, sich von anderen Meinungen komplett zu isolieren. All das ist unzweifelhaft richtig. Besonders im Zusammenhang mit Interferenzen von außen - Stichwort russische Einflussnahme auf Wahlkämpfe - sind die sozialen Medien ein fruchtbares Feld. Einige Elemente der aktuell brennenden Krankheit in der politischen Kultur jedoch haben ihren Ursprung nicht in den sozialen Medien, sondern in den klassischen Medien - Print und TV. Hier nämlich wurde viel vom aktuellen Radikalismus, Rassismus und Anti-Intellektualismus salonfähig, lange bevor russische Trollfarmen begannen, die Schlammecken der Sozialen Netzwerke zu kultivieren. Ein wichtiges Element ist hier die Konsensausrichtung. In Retrospektive ist der Wandel in der Darstellungsweise der traditionellen Medien beachtlich. Von einer Verachtung der Unterschicht und einer Vergötterung der Eliten während der Agenda-Ära, in der alles gut war was vom Pöbel abgelehnt wurde und immer noch drastischere, noch einschneidendere Reformen gefordert wurden und in denen es als Güteausweis galt, wenn die Wähler etwas verabscheuten, sind wir heute dabei angelangt, dass jeder Widerspruch gegen Ressentiments, und seien sie noch so aus den Urtiefen der Volksseele hervorgerrülpst, als elistische Verachtung der heiligen und simplen Volksseele gilt. Das allein ist bemerkenswert. Ich sehe den Scheitelpunkt dieser Entwicklung in der völlig außer Rand und Band gelangenden Debatte um Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab". Das Buch bot eine großartige Folie. Einerseits konnte man sich von der früheren, mittlerweile irgendwie peinlichen Begeisterung für Sarrazin lossagen. Es war noch ok gewesen, als er nur Arbeitslose beschimpft hatte; nun, da er sich außerhalb des bürgerlichen Kontexts stellte (und doch gleichzeitig mittenhinein), in all seiner Ungelenklichkeit, und Sigmar Gabriel bereits damals seine völlige Unfähigkeit bewies, mit dem sich auftuenden Problemkomplex fertig zu werden, konnte man orakeln, dass Sarrazin zwar schon irgendwie konkret richtige Punkte berührte, aber irgendwie unantastbar war, und den Erfolg des Buchs bei genau den Volksschichten, die sich vorher noch von ihm und dem von ihm verkörperten Teil der SPD abegstoßen hatten, als Beleg herhalten. Von da an war "Islamkritik", wie man die rassistischen Ressentiments von an beschönigend zu nennen pflegte, aus dem Diskurs der Presse nicht mehr wegzudenken. Gerade in den Schmuddelecken des Internets, etwa bei Politically Incorrect, begann sich eine Gruppe zu entwickeln, die das Wort von der "Lügenpresse" zwar noch nicht im Munde führte, aber darauf hinauslief. Der Fokus allerdings lag erst einmal auf den "Pleite-Griechen", wo sich praktisch der gesamte deutsche Blätterwald den Diskurs von der ungeniert [...]



Die irrationale Furcht vor den Gender Studies

2018-03-06T08:27:25.733+01:00

Wolf-Dieter Busch hat hier im Blog einen Gastbeitrag veröffentlicht, in dem er hart mit der interdisziplinären Fachrichtung der Gender Studies ins Gericht ging. Die Angriffe sind bekannt: es handle sich um eine rein ideologische Richtung, die radikalfeministisch versuche, ihre Vorstellungen staatlich gefordert einer unwilligen Bevölkerung aufzuzwingen, ohne dabei Ansprüchen auf Wissenschaftlichkeit zu genügen. Seit ihrem Bestehen werden die Gender Studies hart kritisiert. Dass sie dessen ungeachtet ein mittlerweile ordentlich gewachsener und anerkannter Wissenschaftszweig sind, erklärt sich - natürlich - aus der Political Correctness, die es verhindert, dass, abgesehen von wenigen tapferen, vernünftigen und aufgeklärten Zeitgenossen, die doch so offensichtliche Kritik geübt wird. Der Kaiser ist nackt, aber keiner traut sich, es zu sagen. Vielleicht aber ist es tatsächlich nur eine Minderheit, die mit den Gender Studies so hart ins Gericht geht, eine Minderheit zudem, die die grundsätzlichen Prämissen des Fachs als Angriff begreift, und ein Zerrbild der Disziplin als Projektionsfläche nutzt. Vielleicht. Wenden wir uns zuerst dem Zerrbild zu. In der Vorstellung der Kritiker postulieren die Gender Studies die Idee, dass das Geschlecht ausschließlich sozial konstruiert sei und nichts, aber auch gar nichts, mit der Biologie zu tun habe. Ob eine Person männliche oder weibliche Geschlechtsorgane besitzt, spiele für die Gender Studies demzufolge keine Rolle. Das klingt erst einmal merkwürdig, und das ist es auch. Zwar gibt es in den Gender Studies durchaus einige Aussagen, die in diese Richtung gehen, aber die Mehrheit der Forscher postuliert etwas anderes: dass sich das Geschlecht nicht ausschließlich biologisch, sondern eben auch sozial konstruiere. Die Frage, welchen Anteil beide Faktoren jeweils haben, ist dabei umstritten und Gegenstand vieler Forschungen - wie es in einem wissenschaftlichen Prozess wohl auch sein sollte. Die mangelnde Wissenschaftlichkeit wird daher gerne auch von denen unterstellt, die ohnehin bereits wissen, dass die Gender Studies Unsinn sind, weil deren Ergebnisse ihren eigenen Wunschvorstellungen, die wie die Welt zu funktionieren habe, nicht genügen. Diese Vorwürfe wären ernster zu nehmen, wenn sie nicht grundsätzlich bei jedem neuen Forschungsansatz auftauchen würden. Die Evolutionsbiologie etwa, die einige der profiliertesten Kritiker stellt, war lange Zeit selbst in höchstem Maße umstritten (und ist es etwa in den USA heute noch, wo den Evolutionsbiologen von Radikalen ebenfalls eine sinistre Agenda zur Unterwanderung der Gesellschaft unterstellt wird). Auch im gesellschaftswissenschaftlichen Bereich finden sich diese Verwerfungen: die Soziologie als Wissenschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts durfte sich dieselben Vorwürfe anhören, und als etwa Mitte des 20. Jahrhunderts die Historiker entdeckten, dass man durchaus auch Gesellschafts- und Wirtschaftsgeschichte schreiben könnte, wurden sie von altgedient-konservativen Kollegen, Sie raten es, der Unwissenschaftlichkeit bezichtigt. Dass die Gender Studies, die mittlerweile über 20 Jahre alt sind, immer noch so heftig angefeindet werden, liegt sicherlich an ihrer starken Verzahnung mit dem Feminismus und dessen eigener Umkämpftheit in der Gesellschaft, die sich durch eine generelle Krise der Männlichkeit auszeichnet. Wem das eine nicht behagt, der mag auch das andere nicht. Aber dasselbe gilt für Kreationisten und die Evolutionsbiologie. Die Kritik kommt daher vor allem aus zwei Quellen: einmal von denen, die mit dem ganzen Feminismus-Projekt ohnehin über Kreuz liegen, und einmal von einigen Naturwissenschaftlern. Letztere sind natürlich Kronzeugen. Wer kann höhere A[...]



Rassismus ist wie Brokkoli

2018-03-02T10:41:31.312+01:00

Im Zusammenhang mit der Debatte um die Essener Tafeln stieß ich auf einen FAZ-Artikel, in dem im Tenor heiliger Empörung die Idee für abwegig erklärt wurde, die Entscheidung, nur noch Deutschen Zugang zu den Tafeln zu verschaffen, könne rassistisch motiviert sein. Die Begründung aus dem Artikel ist interessant, weil man ihr permanent über den Weg läuft:Jörg Sartor ist 61, er war dreißig Jahre lang Bergmann, seit er mit 49 in Ruhestand ging, arbeitet er ehrenamtlich für die Essener Tafel. Einen Ausländerfeind wird man so leicht nicht jemanden nennen können, der sieben Mal in der Woche dafür sorgt, dass Alte, Migranten, Kinder, Obdachlose und eben überhaupt Bedürftige etwas von dem zu essen bekommen, was andernfalls weggeworfen würde oder unverteilt bliebe. [...] Weshalb wird einem Menschen, der in gemeinnütziger Arbeit jahrelang bewiesen hat, kein sozialer Dummkopf und nicht herzlos zu sein, ohne weitere Prüfung unterstellt, er handele unsachgemäß und „nicht gut“ (Merkel)?Ich möchte an dieser Stelle überhaupt nicht in die Debatte einsteigen, ob Sartor nun ein Rassist ist oder nicht oder ob die Entscheidung für die Tafeln richtig oder falsch, angemessen oder nicht angemessen, zulässig oder nicht zulässig ist. Diese Diskussion hat mein Kollege Stefan Pietsch bereits angestoßen, und sie kann im dortigen Artikel in den Kommentaren geführt werden. Mir geht es um etwas anderes, für das die Zeilen aus der FAZ nur ein Symptom sind: ein zutiefst falsches Verständnis von Rassismus, das sich links wie rechts findet. Dem zugrunde liegt die Annahme, dass "Rassist" ein binärer Zustand ist. Entweder man ist Rassist, oder man ist keiner. Aber das ist falsch. Rassismus ist nicht binär. Rassismus ist wie Brokkoli.Brokkoli kann, gekocht oder gebraten, mit vielerlei Gerichten kombiniert werden. Er ist ökologisch nachhaltig, enthält wertvolle Vitamine, hat nur wenig Kalorien und ist wenn nicht wohlschmeckend, so wenigstens geschmacksneutral und sättigend. Alles gute Gründe, um Brokkoli beim Kochen zu verwenden. Es kann allerdings beim Essen vorkommen, dass ein Stück Brokkoli zwischen den Zähnen hängen bleibt, ohne dass man es bemerkt. Bei jedem Lächeln sieht das Gegenüber dann den Brokkoli aufblitzen. Das ist unschön.Höfliche Zeitgenossen werden den unglücklichen Esser daher in einem unbeachteten Moment unauffällig darauf aufmerksam machen, dass sie ein Stück Brokkoli zwischen den Zähnen haben, auf dass das Gegenüber es schnell entfernen kann. Es ist ein kurzes, peinliches Gefühl - man hat gegen gesellschaftliche Konventionen verstoßen, wahrscheinlich ohne es gewollt zu haben, aber nun hat man es beseitigt. Keine der beiden Seiten wird sich nach dem Vorfall noch lange daran erinnern, und niemand wird annehmen, der unglückliche Brokkoliesser sei in irgendeiner Art und Weise ein verkommener Mensch. Wir sortieren Menschen nicht binär als Brokkolisten ein, weil ihnen einmal ein Stück hängen blieb. Es wäre albern zu befürchten, dass der Hinweisgeber vermute, man stecke absichtlich Brokkoli zwischen die Zähne um seinem Gegenüber unangenehm zu sein, und vehement darauf hinzuweisen, dass man kein Brokkoli zwischen den Zähnen habe, denn das sei unmöglich, schließlich habe man immer Wert auf Reinlichkeit gelegt und das auch den eigenen Kindern so vermittelt. Ein ganzes Leben dreimal täglich Zähne geputzt, und dann so was! Der aufmerksame Leser wird begriffen haben, wohin diese Analogie führen soll. Rassismus ist wie Brokkoli. Wenn ich in der Bahn sitze und hoffe, dass eben zugestiegene dunkelhäutige Mann sich nicht neben mich setzt, macht mich das nicht zum Rassisten. Ich habe nur ein Stück Rassismus zwische[...]



Unbewältigte Vergangenheit in Polen

2018-02-23T09:05:42.816+01:00

Polen erlebt seit den letzten Wochen eine ungeheur aufgeladene Debatte über seine Rolle im Holocaust. Hintergrund ist ein Gesetz, das von der rechtsradikalen Regierung verabschiedet wurde und unter Strafe stellt, die nationalsozialistischen Vernichtungslager "polnische Lager" zu nennen. Ist hier nur die Sensibilität der Polen (nicht zu Unrecht) berührt, wird das Gesetz problematisch, wo es darüber hinausgeht. Unter Strafe gestellt wird nämlich auch zu erklären, dass Polen am Holocaust beteiligt waren - und das ist nachweislich der Fall. Nicht als Massenphänomen, selbstverständlich, aber es kam vor. Und wie in ganz Osteuropa gab (und gibt) es auch in Polen einen virulenten Antisemitismus. Und über alledem darf man nicht vergessen, dass die Polen selbst ein Hauptopfer der Nationalsozialisten waren. Das Thema insgesamt ist also hoch komplex und auf vielerlei Ebenen problematisch.Zuerst die historischen Fakten. Vom ersten Tag des nationalsozialistischen Aggressionskriegs gegen die Polen verübten die Wehrmacht und die ihr nachfolgende SS Massaker an der polnischen Zivilbevölkerung. Bevorzugt wandte sie sich hier gegen die Juden, vollzog aber bereits den Plan, die polnische Elite - Politiker, Lehrer, andere Intellektuelle, Wirtschaftler, etc. - zu ermorden, um sich ein Helotenvolk als billige Arbeitskräfte herzustellen. Nach der polnischen Kapitulation wurde Polen dreigeteilt: ein Teil wurde direkt ins Deutsche Reiche annektiert und die polnische Bevölkerung von dort vertrieben, ein Teil als "Generalgouvernment" in einen besetzten polnischen Rumpfstaat verwandelt und ein letzter Teil ("Warthegau") in eine rechtlose Zone verwandelt, die praktisch ausschließlich von der SS verwaltet wurde, die hier die Keimzelle ihres in den folgenden Kriegsjahren auswuchernden SS-Staats schaffte.Die Ermordnung der polnischen Elite ging planmäßig weiter, trat allerdings gegenüber der Ermordung der polnischen Juden - von denen es immerhin fast drei Millionen gab - etwas in den Hintergrund und wurde deswegen nie komplett abgeschlossen; eine Rolle spielte auch, dass man genau diese Elite paradoxerweise benötigte, um das besetzte Land zu verwalten. Allein aus diesen Notwendigkeiten ergeben sich auch zwangsläufig Schnittstellen in der Kollaboration, wie dies in jedem besetzten Land der Fall war. Die Juden wurden erst in die Ghettos deportiert - abgeschlossene und isolierte Bereiche in polnischen Städten wie Krakau oder Warschau -, wo sie zu tausenden an Hunger und Seuchen starben.Als 1942 die "Endlösung" beschlossen wurde, bauten die Nationalsozialisten die Vernichtungslager - Konzentrationslager gab es seit 1933 überall in deutsch dominiertem Gebiet - in der rechtlosen Zone der Warthegau. Das war ein bewusster Akt; man hielt sie damit nicht nur aus der Jurisdiktion der normalen deutschen Institutionen heraus (die dann später behaupten konnten, von nichts gewusst zu haben), sondern auch aus Polen. Im rechtlichen Konstrukt der Nationalsozialisten standen die Vernichtungslager in einem staatenlosen Raum. Allein deswegen ist die Bezeichnung "polnische Lager" auch falsch und irreführend. Nicht einmal die Nationalsozialisten selbst hätten diese Bezeichnung verwendet.Im Rahmen des Holocausts - vor allem bevor er industriell in der "Endlösung" organisiert wurde - gab es immer wieder Kooperation von Polen (wie in jedem anderen Land auch), die teilweise proaktiv die Sache selbst in die Hand nahmen. Dies war allerdings weder planmäßig noch sonderlich weit verbreitet; für jedes Beispiel von Polen, die Juden ermordeten, gab es auch Beispiele von Polen, die Juden versteckten und schützten (auch hier wie in jedem anderen Land).Damit[...]



Demokratische Kaffeesatzleserei

2018-02-11T13:52:57.732+01:00

Ein interessanter Kommentar von Ko-Autor Stefan Pietsch zu meinem Artikel bezüglich der Großen Koalition hat mich zum Nachdenken gebracht, und weil wir hier ja schon auch Nachdenkseiten sind, habe ich das Ergebnis davon in diesen Blogpost gegossen. Was, kein Applaus für billige Wortwitze? Ok. Ab in medias res. Rein aus SPD-Sicht ist das jetzige Verhandlungsergebnis wahnwitzig gut, wenn man nochmal kurz auf das Wahlergebnis guckt. Das ist der Punkt. Und der Fehler. Ich habe nie verstanden, dass manche Wahlergebnisse so interpretieren. Demokratische Wahlen sollen den Willen des Volkes zum Ausdruck bringen und die Gewählten diesen bestmöglich umsetzen. Das ist mein Verständnis von Demokratie und es ist klassisch. Man kann einiges aus dem Wahlergebnis herauslesen, aber kaum das, was im Koalitionsvertrag steht. Dazu wurde die sozialdemokratische Partei weiter abgestraft, was man nicht zwingend als Auftrag ansehen kann, das eigene Programm 1:1 umzusetzen. Weißt Du, als Bush im Jahr 2000 unter strittigen Umständen und mit weniger Stimmen als sein Opponent Al Gore die US-Präsidentschaftswahlen gewann, war die einhellige Ansicht, er müsse auf die Unterlegenen zugehen und eine ausgleichende Politik machen. Mehrheit ist eben nicht immer einfach Mehrheit. Dieser Koalitionsvertrag sagt, wir haben nichts verstanden und wir machen weiter wie bisher. Wenn Du das, selbst aus SPD-Sicht gut findest, ist das Deine Sache. Aber ich wie die deutliche Mehrheit der Bevölkerung stören sich erheblich an einer solchen Sichtweise.Ich halte das für demokratische Kaffeesatzleserei. Die Vorstellung, es gäbe einen "Wählerwillen", den die Politik erkennen und umsetzen müsse, ist ebenso Unfug wie die Idee, dass es unterschiedliche Mehrheiten gibt, die definieren, wie viel vom eigenen Programm die Partei umsetzen darf. Es ist einer dieser demokratischen Mythen, die ständig kolportiert werden, die aber keinerlei Verankerung in der Realität haben und auch nie hatten. Das fängt schon mit dem Beispiel des Autors an. Bushs gestohlener Wahlsieg von 2000 führte gerade nicht dazu, dass er eine moderate Präsidentschaft geführt hätte, wie er dies im Wahlkampf noch versprochen hatte, als er wusste, dass sich mit radikalen Botschaften keine Wahlen gewinnen ließen ("compassionate conservatism"). Bush begann direkt nach seiner Wahl einen ziemlich unverhohlen rechten Kurs zu fahren, der sich deutlich von dem zentristischen Weg des späteren Clinton unterschied. Dieser reichlich unpopuläre Kurs wurde dann bald von der durch die Anschläge von 9/11 erzeugten Schließung der Reihen hinter dem Präsidenten überdeckt, aber die nicht-existente Mehrheit machte Bush nicht bescheiden; im Gegenteil, sie ließ die Republicans die Macht ausnutzen, solange sie sie halten konnte, wie sie es seit 2016 auch wieder tun. Auch die Democrats nutzten ihre Mehrheiten (die allerdings tatsächlich einer Mehrheit des Wählerwillens entsprangen) von 1992 und 2008 dazu, ihr Programm umzusetzen. Das ist das, was Politiker tun. Und bevor jemand auf die Größe des Sieges verweist: ganz egal wie groß der Sieg in den jeweiligen Wahlen war, die Wähler sind grundsätzlich danach unzufrieden und wählen den jeweiligen Gegner. Immer. Als Lyndon B. Johnson 1964 die Wahlen mit einem der größten Erdrutschsiege der US-Geschichte erreichte, erzählten danach diverse Leute trotzdem, dass er eigentlich kein Mandat für seine wegweisende Civil-Rights-Politik habe und eine moderate, ausgleichende Politik fahren müsse. Das Narrativ ist immer dasselbe, und es kommt zuverlässig mit jeder Wahl aufs Neue wieder. Aber das ist blanke Kaffeesatzleserei, was au[...]



Die kleine Koalition

2018-02-09T14:23:45.796+01:00

Der Koalitionsvertrag ist durch, und das politische Deutschland atmet auf. #KeineExperimente ist das Losungswort der Stunde. Die neue Große Koalition ist eigentlich eine kleine. Sie ist voll gestopft von sinnvollen Kompromissen, ordentlichen Ergebnissen, guten Plänen und ordentlichem Personal. Gleichzeitig springt sie wesentlich zu kurz. Es ist ein Paradoxon der gegenwärtigen deutschen Politik, dass die Große Koalition das Beste ist, worauf wir hoffen können, das Beste, was sich unter den gegebenen Umständen erreichen lässt, und gleichzeitig eine viel zu kleine, viel zu kurzsichtige Koalition, die die großen Probleme einfach nur vier Jahre lang weiterschiebt wie eine Dose, die man die Straße hinuntertritt. Sehen wir uns im Folgenden die Ergebnisse der Koalitionsverhandlungen im Einzelnen an.Als erstes hätten wir die Personaldebatte in der SPD. Schulz tritt als Parteichef ab und wird voraussichtlich durch Andrea Nahles abgelöst. Das ist ein sinnvoller Wechsel. Schulz war mit dem Amt offensichtlich überfordert, und die SPD kann sinnvoll ohnehin nicht noch einmal mit einem männlichen Kanzlerkandidaten ins Rennen gehen. Im Außenministerium wäre Schulz eine hervorragende Besetzung gewesen und hätte das wichtigste Projekt der GroKo - die EU-Reform - maßgeblich mitbestimmen können; seine Niederlage in den internen Machtkämpfen ist zwar folgerichtig, aber bedauerlich. Nahles auf der anderen Seite hat zumindest einiges an Potenzial, besonders im Hinblick auf die traditionellen SPD-Wählerschichten. Sie besitzt zudem die notwendigen Ellenbogen und wenigstens ein Mindestmaß an Vernetzung innerhalb der Partei, was für alle Kanidaten seit 2005 nicht galt.Zum zweiten hätten wir den Zuschnitt der Ministerien. Die SPD hat hier gut verhandelt. Nicht nur sicherten sie sich das traditionell prestigeträchtige Außenministerium, sondern auch das für alle Politik elementare Finanzministerium. Es hat sich endlich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Kontrolle über dieses Ministerium die zweitwichtigste Funktion nach dem Kanzler ist. Da die SPD zudem Arbeit und Soziales sowie dem Familienministerium kontrolliert, sind alle wichtigen Schalthebel progressiver Politik unter ihrer Kontrolle. Der aus meiner Sicht größte Wermutstropfen hier ist die Besetzung des Finanzministeriums mit Olaf Scholz, der wohl als gleichzeitiges Zugeständnis an Seeheimer und Union verstanden werden darf und eine fleischgewordene Garantie dafür ist, dass das Ziel der schwarzen Null erhalten bleibt, was wahrlich keine gute Idee ist.Der CDU bleibt dagegen das ständig überschätzte Wirtschaftsministerium (wenngleich mit Zusatzkompetenzen), während die CSU ein Super-Innenministerium bekommt und damit den Bremser bei der Migration und Law-and-Order-Politiker geben kann. Die jeweiligen Stärken der Parteien werden somit ausgenutzt und ihre offenen Flanken nach links und rechts abgedeckt. Der für die SPD (und CSU) vorteilhafte Zuschnitt spiegelt deren starke Verhandlungsposition gegenüber Merkel wieder, die Neuwahlen unbedingt vermeiden will.Zum dritten haben wir die Grundlage für die Europa-Politik. Die Große Koalition ist sicherlich deutlich europa-freundlicher als es eine Jamaika-Koalition gewesen wäre, und durch die Länder der EU dürfte ein kollektives Aufatmen gehen. Zwar ist mit Scholz und der CDU/CSU nicht damit zu rechnen, dass umfangreiche Reformen etwa im Sinne Macrons stattfinden werden, aber die erzielten Einigungen sind bereits größere Schritte als noch vor den Wahlen für möglich gehalten worden wären. Deutschland ist immer noch wesentlich zu sehr ein Bremser in der[...]



Wer hat nun gewonnen?

2018-01-22T22:49:12.510+01:00

Der Shutdown ist vorbei. Die US-Regierung wird weiter finanziert, zumindest die nächsten drei Wochen. Viel Lärm um nichts also? Wer hat denn nun gewonnen? Nach rund 60 Stunden endete heute der Shutdown, als fast 80 Senatoren für eine Aufhebung des filibuster stimmten. Bis zum 8. Febuar ist die Regierung nun wieder finanziert. Im Gegenzug wurde CHIP, ein Programm zur Gesundheitsversicherung für neun Millionen arme amerikanische Kinder, für die nächsten sechs Jahre finanziert und Mitch McConnell versprach hoch und heilig, eine Abstimmung über DACA zuzulassen (die die Republicans natürlich gewinnen oder schlimmestenfalls durch Trump vetoen können). Das Netz ist voll von widersprüchlichen Einschätzungen. Progressive Aktivisten sind entsetzt über den Verrat ihrer Partei, wie es progressive Aktivisten immer sind, Parteigänger der Democrats und Republicans erklären den jeweiligen Sieg ihrer Partei, und auch die Meinungen der Experten sind gespalten. Ich will kurz beide Narrative erläutern, ehe ich meine eigene Einschätzung darlege. Was für einen Erfolg der Democrats sprichtBeobachter, die von einem leichten Vorteil der Democrats ausgehen (niemand außer direkten Parteigängern erklärt das zu einem gewaltigen Sieg) streichen vor allem heraus, dass die Partei mit CHIP ein Thema vom Tisch nehmen konnte, das die Republicans später als Waffe eingesetzt haben könnten. Sie haben zudem praktisch keinen Grund preisgegeben, weil in drei Wochen erneut über einen Haushalt abgestimmt werden muss - wo die Democrats dasselbe Spiel wiederholen können und einen sauberen Kampf nur um DACA führen können.Was für einen Erfolg der Republicans sprichtBeobachter, die von einem Vorteil für die Republicans ausgehen, sehen vor allem die offensichtliche Niederlage der Democrats bei DACA. Der Deal den sie mit McConnell geschlossen haben enthält keinerlei Zugeständnisse außer dem Versprechen auf eine Abstimmung; ein solches Versprechen hat er aber bereits einmal abgegeben und gebrochen. Generell ist McConnells Wort keinen müden Kreuzer wert. Auf der anderen Seite stehen die Democrats als schwach da, haben ihre Basis verraten und erlauben es den Republicans, sie als Beschützer undokumentierter Einwanderer darzustellen, weil der nächste Shut-Down-Fight nur noch zum Thema DACA sein wird.Meine MeinungIch tue mich schwer damit, das Ganze ordentlich einzuschätzen. Zum einen kenne ich mich zwar gut in der US-Politik aus, aber so gut, dass ich die parlamentarischen Winkelzüge des US-Senats mit seinem arkanen Regelwerk durchschauen könnte auch wieder nicht. Und was wir hier sehen ist klassische politics, wie der Wähler sie hasst: ein Schaulaufen und Positionieren der Parteien, die das Wohl und Wehe der Bürger für winzige Vorteile aufs Spiel setzen. Ich sehe daher die Gesundheit der Demokratie insgesamt als einen kleinen Verlierer des Shutdowns, weil er in das populäre zynische Narrativ läuft, dass "die da oben" eh nur alle lügen und auf den eigenen Vorteil aus sind. Dieser negative Effekt für das System insgesamt ist natürlich bei jeder parteilichen Auseinandersetzung dabei, und seine Delegitimierung durch den Wähler gehört zu den Grundparadoxien der Demokratie. Trotzdem ist es kein gutes Zeichen, dass die Demokratieverächter aller Orten sich wieder einmal bestätigt sehen können.Auf der anderen Seite ist der Shutdown absurderweise ziemlich bedeutungslos, wenn man das Große Ganze(tm) betrachtet, was für jemanden, der gerade 26.000 Zeichen in einem Riesenartikel darüber geschrieben hat, vielleicht eine erstaunliche Erkenntnis ist. Aber[...]



Der Shutdown der US-Regierung 2018, erklärt (Teil 2)

2018-01-20T11:51:17.697+01:00

Im ersten Teil dieses Artikels haben wir die institutionellen Grundbedingungen für den Shutdown untersucht, die in der Strategie der Republicans begründet liegen, demokratische Normen außer Kraft zu setzen und über das Instrument des budget reconciliation process zwei riesige Gesetzesvorhaben umzusetzen: die Abschaffung von Obamacare und eine groß angelegte Steuersenkung für Reiche. Das erste dieser Vorhaben scheiterte im Frühjahr 2017. Die Republicans machten sich danach daran, ihren Steuerraubzug durchzuführen. Auch bei ihrem zweiten Versuch planten die Republicans, den budget reconciliation process zu nutzen und damit ohne jede Stimme der Democrats auszukommen. Diese einseitige Kompromisslosigkeit erforderte erneut den budget reconciliation process - und ein aufkommensneutrales Gesetz. Das allerdings war ein Problem. Da die Republicans die Steuern einseitig senken wollten, war eine aufkommensneutrale Reform - die das Defizit für maximal zehn Jahre steigern darf - praktisch unmöglich. Da die Republicans dieses Problem unter George W. Bush schon einmal auf diese Art umgangen hatten, so dass die Steuersenkungen für Millionäre nach zehn Jahren automatisch ausliefen (und unter Obama auch nicht verlängert wurden), wollte Paul Ryan - Kreuzritter für möglichst niedrige Steuern und möglichst wenig Staatsaktivität - erreichen, dass die Kürzungen dieses Mal permanent sind. Dazu jedoch war es eben nötig, dass man die Billionen an geplanten Senkungen für Reiche und Unternehmen des eigenen Stammes irgendwie zumindest nominal gegenfinanziert - was gigantische Haushaltskürzungen erfordert. Wie bereits beim Obamacare-Repeal zeigte sich, dass die Republicans keinen fertigen Plan in der Schublade hatten. So begannen sie im Sommer 2017 mit der heißen Nadel an einem zu stricken. Die internen Widersprüche in der Partei, die beim Obamacare-Debakel zutage getreten waren, zeigten sich auch dieses Mal. Sie waren allerdings bei weitem nicht so stark, denn dieses Mal ging es um die conditia sine qua non der gesamten republikanischen Existenz seit 1994: Steuersenkungen. Da diese den ideologischen Kernbestand der Partei ausmachten, war kaum zu erwarten, dass die Unternehmung ernsthafte parteiinterne Opposition bekommen würde. Tatsächlich erwies sich der Widerstand einzelner Abgeordneter wie Susan Collins oder Marco Rubio auch schnell als reines Schaulaufen, das nach einem Nachrichtenzyklus ausgestanden war. Die interne Politik der Republicans war daher nicht das größte Hindernis. Das CBO dagegen umso mehr. Um dieses Problem zu umgehen, verfielen die Republicans auf die brillante Idee, der Behörde den jeweiligen Gesetzesentwurf einfach nicht rechtzeitig zur Verfügung zu stellen, um eine Analyse erstellen zu können. Die republikanischen Abgeordneten würden daher über eine wahre Black Box abstimmen: es war völlig unklar, was in dem Gesetzwerk konkret stehen würde. Die CBO wuchs über sich selbst hinaus und veröffentlichte in Rekordzeit Analysen (die tapferen Analysten schoben wohl mehrere Nachtschichten), was die Republicans durch das Ändern der Entwürfe in letzter Sekunde konterten. Der finale Entwurf des Gesetzes bedurfte dann eines finalen Tricks, um formal den gesetzlichen Ansprüchen zu genügen: die Steuersenkungen für die Mittelschicht würden in zehn Jahren auslaufen, während die für Millionäre und von den Republicans gepamperten Unternehmen permanent waren. Zudem hoben die Republicans das Kernstück Obamacares auf: das individual mandate, das Krankenversicherung für jeden verpflichtend mach[...]



Der Shutdown der US-Regierung 2018, erklärt (Teil 1)

2018-01-20T10:26:22.511+01:00

Vor fünf Jahren schrieb ich einen Erklärartikel zum Shutdown, der unter dem damals noch amtierenden Sprecher des Repräsentantenhaus, John Boehner. Die Vorstellung, dass ein weiterer solcher Artikel notwendig werden würde, weil die Republicans die Regierung ein weiteres Mal herunterfahren würden, während sie sämtliche Zweige derselben Regierung kontrolliere, war noch 2016 reichlich absurd erschienen. Aber sie haben es geschaft: obwohl sie Supreme Court, Weißes Haus, Repräsentantenhaus und Senat kontrollieren ist es ihnen nicht gelungen, auch nur eine continuing resolution zu verabschieden, die die Geldmittel der Regierung bis zum 8. Februar (!) garantiert hätte. Natürlich geben Trump und die Republicans den Democrats die Schuld, während die auf die Mehrheitsverhältnisse zeigen und jede Schuld von sich weisen. Was also ist das los? Die Abstimmung selbst entschied sich im Senat. Fünf Democrats stimmten mit den Republicans, während vier Republicans gegen ihre eigenen Partei stimmten und John McCain nicht teilnahm, was die Mehrheitsverhältnisse von 51:49 exakt widerspiegelte. Man könnte sich nun fragen, warum 51 Stimmen nicht ausreichen. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer. Der Grund dafür geht zurück auf den gescheiterten Versuch letztes Jahr, Obamacare abzuschaffen.Zur Erinnerung: die Republicans hofften, durch einige windige prozedurale Manöver gleich 2017 zwei große Siege einzufahren: die Abschaffung (repeal) von Obamacare und eine nie dagewesene Steuersenkung. Der Obamacare Repeal schlug fehl; öffentlichkeitswirksam beglich John McCain seine Rechnung aus dem Wahlkampf mit Trump und inszenierte sich als Rebell, als er die dritte republikanische Stimme dagegen abgab, 27 Millionen Bürgern die Krankenversicherung zu nehmen. Der als Steuerreform getarnte riesige Beutezug gelang zwar - wir berichteten -, aber beide Manöver hatten ihren Preis.Der normale Gesetzgebungsprozess erlaubt Senatoren das Mittel des filibuster, also des prinzipiell unbegrenzten Aufhaltens der prozeduralen Abläufe im Senat. Es ist eine der vielen arkanen Regeln der Institution, die jedes Mal die aktuelle Mehrheit auf die Palme bringt und von der Opposition sehr geschätzt wird. Zwischen 2008 und 2016 nutzten die Republicans dieses Mittel ausgiebig, um Obama zu blockieren (inklusive eines Shutdowns), seither hängt der filibuster wie ein Damoklesschwert über den legislativen Ambitionen der Republicans.Die GOP nutzte diese Waffe zuletzt, um einen Sitz im Supreme Court von den Democrats zu stehlen. Um selbst nicht den gleichen Regeln unterworfen zu sein, schafften sie den filibuster für Supreme-Court-Nominierungen ab und erzwangen den Extremisten Neill Gorsuch in das Gremium. Für Gesetze allerdings blieb das Instrument in Kraft, auch weil es den republikanischen Senatoren mehr Macht gegenüber der eigenen Parteiführung gibt (wie es vorher demokratischen Senatoren gegen deren Parteiführung half; die Anreizmechanismen sind für beide Seiten dieselben).Im Januar 2017 standen die Republicans daher vor einem Dilemma. Zwar kontrollierten sie alle drei Arme der US-Regierung, aber sie besaßen im Senat keine den filibuster brechende 60-Stimmen-Mehrheit. Große Reformprogramme bedurften daher zwingend der Zustimmung von mindestens acht demokratischen Senatoren (und seit dem Sieg von Doug Jones - wir berichteten - sogar neun). Die Republicans hatten aber, anders als Obama und die Democrats, kein Interesse an Kompromissen. Und damit sind wir bei ihrem Dilemma.Denn um auf diese Art jegliche normalen [...]



Ein Schwarzes Loch wie ein Sieb

2018-01-04T13:57:53.109+01:00

Seit fast einem Jahr läuft nun bereits die Untersuchung des special prosecutor Robert Mueller wegen des Verdachts auf russische Einflussnahme auf den US-Wahlkampf. Zahllose spekulative Artikel sind seitdem erschienen, sagen Reaktionen der Republicans und Trumps auf angenommene Ergebnisse voraus. Ich habe hier auf Deliberation Daily bisher praktisch nichts zu dieser Untersuchung geschrieben und habe das auch in Zukunft nicht vor. Der Grund dafür ist recht simpel: es ist für Außenstehende unmöglich, irgendetwas Belastbares zu der Thematik zu finden. Ich lese auch praktisch keine Artikel darüber, denn das gilt nicht nur für mich. Kaum ein Thema ist so voller parteiischer Nebelkerzen wie diese Untersuchung. Sie steht stellvertretend für eine Problematik, vor die die uns in dieser Zeit das Weiße Haus stellt: es ist ein schwarzes Loch, das leakt wie ein Sieb. Das ist ein Paradoxon. Wie kann eine Operation ein schwarzes Loch sein, aus dem nichts nach außen dringt, und gleichzeitig löchrig wie ein Sieb voll geschwätziger Angestellter? Wenn es Leaks aus dem Weißen Haus Obamas gab, waren diese ziemlich ernst zu nehmen. Sie waren auch selten, deswegen konnte sich die Presse stets voll darauf konzentrieren. Über das innere Arbeiten seiner Regierung war wenig bekannt, weil der Laden im Allgemeinen gut funktionierte, aber wenn das einmal nicht galt, konnte man Einblicke in das Obama-Räderwerk bekommen. Trumps Regierung dagegen leakt permanent. Hochrangige und niedrigrangige Angestellte stechen Informationen an die Presse durch. Kongressabgeordnete geben praktisch alle Informationen aus der Regierung direkt an Kollegen oder die Presse weiter. Die rekordhohe Fluktuation tut ihr Übriges. Dazu kommen "Insider"-Informationen der stets wachsenden Schar an gefeuerten Beratern und Regierungsprechern, die ihre eigene Post-Trump-Agenda verfolgen. Diese ungeheure Flut an Informationen muss jeden Beobachter zermürben. Wenn ein Redakteur das Leak von Montag nachrecherchieren und in eine ordentliche Geschichte packen will, sind Freitag bereits drei weitere bekannt geworden, und niemand interessiert sich mehr für das Leak von Montag. Die gleiche Mechanik wurde Hillary Clinton auch im Wahlkampf zum Verhängnis. Nichts bleibt an Trump kleben, weil die pure Menge an Dreck jede Nuance erstickt. Dazu kommt, dass in einem Weißen Haus, das dermaßen mit korrupten Günstlingen, inkompetenten Sykophanten, Amateuren und ideologischen Fanatikern vollgestopft ist wie das von Trump, praktisch jede Geschichte eine grundsätzliche Glaubwürdigkeit besitzt. Ein Trump-Wahlkampfmanager gibt betrunken in einer Bar zu, mit den Russen kolaboriert zu haben? Warum nicht? Trumps Schwiegersohn hat Hinterkanäle über Reigerungsorganisationen geöffnet, die sämtliche solchen Vorgänge speichern und überpüfen und ging davon aus, das bleibt geheim? Kein Zweifel. Der Chefredakteur eines rechtsextremen Schmierblatts ist bei wichtigen Telefonkonferenzen mit Wladimir Putin dabei? Durchaus möglich. Solchen Blödsinn hätte man nicht einmal von George W. Bush geglaubt, und "Dubbya" hat die Latte von dummen Entscheidungen im Oval Office wahrlich nicht hoch gehängt. Aus dem Weißen Haus kommen daher unendlich viele Informationen - das ist das Sieb - ohne dass man deswegen mehr Klarheit in die Vorgänge, die hinter seinen Mauern stattfinden, hätte - das ist das Schwarze Loch. Dieses Paradox ist bisher unzureichend verstanden und stellt den Journalismus vor gigantische Probleme. Denn auf der einen [...]



Die Jugend von heute

2017-12-31T14:38:24.426+01:00

Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten soll. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer. - Sokrates zugeschriebenes Zitat, um 420 v. Chr.Mein letzter Artikel hat starke Reaktionen hervorgerufen. Besonders häufig wart dabei eine: die Jugend von heute lerne nicht mehr richtig, beherrsche Rechtschreibung und Formales nicht mehr, kenne nicht den Wert der Disziplin und so weiter und so fort. Diese Argumentationslinie ist uralt. Wenn mich nicht alles täuscht beklagen sich schon auf den ersten sumerischen Keilschriften Schreiberlinge mittleren Alters über die Jugend von heute; zumindest Klagen über die verlotterte Sexualmoral der Frauen und den verderblichen Einfluss von Einwanderern auf dieselbe sind aus Babylon überliefert. Ich möchte an der Stelle in offizieller Funktion Entwarnung geben: The Kids Are Alright, wie es so schön heißt. Bereits 2013 habe ich detailliert beschrieben, warum die Testergebnisse zu den Rechtschrteibfähigkeiten der Grundschüler falsch interpretiert werden. Ich kann aus der Praxis berichten, dass Rechtschreibung und Formales kein epidemieartiges Problem darstellt. Manche sind besser, manche sind schlechter, ein paar Fehler macht jeder, unleserlich ist nichts. Die Arbeiten, in denen ich Abzug wegen mangelnder Rechtschreibung geben muss, lassen sich an einer Hand abzählen. An dieser Front ist also kein großes Problem.Gerne wird auch anhand drastischer Beispiele geschildert, welch gewaltige Einbußen es im mathematischen Verständnis gibt. Und zwar ist es wahr, dass hier deutlicher Verbesserungsbedarf gegenüber manchen anderen Nationen besteht, aber gleichzeitig ist es auch wahr, dass diejenigen die glauben, im mythischen "Früher" sei es signifikant besser gewesen, irren. Damals hat nur keiner gemessen.Auch in Geschichte gab es jüngst eine dramatische Erkenntnis: nur 60% der Schüler wissen etwas mit dem Begriff "Auschwitz" anzufangen! Das klingt erst einmal dramatisch. Nur hatte ein großer Teil der befragten Schüler das Thema noch gar nicht im Unterricht gemacht, und selbst dann ist das Abfragen von "Wofür steht Auschwitz-Birkenau?" keine Messlatte für Wissen über den Holocaust. Nur letzteres wurde nicht gefragt, stattdessen tat man genau das, was das Schulsystem verzweifelt abzustoßen versucht: stures Faktenwissen, ohne zu überprüfen, ob ein kritisches Verständnis existiert. In der Gesamtbevölkerung wissen zudem 87%, für was es steht, was stark darauf schließen lässt, dass die Quote unter Schulabsolventen deutlich höher liegt. Auch hier: keine Panik.Dieses Muster zieht sich durch alle Fächer und alle Schularten. Die Alarmismen zeugen deutlich häufiger von profunder Unkenntnis über die Funktionsweise des Schulsystems und grundlegende didaktische Konzepte.Zudem sind die Befürchtungen auch immer dieselben. Sie alle wurzeln in einem Kulturpessimismus, den zu hegen und pflegen das größte Plässier der jeweiligen Elterngeneration darstellt. Arbeitgeber beklagen sich immer über die angeblich unzureichenden Fähigkeiten der Auszubildenden. Die Formen und Moral der Jugend sind immer irgendwie schlechter als früher. Früher wurde immer noch mehr gelerrnt als heute, oder[...]



Wann kommen endlich Games und Serien in den Bildungsplan?

2017-12-26T09:54:13.307+01:00

Es gibt zahllose Felder aus denen ersichtlich wird, dass in den Kultusministerien "Neue Medien" eher als eine kleine methodische Auflockerung, vielleicht gar als ein zweistündiger Methodenschwerpunkt zu Anfang oder Ende des Schuljahrs gesehen werden. Doch diese Passivität gegenüber der Wandlung des kompletten Bildungsbegriffs, der uns ins Haus steht, erstreckt sich nicht nur auf den Methodenteil, wo immer noch viel zu sehr davon ausgegangen wird, dass die OHP-Folie das höchste an medialer Unterstützung ist, was ein Lehrer so gebrauchen kann. Auch in den Bildungsplänen ist eine erschreckende Ignoranz gegenüber medialen Formen zu erkennen. Ich will dies an zwei Beispielen konkret machen: Videospiele und TV-Serien. Beide finden in der schulischen Welt überhaupt nicht statt, werden eher als frivole Freizeitaktivitäten gesehen, die Zeit von den seriösen Schultätigkeiten abziehen. Der Beschäftigung mit Goethe, Schiller und den Regeln der deutschen Grammatik also. Denn ist das eherne Gesetz aller selbst ernannten Verteidiger von Bildung und Kultur, dass nur ernstgenommen werden kann, was keinen Spaß macht.Ich weiß dass das überzogen klingt, und natürlich ist es wenigstens in Teilen eine Zuspitzung. Der Bildungsplan enthält ja als einen von vielen Stichpunkten unter "ferner liefen" (nicht abirelevant und daher meist unter den Tisch fallend) auch den Punkt "Filmanalyse". Und wenn man das wenige didaktische Material dazu anschaut, dürfen die Schüler dann auch anhand klassischer Komödien aus den 1970er und 1980er Jahren lernen, welche verschiedenen Kameraeinstellungen es so gibt.Aber letztlich läuft es darauf hinaus, dass es sich um Nebenaktivitäten handelt, die mehr zähneknirschend aufgenommen wurden, weil es halt der Vollständigkeit halber hineinmuss. Die Vermittlung des klassischen bildungsbürgerlichen Kanons spielt immer noch die erste (und zweite, und dritte) Geige. Ich erinnere mich noch, dass ich während des Referendariats in einer Diskussion um den Nutzen des Lesens von Klassikern im Unterricht verschnupft von der Ausbilderin gebeten wurde, doch noch einmal zu reflektieren, warum ich Deutsch unterrichten wolle, weil ich der Lektüre klassischer Dramen nicht die gebührende Referenz erwies.Für mich ist es wichtig, dass die Schüler die Möglichkeit bekommen, das ganze theoretische Wissen um Leitmotive, Charakterentwicklung, Dialoganalyse etc. auch praktisch anzuwenden. Und man mag zwar im Philologenverband immer noch dem Leitbild des Matura-Schülers anhängen, der in der väterlichen Bibliothek in seiner Freizeit (Tweetjacket tragend) den ledergebundenen Goethe aufschlägt, aber das geht an der Realität völlig vorbei.Der mit Abstand größte Kontakt, den die meisten Leute mit Erzählungen haben, ist nicht das gedruckte Buch. Und ich schreibe hier bewusst nicht "Jugendliche" oder "Schüler", denn ist ja nicht gerade so, als ob das später schlagartig besser wäre, nur weil die Leute älter sind. Nein, den meisten Narrativen begegnene die Menschen heute im Fernsehen, und hier zunehmend in Form lang laufender Dramenserien, sowie in Videospielen (noch immer mit stark männlicher Schlagseite, aber das bessert sich langsam).Es macht daher keinen Sinn, diese "neuen Medien" (die neu zu nennen nach über 30 Jahren auch nur die Berufsneanderthaler fertigbringen) im Unterricht nur als winzigen Nebenaspekt vorkommen zu lassen. Der ständige Bildungssnobismus hat zwar mittlerweile für einig[...]



Bücherliste 2015/17

2017-12-22T13:35:03.457+01:00

Bücher sind der Schlüssel zur Welt, und es gibt praktisch unendlich viele davon auf der Welt, und jedes Jahr kommen neue hinzu. Da das Leben kurz ist, möchte man nicht unbedingt mehrere Bücher anfangen und irgendwann feststellen, dass sie Mist sind und man bisher seine Zeit verschwendet hat. Andererseits ist es oft schwer, an gute Ideen für neue Bücher heranzukommen, wenn man sie nicht gerade durch Zufall findet. Ich stelle daher hier meine Bücherliste 2015/17 (letztes Jahr vergessen eine zu schreiben wie es aussieht) vor, die zwar nicht alle Bücher enthält, die ich in diesem Zeitraum gelesen habe, aber alle, die ich guten Gewissens weiterempfehlen kann. Vielleicht findet ja jemand etwas Interessantes darin. Die meisten Bücher habe ich auf Englisch gelesen; wo vorhanden, habe ich Links auf die deutschen Versionen beigefügt. Alle Links führen direkt zu Amazon, und wer die Bücher über diese Links bestellt sorgt dafür, dass ein kleiner Teil des Preises von Amazon an mich geht. Kapitalismus! Die Rosahelllau-Falle - Für eine Kindheit ohne RollenklischeesSehr empfehlenswertes Buch zum Grundproblem der Gender-Normierung bei Kindern. Beschäftigt sich mit unbewussten Klischees, ein bisschen Hirnforschung, dem Einfluss von Werbung, viel Kindergarten, Peer-Groups und so weiter. Ist gut geschrieben und schnell gelesen sowie sauber recherchiert (mitsamt Fußnoten und Quellenapparat). Als Einstieg in die Thematik absolut zu empfehlen. Postwar - Die Geschichte Europas nach dem Zweiten WeltkriegTony Judts Europäische Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg ist ein absolutes Standardwerk. Das Grandiose ist, dass er seine Betrachtungen jeweils östlich und westlich des Eisernen Vorhangs macht und nicht eine westzentrierte Geschichte aufzieht. Auch Südeuropa wird ausführlich besprochen, so dass tatsächlich eine gesamteuropäische Geschichte entsteht. Das Buch ist allerdings nichts für Einsteiger; Judt setzt ein gewisses Grundlagenwissen voraus. The Rise and Fall of American GrowthDieses hervorragende Buch untersucht die Entwicklung des amerikanischen Lebensstandards von 1870 bis 1970. Das Buch ist vollgepackt mit Informationen, die man in politischen Überblickswerken nicht findet - vom Wandel der Wohnbedingungen über den Wandel der Esskultur zum Siegeszug des Automobils ist alles dabei. Absolute Empfehlung, sollte man gelesen haben!The Storm before the StormDer durch seine Podcasts berühmt gewordene Mike Duncan hat sein erstes Buch vorgelegt, in dem er die Vorbedingungen für den Aufstieg von Pompeius, Crassus und Caesars erklärt, also die Geschichte vom Ende des Zweiten Punischen Kriegs bis zu Sulla. Packend geschrieben, sauber recherchiert, mit gutem Problembewusstsein, kann nur empfohlen werden. We Were Eight Years in PowerTa-Nehisi Coates' acht große Essays aus den acht Regierungsjahren Obamas sind hier zusammengefasst. Vor jedem Essay steht eine Betrachtung Coates' aus heutiger Sicht, in der er sehr selbstkritisch mit sich selbst, seinen Thesen und der Frage, ob sie sich gehalten haben, ins Gericht geht. Wer die USA der letzten acht Jahre aus Sicht der afroamerikanischen Bevölkerung verstehen will kommt um dieses absolut grandiose Werk nicht herum.What Happened Ich habe Hillary Clintons Rückschau auf den Wahlkampf 2016 bereits im Blog rezensiert. Leviathan Wakes (The Expanse 1) - Leviathan Erwacht (The Expanse 1) "The Expanse" ist eine Science-Fiction-Serie[...]