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Joachim Breitners Denkblogade



 



Bundestag beschließt Ehe für alle

Sun, 02 Jul 2017 15:43:48 -0400

Nach Jahrzehnten des Mauerns und des Blockierens der konservativen Parteien im Bundestag ging plötzlich alles ganz schnell. Auslöser war ein Besuch der Bundeskanzlerin Fräulein Merkel bei Ihrem Amtskollegen Donald Trump. Der Immobilienmogul lebt, sozusagen als Paradebeispiel für den gesellschaftlichen Fortschritt in seinem Land, in einer Ehe mit einer Frau (sogar einer Ausländerin!) lebt. Merkel erzählte danach im Interview mit dem Playboy: Ich war sehr überrascht und zutiefst bewegt, mitzuerleben, wie fürsorglich, innig und vertraulich die Ehemänner, Verzeihung, Eheleute Trump miteinander umgehen. Und sie sind in den USA damit nicht alleine! Daher muss ich eingestehen dass ich mir unsicher geworden bin, ob meine Überzeugung in Deutschland noch mehrheitsfähig ist. Ich könnte mir vorstellen, dazu einmal den Bundestag zu befragen – natürlich als Gewissensentscheidung und ohne Fraktionszwang. Der Koaliationspartner SPD griff diesen Vorschlag umgehend auf und brachte ein „Ehe-für-Alle“ Gesetz auf den Weg, das im entsprechenden Paragrafen des Bürgerlichen Gesetzbuchs den Passus „Die Ehe wird zwischen zwei Männern auf Lebenszeit geschlossen.“ durch „Die Ehe wird zwischen zwei Menschen auf Lebenszeit geschlossen.“ Der Rest ist Geschichte: Mit den Stimmen der Grünen, der Linkspartei und einiger Abgeordneter der Union (darunter etliche verheiratete Männer!) stimmten dafür. In nur wenigen Monaten können Adam und Eva Müller also im Standesamt den Bund der Ehe eingehen – als wären sie Adam und Stefan Müller. Besonders ausgiebig feierten die Grünen, die seit ihrer Gründung in den 80ern fanatisch auf diesen Moment hingearbeitet haben. Unvergessen wie Ströbele Anfang der 90er mit einer Dame auf dem Bundespresseball erschien und sie als seine Ehefrau Monika vorstellte (offiziell wohnte sie als Gärtnerin bei ihm). Ebenso unvergessen der März 1996, als die Herren der Grünenfraktion die Abgeordneten der anderen Parteien zu Steak und Pommes einluden und erst hinterher verrieten, dass die Speise tatsächlich und ausschließlich von Frauen zubereitet wurden. Seit dem waren Restaurants mit Unisex-Speisekarten und gemeinsamer Küche im progressiven Berlin immer häufiger anzutreffen. Frau Gerhard-Ecking (bürgerlich natürlich Fräulein Ecking), Fraktionssprecherin der Grünen, kommentiert den Bundestagsbeschluss: Frauen dürfen wählen, dürfen als Soldaten dienen. Frauen leiten heutzutage DAX-Konzerne und sogar Samengroßbanken. Es ist unverständlich warum Ihnen trotz dem nicht zugetraut wird, einem Ehemann zu lieben, zu umsorgen, zu unterstützen, mit ihm alt zu werden und sich gegenseitig im Alter abzusichern. Dabei geht es den meisten Ehemännern ja gar nicht darum um diese hohen Werte der Ehe, sie haben es lediglich auf den Steuervorteil abgesehen haben! Endlich also auch Ehemännersplitting für Frauen! Während Ihrer Rede stand, wie so oft, das bekannte Photomodel Herr Gerhard, hinter ihr und entzückte die Reporter mit einem grau-mellierten Zweiteiler und amüsanter Blümlichenkrawatte. Es heißt, sie hätten gemeinsam ein Kleintierzuchtverein gegründet, um wenigstens bei der Bank ein gemeinsames Konto eröffnen zu könne. Vehemente Kritik kam wie erwartet von Seiten der katholischen Kirche. Die Doppelspitze der Deutschen Bischofskonferenz, Ehemänner Kardinale Jonas und Hannes Meissner-Stolz, verkündeten in einer Presseerklärung: Heute ist ein schwarzer Tag für die Christen in der Bundesrepublik. Das heilige Sakrament der Ehe, von Jesus zwölf mal gestiftet, lässt sich nicht per Abstimmung auf Frauen übertragen. Jesus zog mit Jüngern durch das Land, nicht mit Jüngerinnen, und genau so ist Gottes Wille zu verstehen. Frauen und Männer sind von Natur aus zu verschieden. Wenn jetzt noch mehr Männer in Deutschland in so gottloser Weise das Haus und das Bett mit Frauen teilen, wird die Gesellschaft daran zugrunde gehen. Die Kirche kann Mitglieder, die eine solche „Bundestagsehe“ mit einer Frau eingehen, nicht mehr in ihren Reihen aufnehmen können. Die Börsen reagierten verh[...]



Mütze Ade

Thu, 04 May 2017 17:44:10 -0400

Seit wohl etwa zwei Jahren ist eine grüne Mütze mein Markenzeichen beim Swing-Tanzen:

(image)

Monti, das bessere Model

Diese Mütze war etwas besonderes, denn sie war ein Geschenk von einer guten Freundin, handgenäht aus einem Tischtuchstoff meiner verstorbenen Oma, und reiste mit mir schon in viele Ecken der Welt.

So auch letzte Woche nach Paris, wo ich am Samstag bei Romuald und Laura einen Charleston-Kurs besuchte – und als ich dann am Dienstag beim Social in Le Chalet du Parc die Mütze aufziehen wollte, war sie nicht mehr da. Ich habe zwar noch den Verwalter und den Hausmeister der Salles Saite-Roche, dem Veranstaltungsort des Kurses, aufgescheucht, und die Mütze wurde wohl noch am Vormittag im Salle Kurtz1 gesehen, aber ich war zu spät und die Mütze ist nun weg.

Und das ist schade.

(image)

Das letzte Bild mit Mütze


  1. Wie passend, meine Oma ist eine geborene Kurz.




Trump is so mean

Sun, 29 Jan 2017 21:31:18 -0500

Vor zweieinhalb Monaten berichtete ich an dieser Stelle von meinen Eindrücken nach der Präsidentschaftswahl (Danke für die motivierenden Rückmeldungen!). Inzwischen ist Donald Trump Präsident, und nun geht es so richtig los. Am Tag der Amtseinführung habe ich nicht viel mitbekommen. In Philadelphia gab wohl es Proteste, insbesondere am Tag drauf, als hier wie in vielen anderen Städten in und außerhalb der USA der „Women’s March“ statt fand. Über Facebook konnte ich mitverfolgen, welche meiner Bekannten teilnahmen, das war es aber auch erst mal. Zumindest in Philadelphia halten viele wenig von Trumps Verordnungen Interessant wurden die nächsten Tage, als sich zeigte, dass Trump es ernst meint und mit einer Verfügung nach der anderen seine Vorstellungen in die Tag umsetzen wollte. Ich will hier nicht alles wiederholen, was schon ausführlichst in den Nachrichten, auch in Deutschland, behandelt wurde (die BBC hat eine gute Zusammenfassung der ersten Woche). Für mich und mein akademisches Umfeld am relevantesten waren zwei Entwicklungen: Zum einen verfügte Trump einen Maulkorberlass für viele Behörden, und für das Umweltamt sogar einen kompletten Einstellungs- und Auftragstop, und von der Seite des Weißen Hauses verschwanden Abschnitte zum Klimawandel. Auch wenn sich ein paar Nationalparkranger dem Anfangs widersetzten – das ist nicht mehr ein Umfeld von freier Wissenschaft und Ratio-geleiteter Politik. Noch heftiger war die Reaktion dann als Trump plötzlich und ohne Vorwarnung die Einreise von Bürgern sieben vorwiegend muslimischer Staaten, darunter dem Iran, stark einschränkte. Einige Reisende oder Wiederkehrende aus diesen Staaten wurden nun am Flughafen länger befragt, abgewiesen oder direkt zurückgeschickt. In meinem Freundeskreis hier sind auch Wissenschaftler aus dem Iran, deren Vertrauen in eine verlässliche Zukunft in den USA nun schwer beschädigt ist. Denn betroffen sind nicht etwa nur Bewerber um neue Visas, die sich nun auf längere Wartezeiten einstellen müssten, sondern auch solche, die schon längst ein Visum – oder gar eine permanente Aufenthaltsgenehmigung (green card)1 – haben und sich in den Staaten eine Existenz aufgebaut haben. Eine Anspielung auf das bekannte Niemöller-Zitat Über Facebook erfuhr ich dass einige meiner Freunde, insbesondere eben jene Iranerin, an einer spontanen Demonstration heute Nachmittag am Flughafen von Philadelphia teilnehmen wollten, und dem schloss ich mich an. Allerings nicht nur ich, so dass schon die Autobahn zum Flughafen von den Autos empörter Bürger verstopft war und zeiweise die Autobahnausfahrten gesperrt waren. Einige parkten weiter weg und liefen zum Flughafen (und waren schneller) Die Empfangshalle des Flughafens, dem angedachten Ort für den Protest, war angesichts von über 5000 Teilnehmern schon längst voll. Die in großer Zahl (und mit Pferden) aufmaschierte Polizei sperrte den Zugang und verlegte den Protest vor das Gebäude. Eines von vielen Kindern auf der Demo Ich mischte mich also eine Weile unter das dort protestierende Volk, lauschte den Sprechchören („No hate, no fear – refugees are welcome here“, „Let them in“, „This is what democracy looks like“) und bewunderte die unzähligen Pappschilder. Die Bilder hier sind eine Auswahl der besten (und weitere gibt es auf meiner Bilderseite). So etwas wie Beamtenbeleidigung kennt man im Land der free speech nicht Hier wurde später zurückgerudert.↩ [...]



Drei Jahreszeiten

Sun, 20 Nov 2016 16:51:19 -0500

Hier in Pennsylvania tickt das Wetter etwas anders als bei uns…

Sommer

Dieses Wochenende fuhr ich mit einer Freundin in die Poconos Mountains. Wir bezogen eine kleine Holzhütte im Wald. Samstag morgen frühstückten wir draußen. Wir wanderten im T-Shirt durch den Beltzville Park und picknickten mittags am Ufer von der Sonne beschienen und unter blauem Himmel. Temperatur vielleicht 26°C.

(image)

Frühstück in der Sonne

Herbst

Im Anschluss wanderten wir durch die Lehigh Gorge. Ein kühler Ostwind blies uns um die Ohren und lupfte das Laub in die Höhe. Wir futterten in Jim Thorpe und als wir wieder im Auto waren, fielen die ersten Regentropfen aufs Dach. Temperatur vielleicht 10°C.

Winter

Irgendwann hörte ich abends den Regen nicht mehr – er wurde zu Schnee. Und Sonntag morgen war die Hütte, das Auto und der Wald um uns herum mit einer 15cm dicken Schneeschicht bedeckt. Das Thermometer zeigte -3°C. Wir gingen wieder spazieren, diesmal um den Gipfel des Camelback Mountain herum. Alles war weiß und dick eingepudert,

(image)

Kein Frühstück im Schnee

Drei Jahreszeiten an einem Wochenende – das nenn ich effizienten Urlaub.

(Mehr Bilder auf meiner Bilderseite.)




Nach der Wahl

Tue, 15 Nov 2016 09:31:07 -0500

„Wie sieht’s aus in Trump-Land?“ Gute Frage. Ich kann ja mal ein paar Eindrücke schildern. Wahlkampf Anfangs war alles noch nett und lustig. Mit Arbeitskollegen schaute ich das erste Fernsehduell zwischen Clinton und Trump. Es wurde viel getrunken, vor allem wenn Trump den Mund aufmachte, aber insgesamt machte Hillary Trump fertig. Sah also gut aus. Auf Facebook (und den auf Facebook verlinkten Medien) wurde sich über Trump’s Persönlichkeit ausgelassen, und ich wundere mich, warum so wenig über seine Politik geredet wird – lieber ein Arschloch als Präsident, der das richtige macht, als ein Traumschwiegersohn mit den falschen Zielen, würde ich sagen – aber wohl zurecht wurde ich darauf hingewiesen, dass man auf seine Wahlversprechen eh nichts geben kann. Trotzdem halte ich fest dass die Übermoralisierung des Politikers hier weiter fortgeschritten ist als in Deutschland. Die letzte Woche vor der Wahl war überraschend ruhig. Die Prognosen sahen gut aus (Gewinnwahrscheinlichkeit für Clinton war bei ⅔). Viele meine Kollegen beteiligten sich ehrenamtlich am Wahlkampf, klingelten Telefonlisten durch oder marschierten von Haus zu Haus. Dabei geht es nicht darum, Wechselwähler oder gar Trumpwähler umzustimmen, sondern lediglich, die demokratisch gesinnten Wähler auch zum Wählen zu kriegen. Wahltag Am Wahltag war -- soweit ich das erkennen kann -- gerade zu heitere Stimmung. Das Wetter war gut, und auf dem Campus trug jeder stolz seinen „I voted“-Aufkleber auf der Brust, den man hier bekommt. Man fragte sich gegenseitig, ob man schon wählen war. Abends verfolgte eine Freundin und ich das Geschehen in einer Kneipe hier in West-Philadelphia, es lief CNN. Als verkündet wurde, dass Michigan an die Republikaner ging, war ihr klar, dass hier etwas gewaltig schief lief. CNN berichtete noch von neuen Meldungen aus den verschiedenen Staaten, aber die Prognose auf nytimes.com sagte schon eine Wahrscheinlichkeit von >95% für Trump. Die Wahl war gelaufen, und sie lief anders als von allen in meiner Umgebung hier erhofft, und auch anders als erwartet. Für mich fühlte es sich wie eine Wiederholung des Brexit-Wahlabends an. Auch Pennsylvania kippte und wählte insgesamt für Trump. Wir hatten keine Lust mehr auf Kneipe und verzogen uns. Nach der Wahl Selbst das Wetter war deprimiert. Davor noch herrlich sonnig, war es jetzt plötzlich kalt und regnerisch. Tränen hier in meiner WG. Eine Mitbewohnerin macht sich Sorgen um ihre Krankenversicherung wenn Obamacare gestrichen wird. An der Uni gedrückte Stimmung. Auf Facebook gingen die Emotionen um. Freunde luden Freunde zum gemeinsamen Wundenlecken ein. Am zweiten Abend gab es in der Innenstadt Protestmärsche gegen Trump mit mehreren Tausend Teilnehmern. Gleichzeitig gab es Berichte über sogenannte „hate crimes“ im ganzen Land (eine von Schwarzen genutzte Kirche wurde noch vor der Wahl abgefackelt, weitere andere nach der Wahl beschmiert und in Philadelphia (Hakenkreuz-Graffiti und Nazi-Sprüche an Wänden, sexistische Sprüche in die Autofenster einer Professorin geritzt). Facebook-Freunde von mir erkundigen sich nach geeigneten Kampfsportarten und Selbstverteidigungskursen um bei eventuellen Auseinandersetzungen ihre Freunde und sich selbst schützen zu können. Es werden Parallelen zu Deutschland nach dem ersten Weltkrieg und Hitlers Machtübernahme gezogen. An der Universität werden schwarze Studenten per „GroupMe“ mit rassistischen Sprüchen überzogen. Große Aufregung mit mehreren Rundmails des Präsidiums an alle Mitglieder der Studenten, FBI eingeschaltet, und Ermittlungen in Oklahoma, wo die Täter wohl sind. Eine andere Rundmail der Präsidentin an alle Mitarbeiter, dass einige Studenten jetzt nach der Wahl sicherlich eine schwere Zeit durchmachen, und an solle doch bitte nachsichtig und einfühlsam zu sein, und flexibel was Hausaufgaben oder so angeht. Und ich? Unmittelbar betrifft mich die Wahl von Trump nicht. Ich bin kein Musli[...]



Die Taxitür und ich

Thu, 20 Oct 2016 13:06:28 -0400

Hier in Philadelphia radele ich täglich von meiner Wohnung in der Baltimore Avenue zur Uni. Praktische alle Straßen, die ich dabei nehme, haben einen explizit markierten Fahrradstreifen, so dass das im Großen und Ganzen gut geht. Aber halt nicht immer… Die Türe öffnet sich Ich fuhr also gerade die leicht abschüssige Spruce Street hinab, als in etwa hier ein Taxi vor mir nach rechts ausschert und den halben Fahrradstreifen blockiert. Gerade als ich an ihm vorbeifahren wollten, macht der Passagier die hintere rechte Türe auf und blockiert meinen Weg. Ich konnte wohl noch etwas, aber nicht vollständig abbremsen. Mein Vorderrad muss noch zur Hälfte rechts an der Türe vorbeigekommen sein, bevor ich von der Kante der Türe endgültig gestoppt wurde. Das Taxi verschwindet Der Passagier stieg aus, erkundigte sich knapp nach meinem Wohlergehen. Nach einem schnellen Check entdeckte ich nur eine Schramme unter der linken Brust und eine Delle am linken Bremshebel, aber sonst schien alles in Ordnung und das Fahrrad sah auch gut aus. Ich sagte „I’m ok“ und er verschwand. Der Taxifahrer machte keine Anstalten auszusteigen oder sich nach mir zu erkundigen. Entweder er war eine Weile unschlüssig und wartete ob ich mich melde, oder hat das gar nicht mitbekommen. Ich wusste nicht recht was zu tun ist und habe den Taxifahrer nicht konfrontiert (was hätte ich auch sagen sollen?), aber ich hab ein Photo von seine Nummernschild gemacht, während sich das Taxi nach ein paar Momenten (vielleicht einer halben Minute?) von dannen fuhr. Die Uniformierten helfen Ein Security-Mensch des Krankenhauses, vor dem sich das zugetragen hat und wohl das meiste gesehen hat, wollte wissen wie es mir geht. Ich entdeckte noch weitere Schrammen am linken Oberarm, aber nichts weiter. Alle Rippen fest am Platz, Atmen normal möglich. Er fragte, ob er die Polizei rufen soll. Ich zögerte und druckste herum – es schien ja nichts kaputt zu sein, weder an mir noch am Fahrrad, also was soll der Terz? – aber druckste wohl zu lange, denn er sprach irgendwas in sein Funkgerät und wenige Minuten später war eine Polizistin (selbst auch per Rad unterwegs) da. Die ausgesprochen freundliche Vertreterin der Uni-eigenen Polizei nahm meine Personalien auf und ließ sich den Tathergang beschreiben. Sie bestärkte mich darin, einen Bericht zu erstatten: Der Taxifahrer hat sich klar falsch verhalten (die Fahrradspur missachtet, nicht auf Radfahrer geachtet, weggefahren ohne zu sich zu kümmern). Sie trieb auch einen Zeugen auf, der in seinem Wagen auf dem Parkstreifen direkt hinter der Unfallstelle saß und meinen Bericht bestätigen konnte. So hab ich jetzt eine Berichtnummer und eine Telefonnummer wo ich mich melden kann falls sich noch etwas ändert. Wenn ich innerhalb von 24 Stunden noch etwas entdecke, was kaputt ist (was ja nicht unwahrscheinlich ist, sobald das Adrenalin weg ist), wird das noch dem Unfall zugeordnet. Aber es scheint tatsächlich nicht mehr kaputt zu sein. Nachbemerkungen Meine Kollegen sagen, dass man hier sehr vorsichtig Fahrrad fahren muss. Manche nutzen die Fahrradspur nicht, sondern fahren immer mittig auf einer Autospur. Und nur weil Taxifahrer berufsmäßige Autofahrer sind, heißt das nicht, dass sie auch professionell fahren… Das ist ja auch alles richtig, und ich weiß natürlich, dass ich als Radfahrer hier ein erhöhtes Risiko eingehe. Trotzdem halte ich es es für gerechtfertigt, auch wenn ich den Crash vielleicht bei anderer Fahrweise vermeiden hätte können, mir an diesem Crash keine Schuld zuzuweisen. Und vielleicht hat die Geschichte den Effekt dass zumindest ein Taxifahrer hier in Zukunft besser auf die Fahrradspur aufpasst.[...]



Swing-Tanzen in Philadelphia

Sat, 17 Sep 2016 19:03:50 -0400

Ich bin mal wieder unterwegs, diesmal auf dem Weg zur ICFP in Nara in Japan, und habe Zeit einen weiteren Bericht aus Philadelphia zu schreiben. Wie manchen versprochen erzähle ich heute, wie es mit Swing-Tanzen in Philadelphia aussieht. Man könnte meinen ich hätte meine Wohnung strategisch günstig zum Swing-Tanzen gewählt, denn die beiden wöchentlichen Events sind in unmittelbarer Nähe: Jazz Attack Donnerstags findet in den Räumlichkeiten der University City Arts League Jazz Attack statt: Um 20 Uhr gibt es einen Kurs mit monatlich wechselnden Themen (im August waren es Turns, Tension und Stretch beim Charlston, jetzt im September lernen wir Balboa), stets parallel zu einer Einführung für absolute Anfänger. Einsteigen ist also jederzeit möglich. Die Kurse werden von Freiwilligen gehalten (und sind nicht ganz so lehrreich wie bei einer „richtigen“ Tanzschule). Mit 7 Dollar ist man dabei, und darf auch gleich zum Social bleiben, der von 21 bis 23 Uhr geht. Jazz Attack Das Gebäude ist – wie auch jenes in dem ich wohne – ein ganz normales Reihenhaus, geschätzt aus dem frühen 20. Jahrhundert. Das heißt man tanzt im 1. Stock auf schönem Parkett. Wenn im Kurs alle im gleichen Takt ihre Schritte machen, dann wackelt und rödelt die Schiebetür, und im Erdgeschoss sieht man die Decke zentimeterhoch beben und fragt sich, was da ein Statiker zu sagen würde. Aber es scheint zu halten. Leider ist der Tanzraum nicht besonders groß, vielleicht so groß wie die reine Tanzfläche im Schlachthof in Karlsruhe, und jetzt, wo das Semester begonnen hat, wird es ziemlich voll. Die Organisatoren installieren zwar eine mobile Klimaanlage in einem der Fenster, aber gegen die Tänzer kann die nicht viel ausrichten. Immerhin gibt es gegenüber einen kleineren zweiten Raum, in dem man sich ein wenig abkühlen und auch besser unterhalten kann. Clark Hop Sonntags mittags von halb 1 bis halb 3 findet im Park direkt vor meiner Haustüre der kostenlose Open-Air-Social Clark Hop (ja, der im Hintergrund auf dem Titelbild der Seite bin ich) statt. Zumindest sofern das Wetter mitspielt – im August hat die Hitzewelle hier ein paar mal dafür gesorgt, dass es abgesagt werden musste. Live-Musik im Clark Park In der Regel wird der kleine Beton-Platz vor der Charles-Dickens-Statue von einer Boombox beschallt, doch schon zweimal seit ich hier bin spielte eine lokale Band auf, die sich ganz nonchalant auf der Parkbank zurecht macht und für gute Musik sorgt. Der Boden ist nur mäßig zum Tanzen geeignet, und meine guten Schuhe bleiben Sonntags zu hause (Karlsruher, eure Holzinsel am ZKM ist echt was wert!). PILE Letzten Samstag fand der jährliche Swing-Exchange Philadelphias mit dem etwas unvorteilhaften Namen PILE statt: Workshops von 10 bis 3 Uhr, dann Wettbewerbe (an denen nur Vollzeitstudenten teilnehmen durften, ich hatte also Pause, die ich nach 4 Stunden Workshop auch brauchen konnte) und abends ein Social. Wir tanzten in der Houston Hall, einem stattlichen Gebäude der University of Pennsylvania mit schön großem Saal. Ich habe am Advanced-Workshop teilgenommen, mit zwei Lehrern aus New York, und war auch entsprechend gefordert (Twenties-Charlston – nie gemacht!), aber nicht fehl am Platz. Leider ist auch bei den neuen Figuren da das Problem, dass ich sie schnell wieder vergesse. Advanced-Kurs bei PILE Bal Night Jeden zweiten Freitag im Monat findet die Bal Night statt: Ort, Aufbau und Kosten wie Jazz Attack, nur dass Balboa getanzt wird. Nachdem jetzt bei Jazz Attack geschickter weise auch Balboa gelehrt wurde, kann ich mich in Zukunft öfter auf der Bal Night blicken lassen. Blues Diese ganzen Veranstaltungen werden vom Verein LaB (Lindy and Blues) organisiert, und so findet Montag abends in der Innenstadt Powerhouse Blues statt. Ich war bisher einmal dort, als ein Einstieg für Anfänger geboten wurde, und auch Blues macht Spaß. Weniger hektisch, mehr Im[...]



Ein Krankenhausbesuch in den USA

Wed, 07 Sep 2016 20:01:50 -0400

Seit gestern morgen habe ich einen ziemlich rauen Hals und hab mich auch sonst nicht gesund gefühlt (fiebrig, Kopfweh). Heute erfahre ich von einem Kollegen, mit dem ich am Samstag gemeinsam unterwegs ist, dass er auch krank ist und „Strep“ hat, eine bakterielle Entzündung des Rachens. Da das ansteckend ist und behandelt schneller weg geht empfiehlt er mir (per Mail), einen Schnelltest zu machen. Ich nehme das als Anlass, meine ersten Erfahrungen mit dem US-Gesundheitssystem zu machen. Über meine Anstellung an der Uni habe ich eine Krankenversicherung, die aber nur für bestimmte Ärzte und Kliniken in vollem Umfang bezahlt. Auf deren Homepage kann ich für mein Anliegen (Untersuchung mit Strep-Schnelltest) mir sagen lassen, wie viele ich dabei wohl zuschießen muss (20$) und wo ich entsprechende Ärzte finde. Die nächste Klinik, das „Presbyterian Medical Center“ ist direkt auf dem Campus und gehört zur Universität. Ich mache mich also auf den Weg und gehe dort zur Information am Haupteingang. Der Wachmann dort lässt mich wissen, dass ich zum „Emergency Walk-In“, also der Notaufnahme, gehen muss (auch wenn das nicht gerade meinem Verständnis eines „Notfalls“ entspricht), und ein kräftiger Sicherheitsmann führt mich durch das Gebäude, zu einem Neben-Ausgang, und weißt mir da den Weg zum „Emergency Walk-In“. Hier muss ich erst durch eine Sicherheitskontrolle mit Röntgengerät. Dann ein Empfang, wo ich ein paar Daten (Name, Social-Security-Nummer, Geburtsdatum sowie Anliegen) abgebe, und im Gegenzug ein Papierband mit Barcode für mein Handgelenk erhalte. Damit setze ich mich in den Wartebereich und warte (ein Glück dass ich eine e-Book-Lese-Programm auf mein Handy geladen habe.) Mir fällt auf dass hier im Wartesaal außer mir nur Schwarze warten, und die meisten sehen nicht aus als ob sie gerade von einem Akademiker-Job kommen. Habe ich etwas falsch gemacht (oder zumindest anders als meine Kollegen machen würde)? Hätte ich vielleicht statt dessen einen Termin mit einem Arzt ausmachen sollen? Oder in die Sprechstunde eines HNO-Arzt gehen? Nach 1½ Stunden werde ich von einer freundlichen Krankenschwester ausgerufen und in ein Untersuchungszimmer geführt. Sie fragt nach meinen Symptome, Medikamenten, Allergien und misst Blutdruck, Puls, Temperatur. Dann meint sie ich wäre gerade zur richtigen Zeit da und werde jetzt „fasttracked“, was wohl heißen soll, dass ich jetzt schnell behandelt werde. Sie führt mich in ein anderes Untersuchungszimmer („Super Track 3“) und lässt mich auf die Ärztin warten. Nach einer halben Stunde kommt nicht die Ärztin, sondern eine Mitarbeiterin, die mehr Daten von mir will (Adresse, Versicherungskarte, Notfallkontakt). Während ich ihr das noch alles buchstabiere, kommt dann die Ärztin. Auch sympathisch, fragt die Symptome ab, schaut mir in die Ohren und den Rachen, hört meine Lunge ab und holt dann den Schnelltest, für den sie einen Rachenabstrich macht. Sie meint, das braucht 20 Minuten, und lässt mich im Untersuchungszimmer warten. Hier warte ich also, lese weiter, und hole irgendwann meinen Laptop raus um diesen Text zu schreiben. Zwischendurch kam eine Mitarbeiterin und legte Aufkleber auf den Tisch. Dann kam eine Schwester und holte die Aufkleber, um damit den Test zu bekleben, und meinte das dauert nochmal eine Stunden. Dann wieder die Mitarbeiterin, die mir verkündet, dass mein Beitrag nicht 20 sondern 75 Dollar sind. Ich gebe ihr meine Bankkarte, sie geht und kommt zum Unterschreiben wieder. Ich warte weiter. Dann kommt sie nochmal und will meine Telefonnummer. Mein Hals tut weiter weh, aber so langsam krieg ich Hunger. Eine Stunde später kehrt die Ärztin wieder und verkündet mir ein negatives Testergebnis. Weil der Schnelltest aber nicht 100% sicher ist macht sie noch einen Abstrich für einen Labortest, dessen Ergebnisse ich in zwei Tagen be[...]



Eine Woche Philadelphia

Fri, 05 Aug 2016 20:52:01 -0400

Es ist wieder Freitag, und ich sitze wieder in einem Zug. Letzte Woche war es der ICE nach Philadelphia (mit einmal Umsteigen am Flughafen Frankfurt), jetzt ist es der Amtrak Northeastern Regional train nach Boston, wo ich übers Wochenende eine Freundin besuche. Erzählen will ich jetzt aber nicht von Boston, sondern von meiner ersten Woche Philadelphia. Die Wohnung Nach dem dank Premium-Economy-Platz (günstiger als ein Economy-Flug mit zusätzlichem Freigepäck) recht angenehmen Flug und einer Stunde unnützem Warten in der Schlange vor der Passkontrolle erreichte ich am späten Nachmittag per Taxi mein neues Zuhause im Westen von Philadelphia. Es war heiß, schwül und unangenehm schwitzig. Der Schlüssel lag – wie vereinbart – im Briefkasten. Der erste Eindruck des Wohn- und Esszimmers war mäßig: Geräumig, aber es stand viel Krempel herum. Anders mein Zimmer: In dem als „möbliert ohne Bett“ beworbenem Zimmer stand weniger herum als erwartet. So war da zwar ein kleiner Schreibtisch, aber kein Stuhl dazu. Was auch nicht da war war die aufblasbare Luftmatratze meiner Mitbewohnerin, die mir versprochen hatte, diese in das Zimmer zu legen. Ich spazierte noch einmal die Baltimore Avenue entlang und kaufte bei einem genossenschaftlich betriebenen und ökologisch angehauchtem Supermarkt das nötigste (Tee, Milch, Oatmeal). Aber bald machte sich die Müdigkeit breit (gefühlt war es ja bereits vier Uhr morgens). Ich hatte zwar kein Bett, aber zum Glück hatte ich Isomatte und Schlafsack mitgenommen. Die breitete ich aus, steckte als Kissen einen Pulli in einen Stoffbeutel, und legte mich schlafen. Wegen Hitze und unbequemer Matratze schlief ich allerdings nicht ein, und kurz drauf klopfte es an meiner Tür: Jene Mitbewohnerin zeigte sich und brachte mir die Luftmatratze. Dank elektrischer Pumpe war diese auch schnell einsatzbereit, so dass ich die erste Nacht doch auf etwas halbwegs bettähnlichem verbringen konnte. Am nächsten Tag oder, besser, in der nächsten Nacht machte sich der Jetlag noch deutlich bemerkbar. Ich schlief nur bis zwei Uhr morgens (ich bin die letzten Jahre wohl zu regelmäßig um acht Uhr aufgestanden). Ich versuchte dann noch so gut es geht zu dösen, aber um vier Uhr war ich endgültig zu wach und begann, Zeug am Rechner zu erledigen. Als es dann wirklich Morgen war und ich gefrühstückt hatte (und ich die Theorie aufgestellt habe, dass dort wenige Leute den Schwarztee zum selber abfüllen kaufen, er daher entsprechend lange in dem Laden stand und so etwas an Geschmack verloren hat) machte ich mich auf den Weg, die wichtigsten ersten Erledigungen zu machen: Erst eröffnete ich ein Bankkonto, was erstaunlich unproblematisch war, zumindest solange mir die Debit-Karte reicht. Dann ging es zum IKEA. Bisher habe ich IKEA gemieden und versucht, bei Einzelgeschäften oder kleineren Ketten zu kaufen, aber in dem Fall überwog die Bequemlichkeit, zu einem Laden zu gehen, wo ich ungefähr weiß, was mich erwarte, wo ich alles bekomme was ich brauche und der mir die Einkäufe nach Hause liefert. Ich brauchte etwa eine Stunden mit dem Bus von West Philadelphia zum IKEA in Süd-Philadelphia, und besorgte mir ein Bett, eine Matratze, eine Decke, Kissen, Bezüge, einen Schreibtischstuhl und ein Bücherregal. Das zu finden brauchte auch nur kaum länger als das Warten am Schalter der die Nach-Hause-Lieferungen entgegennimmt. Aber das Warten zahlte sich aus: Nicht nur dass die Möbel für nur 40$ noch am gleichen Tag geliefert werden, auch entdeckte der Mitarbeiter auf dem Kassenzettel dass mir der Bettrahmen doppelt berechnet wurde, und der Fehler lies sich korrigieren. Mit der Ansage, dass „zwischen fünf und neun Uhr“ meine Möbel geliefert werden, und einem großen Beutel mit allen kleineren Artikeln, die sie nicht liefern wollten in der Hand machte ich mich auf dem Weg zur Bushalt[...]



Ein schlüsselloser Moment

Fri, 29 Jul 2016 09:07:37 +0200

Im Moment nenne ich keinen Schlüssel mein eigen. Ein seltener und seltsamer Zustand, der nur eines heißen kann: Ich ziehe gerade um. Gerade bin ich, mit großem Koffer, großem Rucksack, Handgepäckkoffer und Laptoptasche beladen, in einen gut gefüllten ICE gestiegen. Der bringt mich an den Frankfurter Flughafen, und von dort geht es dann non-stop nach Philadelphia, wo ich die nächsten zwei Jahre leben und an der University of Pennsylvania arbeiten werden. Reisefertig Es gab mehrere Wünsche nach Berichten. Statt Rundmails zu schicken fülle ich lieber -- wie schon während meiner Zeit in Ghana, Indien und Cambridge -- meinen Blog wieder mit mehr (nicht-technischem) Leben. Nun bin ich zwar noch nicht in Philadelphia, aber die ersten Reise-bezogenen Anekdoten kann ich bereits zum Besten geben. Die Abmeldebestätigung Wer aus Deutschland wegzieht hat sich behördlich abzumelden, so will es das Gesetz. Also gut, ich gehe Anfang Juli zum Bürgerbüro (das unterbeschäftigte in Hagsfeld, wo man immer sofort drankommt). Erst verlangt die Mitarbeiterin eine Bescheinigung der Vermieterin, dass ich die Wohnung gekündigt habe. Nun kann ich eine solche nicht vorlegen: Meine Vermieterin wollte mich opportunistischer weise nicht aus dem Mietvertrag entlassen, sondern verlangte, dass meine Mitbewohnerin und ich erst ordnungsgemäß kündigen, bevor sie – eventuell und zu schlechteren Bedingungen – mit ihr einen neuen Vertrag aussetzt. Darauf haben wir uns nicht einlassen wollen, und so bleibe ich weiterhin, zumindest pro-forma, Mieter der Wohnung. Nach ein bisschen gut Zureden akzeptierte die Frau vom Bürgerservice das und verzichtete auf eine Kündigungsbescheinigung. Dann fiel ihr Blick auf mein Auszugsdatum und sie meinte, dass ich zu früh da wäre: Abmeldungen sind erst eine Woche vor dem Wegzug möglich! Welch unsinnige Regel… und ich hatte wenig Lust, in der letzten, mit Umzugs- und Abschiedsstress gefüllten Woche, nochmal nach Hagsfeld zu radeln. Ich: „Kann ich den Antrag eigentlich auch per Post schicken?“ Sie: „Ja, das geht auch.“ Ich: „Und was passiert wenn ich das schon heute per Post schicke?“ Sie: „Dann bleibt es bis eine Woche vor Ihrem Wegzug liegen.“ Ich: „Aha. Kann ich dann den Antrag nicht einfach jetzt bei Ihnen lassen?“ Sie: „Öh. Ja. Das geht auch.“ Sie legte den Antrag auf einen der Schreibtisch-Stapel, und schrieb in Ihren Papier-Kalender für den letzten Monat groß „Abmeldung Breitner“. Zufrieden ging ich von dannen, in der Erwartung die Sache geklärt zu haben und am Dienstag die Bescheinigung (die ich für GEZ, Banken, Versicherungen etc. brauche) im Briefkasten vorzufinden. Am Dienstag war nichts im Briefkasten. Am Mittwoch nicht. Gestern radelte ich also zum Amt. Die Dame erinnerte sich wohl, zog ohne Kommentar meinen Antrag aus dem Stapel, auf den sie ihn vor drei Wochen legte, und meinte, es fehle ja noch die Bescheinigung vom Vermieter… Erneut erklärte ich meine Situation, wedelte mit Visum und Mietvertrag in Philadelphia. Wenige Minuten später lief ich mit der Abmeldebestätigung in der Hand aus dem Büro. Selber und vor Ort klären ist halt doch das einzig wahre. Das Paket Wer denkt, dass ich wohl kaum mit den vier oben genannten Gepäckstücken einen Umzug hinbekomme, hat recht: Ein paar Sachen (Brettspiele, Bücher, Wintersachen) wollte ich per Post vorausschicken. Verunsichert durch Horrorgeschichten über die Behandlung von Postpaketen folgte ich dem Rat einer Freundin, statt Pappkartons stapelbare Kunststoffkisten vom Baumarkt zu nehmen, die nicht nur den Inhalt besser schützen sondern auch dort zum Verstauen geschickt sind. Nun heißt es auf der Webseite von DHL, dass ein Postpaket eine „formstabile Außenhülle aus Pappe, Wellpapper oder Packpapier hat“. Ist meine Kiste nun ein Postpaket? Wie heut zu [...]



Eindrücke von der GPN16

Mon, 30 May 2016 11:06:10 +0200

Letztes verlängertes Wochenende war wie die alljährliche Gulaschprogrammiernacht des Karlsruher Chaos-Computer-Club-Ablegers entropia, und ich war natürlich dabei.

Ich halte mich auf GPNs vorwiegend ans Vortragsprogramm und erfuhr diesmal, was es Neues bei Rust gibt, wie man im Weltraum kommuniziert und wie man sich mit Raumschiffhüllen vor dem Weltraum schützt. Mein erster Gleitschirmfluglehrer, Alex Zosel, erzählte von seinem Volocopter.

Ich selbst habe mich auch am Programm beteiligt:

  • Ich bot einen Workshop zu meiner Incredible Proof Machine an. Erwartet hatte ich vielleicht fünf bis zehn Teilnehmer, alle mit Laptop, die mit ein bisschen Anleitung mit der Proof Machine spielen oder vielleicht auch daran basteln wollen. Statt dessen wartete ein überfüllter Workshopraum mit über 40 Teilnehmern auf mich, so dass das Ganze dann in einen Stegreif-Vortrag über Aussagenlogik im Allgemeinen und die Proof Machine im Speziellen ausartete.

    Das Feedback zur Proof Machine war sehr positiv. Schon vor dem Workshop sah ich einige GPN-Teilnehmer eifrig Beweise zusammenklicken. Nach dem Workshop wurde ich gebeten, doch statt Professor X an Universität Y die Logik-Vorlesung zu halten.

    Ich hatte am Freitag der Proof Machine ein neues Feature spendiert: Sie zeigt jetzt an, wie komplex der erstellte Beweis (gemessen in der Anzahl der Blöcke) ist, und wie weit man vom bekannten Optimum entfernt ist. Dazu brauche ich natürlich diese Werte, und so bat ich einfach die Workshop-Teilnehmer, von ihren Beweisen diese Zahlen zu melden, was zu einer kleinen Flut an Github-Pull-Requests führte. So einfach bekommt man neue Mitarbeiter!

  • Ich stellte in einem Vortrag mein Git-Performance-Dashboard gipeda, das ich für den Haskell-Compiler GHC geschrieben habe. Den Slot füllte ich gemeinsam mit Sebastian Graf, der sein darauf aufbauendes Tool feed-gipeda vorstellte. Mein Vortrag war jetzt nicht die große Publikums-Show, aber ich denke, dass die, die gipeda vielleicht einsetzen wollen, jetzt wissen, was es genau macht.

Am Samstag Abend war dann noch ein wenig vergnügliches Programmieren angesagt, als ich meinem Kollegen Martin Mohr half, in Django eine Web-Version eines Geschichten-Erzähl-Spiels umzusetzten.

Was ich diese GPN vermisste waren die eigentlich traditionellen Geek-Beschäftigungs-Maßnahmen wie das Programmierspiel, die Schitzeljagd und den GameJam. Wer für nächstes Jahr ein Programmierspiel auf die Beine stellen will, kann sich bei mir melden; ich hab seit zwei Jahren etwa so-gut-wie-fertiges; bisher fehlten mir lediglich die Mitstreiter für die Vor-Ort-Organisation.

PS: Das Gulasch war lecker!




Das Mitschriebwiki zieht um

Wed, 11 May 2016 19:12:57 +0200

Vor bald 12 Jahren habe ich die Webseite http://mitschriebwiki.nomeata.de/ (damals noch unter anderem Namen) ins Leben gerufen, auf der Karlsruher Studenten ihre schön geTeXten Mitschriebe ihrer Mathematik-Vorlesungen hochladen konnten. So kamen im Laufe der Jahre 35 Dokumente zusammen.

In letzter Zeit wurde es ruhig um das Mitschriebwiki, und auch ein Layout-Redesign durch meinen Bruder konnte die Seite nicht mehr mit neuem Leben füllen. (Wo teilen die Studenten heute eigentlich ihre Mitschriebe?) Da ich selbst bald aus Karlsruhe wegziehen werde, ist es nicht mehr sinnvoll, wenn die Software weiter auf meinem privaten Server läuft.

Andererseits floß dort viel Arbeit rein und einige der Mitschriebe werden auch weiterhin regelmäßig von heutigen Studenten heruntergeladen (600 Downloads dieses Jahr, 2000 Downloads letztes Jahr). Außerdem wird es an einigen Stellen im Internet verlinkt.

Daher stelle ich das Mitschriebwiki auf folgende, nachhaltige, Hosting-Lösung um:

Die Wiki-Software “latexki”, die ich eigens für das Mitschriebwiki gebaut hatte, wird dabei auch weiter verwendet, allerdings nur noch um die Ausgabedateien zu generieren – die Skripte, die es ermöglichten, im Webbrowser die Dokumente zu bearbeiten und (mit Konfliktresolution!) direkt ins SVN zu schreiben werden nicht weiter verwendet (was mich ruhiger schlafen lässt). Ich habe nicht vor an der Software noch viel zu ändern, außer dafür zu sorgen, dass sie weiter kompiliert. Ihr findet den Code auf https://github.com/nomeata/latexki

Ich möchte mich an der Stelle nochmal bei allen Mitschriebwiki-Mitautoren bedanken und hoffe, dass die Texte noch vielen weiteren Studentengenerationen eine wertvolle Hilfe ist.




Tiptoi-Bastelei mit meinem Neffen

Sat, 07 May 2016 16:19:34 +0200

Schon mit einem 4½-jährigen kann man wunderbar eigene Tiptoi-Bastelein erstellen, so wie ich gestern abend mit meinem Neffen:

(image)

Der Künstler und sein Werk

  1. Mein Neffe durfte ein DIN-A4-Blatt bemalen, mit worauf immer er Lust hatte. Bei uns kam das Werk, das im obigen Bild am unteren Rand zu sehen ist.

  2. Dann ließ ich ihn alle Elemente des Bildes beschreiben, während ich seine Stimme mit dem Laptop aufnahm. Zwar nur mit mit dem eingebauten Mikro, aber für eine kleine schnelle Bastelei genügt das, wenn ich die Aufnahme hinterher mit Audacity laut genug mache (Ich habe das über „Normalisieren“ gemacht, bin aber nicht sicher ob dass der richtige Knopf dafür war). Da er das Werk dann zu Hause seiner Schwester zeigen will, ließ ich ihn zusätzlich ein „Hallo Schwester“ für den Anschalt-Sound sprechen.

    Meinem Neffe machte es sichtlich Spaß, seine Stimme aufzunehmen; gleichzeitig ist es eine gute Übung im deutlich Sprechen und im Hand-aus-dem-Mund nehmen.

    Das war es leider auch schon an Arbeitsschritten, an denen mein Neffe mitarbeiten konnte.

  3. Die Aufnahmen speicherte ich (22050Hz, mono, OGG) in ein Verzeichnis, und legte eine einfache YAML-Datei neffe.yaml an:

    language: de
    welcome: HalloSchwester
    product-id: 901
    scripts:
      Auto:
        - P(Auto)
      Feuerwehrhaus:
        - P(Feuerwehrhaus)
      ...
  4. Mit dem Tiptoi-Tool und dem Befehl tttool assemble neffe.yaml erstelle ich die GME-Datei für den Stift, und mit tttool oid-codes neffe.yaml die PNG-Dateien mit den optischen Codes.

  5. Ich fotografierte das Blatt Papier ab und lud das als Hintergrund in ein GIMP-Projekt mit den üblichen Einstellungen (1200dpi, A4). Die Qualität ist nicht wichtig; ich habe das nur genommen, um die Codes ungefähr zu positionieren und auszurichten. Danach blendete ich das Hintergrundsbild wieder aus.

  6. Diese Codes druckte ich auf ein leeres Blatt Papier. Dieses legte ich über die Zeichnung und hielt es gegen das Licht, um zu prüfen, ob die Codes wirklich gut ausgerichtet sind. Jene, die etwas daneben lagen, hab eich dann in GIMP noch einmal verschoben.

  7. Als alles passte, legte ich die Original-Zeichnung in den Drucker (auf die Richtige Orientierung achten!) und druckte die Codes darauf. Das geht nur einmal, also nichts falsch machen!

(image)

Achtung: Aufnahme!

Und fertig: Eine Kinderzeichnung mit Erklärungen vom Künstler persönlich, für seine Schwester und alle seine Freunde. Alles in allem etwa 60 bis 90 Minuten, davon mehr als die Hälfte mit meinen Neffen gemeinsam.




Doktorhut

Wed, 27 Apr 2016 20:02:06 +0200

Vorgestern, am 25. April um kurz vor 16 Uhr, wurde mir aus gegebenem Anlass von meinen Kollegen am Lehrstuhl für Programmierparadigmen des Karlsruher Instituts für Technologie ein schwarzer, viereckiger Hut überreicht:

(image)

Mein Doktorhut

Der Tradition entsprechend ist der Hut mit verschiedenen Aufbauten versehen, die etwas mit meinen Hobbies oder meiner Arbeit am Institut zu tun haben. Im Folgenden eine Erklärung der Aufbauten, vor allem für mich selbst in 30 Jahren:

  • Ein Gleitschirm, da ich seit ein paar Jahren Gleitschirm fliege
  • Eine organene Pyramide, das Logo der Karlsruher Spielepyramide, deren dienstäglichen offenen Spieleabend ich oft besuche, und wo ich schon viele Brettspiele kennen gelernt habe
  • Tanzende Paare, da ich, seit ich vor 2½ Jahren mit dem Swing-Tanzen angefangen habe, nun mehrmals die Woche zu Kursen oder zu Socials gehe
  • Ein Straßenschild, was auf die Geschichte mit der Freierzone anspielt
  • Eine leere Knoppers-Packung. Zeitweise wurde am Lehrstuhl nach Feierabend eine Runde Enemy Territory gespielt, und eines Tages ersetzte ich ein paar der Audio-Samples des Spiels durch Aufnahmen meiner Stimme, wo statt „Tank“ oder „Bomb“ eben von „Knoppers“ die Rede war. Dank netzwerkweiter Installation des Spiels ertönte das dann auch bei all meinen Kollegen aus dem Lautsprecher. Soweit ich weiß wurde das bisher nicht rückgängig gemacht.
  • Legosteine, mit denen man Beweise im Stile der Incredible Proof Machine zusammen bauen kann
  • Eine Packung „Philadelphia – Postdocstufe“, da ich diesen Sommer als Post-Doc an der University of Pennsylvania in Philadelphia anfangen werde.

All diese Aufbauen sind per Magnet am Hut befestigt und fehlten ursprügnlich. Erst als ich mit einem Tiptoi-Stift diese Papierzettelchen angetippt hatte, und der Spruch “evaluating thunk” ertönte, wurde mir der jeweilige Aufbau gegeben – ganz im Sinne der „Lazy evaluation“, die auch im Titel meiner Dissertation steht, und selbst eine Anspielung auf meine Tiptoi-Basteleien und das tttool.

Der Zylinder des Huts ist mit Bilderrätseln dekoriert, die noch die Begriffe „Haskell“, „Isabelle“ und „Debian“ darstellten.

Zusätzlich bekam ich eine Langhaar-Perücke, mit der ich mich wieder in die Zeit vor dem großen Schnitt zurückversetzen kann, wie man auf den Bildern von meiner Verteidigung sieht.

Vielen Dank an die Bastler!




Freierzone, jetzt erst recht

Tue, 24 Nov 2015 11:04:50 +0100

Vor drei Tagen habe ich ja hier einen Vorschlag für ein alternatives Fußgängerzonen-Schild für die Karlsruher Brunnenstraße gemacht. Und siehe da, es hat sich jemand (das Tiefbauamt? ein Street-Artist? die arbeitende Bevölkerung der Brunnenstraße?) meinem Vorschlag angenommen, und tatsächlich das Schild geändert:

(image)

Neue Beschilderung der Karlsruher Brunnenstraße

Mehr Bilder auf meiner Bilder-Seite.

Ich bin gespannt wie lange es so hängen wird. Wenn Ihr es die nächsten Tage seht, lasst es mich wissen!

Update (24.11.2015): Jemand auf Instagram hat das Schild auch entdeckt.

Update (25.11.2015): Leider hing das Schild schon heute morgen nicht mehr.

Update (25.11.2015): Auch ka-news berichtet.